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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.11.2014

TransplantationsmedizinDie Organspende in der Sackgasse

Gesundheitssoziologin über die eklatante Fehl- und Unterversorgung von Patienten

Alexandra Manzei im Gespräch mit Anke Schaefer und Christopher Ricke

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Ein Mann in grüner OP-Kleidung trägt einen Styropor-Behälter für den Transport von Spenderorganen an einem Operationssaal vorbei. (dpa / Soeren Stache)
Ein Spenderorgan wird in einem keimfreien Behälter schnellstmöglichst zum Patienten transportiert. (dpa / Soeren Stache)

Es werde niemals ausreichend Spenderorgane geben, sagt Alexandra Manzei von der Uni Augsburg. Die einzige Lösung sei deshalb, nach lebensrettenden Alternativen zur Transplantation zu forschen, so die Gesundheitssoziologin.

Organspende kann Leben retten, wenn das gesunde Herz eines Toten in einer anderen Brust weiterschlagen kann, sagen die Befürworter. Organspende kann Leben bedrohen, weil Organe manchmal auch zu früh entnommen werden, entgegnen die Kritiker.

In Frankfurt am Main tagt derzeit die Deutsche Stiftung Organtransplantation und es ist ganz klar: Man wird wieder feststellen, es gibt nicht genug Organe, vielen Patienten kann nicht geholfen werden.

"Ich würde da auch nicht von Organmangel reden", sagt Alexandra Manzei, Professorin für Gesundheitssoziologie an der Uni Augsburg im Deutschlandradio Kultur. Sie spricht "von einer eklatanten Unter- und Fehlversorgung der Patienten in der Transplantationsmedizin. (...) Genau aus dem Grund, weil es niemals ausreichend Organe für alle Bedürftigen geben wird."

"Lebensfrisch" entnommene Organe

In anderen Ländern kann man Organe bereits Herztoten entnehmen, also Menschen, deren Gehirn noch funktioniert. Menschen, die nach deutscher Gesetzgebung lebendig wären, sofern sie vorher zugestimmt haben. In Deutschland gehört das noch zu den Tabus.

Genauso tabuisiert sei hierzulande die Möglichkeit des sogenannten attestierten Suizids, erläutert Alexandra Manzei: Todkranke Menschen, die ausdrücklich wünschten, dass sie im Operationssaal zu Tode gebracht werden, damit dort ihre Organe entnommen werden können, um sie "lebensfrisch" zu verpflanzen. Die Grenze zwischen Leben und Tod werde - aufgrund des Organmangels - immer weiter in Richtung Leben verschoben, so Manzei.

"Diese Transplantationsmedizin, die sich auf die Organe von sterbenden und lebenden Menschen stützen muss, ist ein Weg in die Sackgasse", kritisiert die Gesundheitssoziologin. Man müsse daher verstärkt nach Alternativen forschen und die Präventionsmedizin fördern.

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Interview, 13.10.2014)

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