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Rang I | Beitrag vom 07.04.2018

"Transit" und "Das siebte Kreuz" als aktueller BühnenstoffAnna Seghers Fluchtschicksale

Von Stefan Keim

Bühnenszene, in der ein Mann (Max Simonischek als Georg) zusammengekauert auf dem Boden liegt (Thomas Aurin)
Max Simonischek als Georg in einer Szene aus dem Stück "Das siebte Kreuz" am Schauspiel Frankfurt (Thomas Aurin)

Der Roman "Transit" ist nicht nur Grundlage für Christian Petzolds gleichnamigen Kinofilm. Mehrere deutsche Theater haben derzeit Adaptionen ihrer Werke im Programm. Was macht die Texte von Anna Seghers so zeitgemäß?

Ausschnitt aus "Das siebte Kreuz" (Theater Oberhausen): "Erster Tag. Wie lange er auch über die Flucht nachgedacht hat, wie viele Einzelheiten er auch erwogen hat, in den ersten Minuten der Flucht ist er ein Tier."

Sieben Häftlinge fliehen aus einem Konzentrationslager. Der KZ-Kommandant lässt sieben Kreuze errichten, an die er die Geflüchteten nach ihrer Ergreifung hängen will. Eins bleibt frei, einer kommt durch. Anna Seghers Roman "Das siebte Kreuz" war ein Zeichen für Hoffnung und Widerstand. Er wurde in Zeitungen als Fortsetzungsgeschichte gedruckt, als Comic veröffentlicht, amerikanische Soldaten lasen ihn – und die Verfilmung mit Spencer Tracy bewegte Millionen. Auch heute packt die plastische, klare Sprache von Anna Seghers sofort.

Anna Seghers bei einem Schriftstellertreffen in Berlin 1961 (dpa / picture alliance)Auch heute packt die plastische, klare Sprache von Anna Seghers sofort, meint unser Kritiker Stefan Keim. (dpa / picture alliance)

Ausschnitt aus "Das siebte Kreuz" (Theater Oberhausen): "Das Geheul der Sirenen dringt kilometerweit über das Land. Zum Glück dämpft der Herbstnebel das Licht der Scheinwerfer. Er duckt sich tiefer ins Gestrüpp. Der Morast unter ihm gibt nach. Er versucht, sich festzuhalten, aber die Finger sind zu glitschig und eiskalt."

Lars-Ole Walburgs Inszenierung von "Das siebte Kreuz" am Theater Oberhausen erinnert an ein Hörspiel. Die Erzählertexte sind auf das Ensemble verteilt, mal sprechen die Darsteller einzeln, mal im Chor, mal übernehmen sie Rollen und spielen Szenen. Dann entfaltet die Aufführung psychologische Spannung, die sie auch in den epischen Erzählpassagen nicht verliert.

Texte von Seghers brauchen keine Aktualisierung

Ausschnitt aus "Das siebte Kreuz" (Theater Oberhausen): "Einer der Westhofen-Sträflinge hat sich bei uns in Buchenau versteckt. - Die Alma hat ihn gesehn. - Als er ins Dorf schlich. - Und dann waren wir alle auf der Jagd. Wir Pimpfe, alte Frauen, die Bauern und SA-Leute. - Wir haben das ganze Dorf umgekrempelt."

Es braucht keine Aktualisierung, um diese Texte in die Gegenwart zu übertragen. Das Erlebnis, zu fliehen, ausgeliefert zu sein, einer feindlichen Umwelt gegenüber zu stehen, ist sofort nachvollziehbar. Die Theater kämen wahrscheinlich gar nicht auf den Gedanken, die Geschichte in einem Hollywood-Realismus zu erzählen. Das wäre auch nicht sinnvoll, denn es würde die Wirkung verkleinern.

"Das siebte Kreuz" war auch die Einstandsinszenierung von Anselm Weber am Schauspiel Frankfurt. Wie Lars-Ole Walburg nimmt er Anleihen beim epischen Theater. Die Schauspieler sind schwarz gekleidet, wechseln Rollen und Kostüme, die leere Spielfläche wird von Wänden mit Sitzbänken umrahmt.

Ausschnitt aus "Das siebte Kreuz" (Schauspiel Frankfurt): "Wir brechen aus in die Wildnis und suchen Schutz in ihr."

Werke aus dem Zweiten Weltkrieg für Theater interessant

Anna Seghers hat eine Menge Romane und Erzählungen geschrieben. Für die Bühne bearbeitet werden ausschließlich die beiden Texte aus dem Zweiten Weltkrieg, die von Flüchtenden erzählen. Das ist neben dem "Siebten Kreuz" der Roman "Transit".

Hier geht es um einen namenlosen Ich-Erzähler, einen Deutschen, der vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflohen ist. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wartet er in Marseille auf sein Visum und die Möglichkeit einer Weiterreise, findet Freunde und verliebt sich. Schließlich entscheidet er sich, nicht weiter zu fliehen, sondern sich dem antifaschistischen Kampf anzuschließen.

Wie Anna Seghers glaubt auch ihr Protagonist an eine bessere Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie Bürgerin der DDR und war 26 Jahre lang Präsidentin des Schriftstellerverbandes. Während dieser Zeit stimmte sie zwar gegen den Ausschluss von Heiner Müller, übte aber keine öffentliche Kritik an Zensurmaßnahmen der Regierung.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass sich die Theater mit den Werken von Anna Seghers nach 1945 anscheinend nicht auseinandersetzen möchten. "Transit" dagegen läuft gerade parallel am Deutschen Theater in Berlin, am Staatstheater Braunschweig und am Theater Ulm.

Ausschnitt aus "Transit" (Staatstheater Braunschweig): "Ich kam von oben her, in die Bannmeile von Marseille. An einer Biegung des Meeres sah ich das Meer weit unten, zwischen den Hügeln."

In Braunschweig steht Anna Seghers selbst als Figur auf der Bühne. Was Sinn macht, da sie in diesem Roman auch ihre eigenen Fluchterlebnisse verarbeitet hat. Der Grund für die Anna-Seghers-Renaissance auf den Theaterbühnen ist eindeutig: Sie hat bewegende, überzeugende Geschichten von Flüchtenden erzählt, in denen sich nicht nur einzelne, sondern viele Schicksale spiegeln. Auch die von Menschen, die heute auf der Flucht sind.

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