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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 15.08.2007

Trauer und wie man damit lebt

Neu im Kino: "Die Liebe in mir", "Am Ende kommen Touristen"

Vorgestellt von Hannelore Heider

Der Film "Die Liebe in mir" erzählt von einem Witwer, der, seit er seine Familie bei den Terroranschlägen vom 11. September verlor, nicht mehr lebensfähig ist. In seinem neuen Film "Am Ende kommen Touristen" hat Robert Thalheim die Erfahrungen eines jungen deutschen Zivildienstleistenden im polnischen Oswiecim, dem früheren Auschwitz, ins Bild gesetzt.

Die Liebe in mir
USA 2007, Regie: Mike Binder, Hauptdarsteller: Adam Sandler, Don Cheadle, Jada Pinkett Smith, Liv Tyler, ab 6 Jahren

Ein Film zum Thema 9/11, erzählt als melancholisches Beziehungsdrama, in dem die Trauer eines Opfers im Mittelpunkt steht, das nicht einmal unmittelbar, sondern nur mittelbar betroffen ist - das stellt schon eine Rarität im Hollywoodkino dar, das sich bisher nur mit Oliver Stones "World Trade Center" und Paul Greengrass "Flug 93" frontal und spekulativ dem Thema zuwandte.

Regisseur Mike Binders Film ist unspektakulär, die ganze erste Hälfte des Filmes erleben wir einen traumatisierten Witwer, der seine Frau und drei Töchter in einem der Flugzeuge verlor, die ins World Trade Center rasten. Seitdem ist der Zahnarzt Charlie Fineman (Adam Sandler) im gängigen Sinne nicht mehr arbeits- oder lebensfähig.

Er verweigert sich der Welt, indem er das Leben vor der Katastrophe, das Leben eines Teenagers führt. Er segelt in traumhaft eingefangenen Sequenzen auf einem Roller durch menschenleere Straßen von Manhattan, immer den Kopfhörer mit seiner Lieblingsrockmusik auf den Ohren, um die Welt möglichst komplett auszublenden.
Übersprungshandlungen, wie das ständige Renovieren der Küche oder pubertäre Computerspiele, wo er immer dieselben Bösen schlägt, machen aus ihm einen Zombi, der sogar gerichtsnotorisch wird. Denn seine Schwiegereltern wollen sich im Grunde eine "angemessene" Trauer einklagen. Und genau die verweigert Terry.

Im Beschreiben dieses Zustandes hat der Film großartige, berührende Momente. Auch die Männerfreundschaft zu einem Collegefreund Alan (Don Cheadle), der als einziger Zugang zu Terry findet, weil ihre Beziehung weit weg vom Familienleben in der Jugend lag, ist gänzlich gegen alle Klischees der üblichen "Bodymovies" gezeichnet.

Don Cheadle und der kurios verkleidete, aber überzeugende Adam Sandler leisten gemeinsam mühevolle und trotz eines Hoffnungsschimmers am Ende vielleicht doch vergebliche Trauerarbeit. Das ist so ungewöhnlich in einem konventionell erzählten Hollywoodfilm und so glaubhaft, dass man ihm die nur um Originalität bemühten "anreichernden" Nebenfiguren (leider alles Frauen) und Nebenhandlungen nachsehen kann.

"Am Ende kommen Touristen" (NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM FILMSTART)Am Ende kommen Touristen
Deutschland 2007, Buch und Regie: Robert Thalheim, Hauptdarsteller: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka

Robert Thalheim erzählt nach eigenem Drehbuch und wohl zu Teilen eigenem Erleben
eine Liebesgeschichte an einem sehr ungewöhnlichen Ort. Womit in dieser eigentlich unspektakulären, genau und sachlich erzählten Geschichte eines jungen Mannes, der als Zivildienstleistender nach Auschwitz kommt, auch schwierigste Themen und Konflikte behandelt werden, ohne das irgendetwas davon aufgesetzt oder moralisierend wirken würde.

Denn Sven (Alexander Fehling) hatte sich die Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz nicht eigentlich ausgesucht. Er kommt ohne große Erwartungen oder Vorurteile und ist nur erstaunt, wie normal die Stadt neben dem ehemaligen Konzentrationslager lebt. Durch die Liebe zur Dolmetscherin Ania lernt er das heutige Auschwitz mit all seinen Problemen kennen, die auch darin bestehen, dass alle Welt von einem Bewohner in Auschwitz etwas ungewöhnliches, nur kein normales Leben erwartet. Ania will weg, auch deshalb, und Dolmetscherin in Brüssel werden.

Zunehmend schwerer fällt Sven auch sein Hilfsjob im routinemäßig laufenden "Gedenkbetrieb". Vor allem, seit der den ehemaligen KZ-Insassen Stanislaw Krzeminski kennen lernte. Als Zivi soll er den alten Mann betreuen, aber der sträubt sich, wie er sich überhaupt als Stachel im Getriebe des gigantischen KZ-Museums erweist. Sven mischt sich ein, als er merkt, dass Verständnis und Respekt für den alten Mann fehlen, und wird sogar so etwas wie sein Beschützer.

Am Ende, als Sven fast schon aufgegeben hat, kommen Touristen, wie jeden Tag und fragen nach dem Weg und damit wird das schon bittere Fazit auf realistische, auf einzig mögliche Weise relativiert. Der Film sieht dabei wie eine Sommergeschichte aus. Lässig und fast cool im Ton, unaufwendig in der Kameraarbeit und mit einem hervorragenden Hauptdarsteller wird das an der Filmhochschule Babelsberg entstandene Drehbuch von Robert Thalheim selbst zu einem der anspruchsvollsten deutschen Filme gemacht, die in den letzten Monaten ins Kino kamen.

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