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Nachspiel | Beitrag vom 02.05.2021

Trans*Personen im SpitzensportWettkampf als politisches Statement

Von Tilo Mahn

Hannah Aram steht in einem schneebedecktem Tal im Gebirge. (Deutschlandradio / Tilo Mahn)
Hannah Aram an ihrem Rückzugsort in den Bergen. Sie startet in der Freeride World Tour der Frauen im Skisport. (Deutschlandradio / Tilo Mahn)

Die Trennung nach Frau und Mann hat im Sport Tradition. Menschen, die sich da nicht einfügen lassen, stellen Verbände und Aktive vor Probleme. Freeriderin Hannah Aram sagt, es gehe letztlich um die Frage, ob eine Trans*Person als Mensch gesehen wird.

Hannah Aram war immer ein Mädchen, auch wenn die Welt gebraucht hat, um das zu verstehen. Mit drei Jahren hat sie in Schottland Skifahren gelernt, später in stillgelegten Minen Abfahrten trainiert. Heute startet die 37-Jährige in der Freeride World Tour der Frauen.

Als Transgender*Athletin beschäftigt sie sich zwischen dem Training bei Tiefschneeabfahrten und der Wettkampfvorbereitung mit den Rechten von Trans*Personen. Auch, weil sie Opfer von Gewalt wurde und mit Traumabewältigungen zu kämpfen hat.

Mitmachen als politischer Akt

"Ich brauche dann eine Auszeit. Aber meine Auszeit ist eine Sportart, die sehr weiß ist, die sehr cis ist, die sehr able ist", berichtet Aram. "Und das ist die Darstellung von Skifahren und vom Freeriden, die wir alle mitbekommen, da sind die meisten Förderungen und Möglichkeiten für Sponsorship und auch die meisten competitions. Die meisten Coaches sind männlich. Überhaupt mitzumachen, wird dadurch für mich ein politischer Akt." Und das ist auch anstrengend. Vielen nicht-heteronormativen Sportler*innen geht es so.

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Die Frage nach Geschlechtsidentität, Gleichberechtigung in Sport und Gesellschaft ist dabei keine neue. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität war bereits 2017 an den Deutschen Olympischen Sportbund herangetreten, um sich mit dem DOSB auszutauschen.

Gesamtgesellschaftliche Systeme

Kirsten Witte-Abe arbeitet dort im Ressort Chancengleichheit und Diversity und begleitet die Entwicklungen im eigenen Verband und in einzelnen Vereinen. "Schritt halten ist vielleicht ein gutes Stichwort. Da sind wir natürlich nicht in dem Tempo unterwegs, wie es sich wahrscheinlich vor allem auch Trans* und Inter*Personen wünschen würden. Das ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass langjährige Tradition dahintersteckt und sicherlich auch ein System, das sich lange bewährt hat und auch den Systemen entspricht, die gesamtgesellschaftlich existieren."

Im Leistungssport, bei Wettkämpfen oder Olympischen Spielen dominieren die Diskussionen um Chancengleichheit, Grenzen von Hormonwerten und die Einteilung in Leistungsklassen. Der DOSB versteht sich beim Thema Trans*Personen im Sport als Vermittler, organisiert Tagungen und Workshops, in denen sich Interessensgruppen austauschen können.

Konkrete Lösungen für die vollständige Integration von Trans*Personen ins Wettkampfgeschehen gibt es bisher nicht.

"Es gibt da auch unterschiedliche Einschätzungen, selbst von den Interessengruppen. Auch die diskutieren. Würde das nicht zu Chancen-Ungerechtigkeit führen? Oder wenn wir dritte Klassen für diverse Sportler:innen einführen: Wäre das des Pudels Kern? Würde man damit überhaupt irgendjemandem helfen?", fragt sich Kirsten Witte-Abe. "Das ist wirklich keine leichte Debatte und man sich jetzt wirklich den Spitzensport, die Toplevel-Ebene an, dann ist das nicht einfach."

Debatte in den Sportverbänden

Im Breitensport auf Vereinsebene seien demnach eher Veränderungen möglich, sagt Witte-Abe. Der Berliner Fußballverband hat seine Spielordnung geändert. Dort dürfen diverse Sportler*innen selbst entscheiden, ob sie bei den Frauen oder bei den Männern mitspielen. An vielen Stellen scheinen gesellschaftliche Normen und Entwicklungen die Strukturen des Sports allerdings überholt zu haben.

Für die Ski-Freeriderin Hannah Aram bedeutet das, dass sie wegen ihrer Geschlechtsidentität ungewollt zur Projektionsfläche für eine Debatte in Sportverbänden wird. "Ich glaube, die politische Komponente kann man nicht von den anderen Dingen trennen, die gleichzeitig stattfinden. Es wird politisch gemacht. Ich entscheide das nicht. Meine Existenz wird politisiert. Und wenn ich dann auftrete bei einer competition, wenn ich überhaupt in der Gesellschaft auftrete oder auf der Straße langgehe, dann ist das ein politisches Statement. Nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen."

Für Vereine besteht langfristig die Frage, ob Personen, die nicht ins Raster passen, sich nicht mehr willkommen fühlen. Möglicherweise wird es dann auch ein relevantes Thema, wenn die Mitgliederzahlen deshalb zurückgehen.

Eine neue Definition von "alle"

Im Leistungssport sieht Kirsten Witte-Abe neben strikten Regelwerken und festgefahrenen Strukturen beim Thema Teilhabe die größten Hürden. "Die Definition von 'alle' hat sich einfach verändert. Früher hatte man ein klassisches Bild von 'allen'. Ganz früher waren es nur die Männer, dann irgendwann kamen die Frauen dazu. Mittlerweile sind wir bei einem nochmal erweiterten Bild. Und ich denke, dass das Anliegen nach wie vor auch ist, alle Personen, je nachdem, wie der gesellschaftliche Begriff dann auch geprägt ist, die Möglichkeit zu bieten, an Wettkämpfen teilzunehmen."

In naher Zukunft heißt das für Trans*Personen: Sie werden möglicherweise nach weniger unfairen Kriterien einer Geschlechtskategorie zugewiesen. Das Problem, dass die Vielfalt in der Gesellschaft dann im Sport auf genau zwei Geschlechtskategorien reduziert wird, besteht weiter.

Hannah Aram lächelt in die Kamera (Aram)Hannah Aram setzt auf den Respekt für Vielfalt – im Sport und in der Gesellschaft. (Aram)

Für Hannah Aram ist die Frage nach der Leistungsfähigkeit von Körpern und deren Einteilung absurd, denn alle Körper seien unterschiedlich.

Glaube an das Gemeinsame

Die entscheidende Frage für sie bleibt, wie man dabei mit den Menschen in den Körpern umgeht. "Es ist die gleiche Frage, die immer wieder zu Frauen im Sport, schwarzen Menschen im Sport, behinderten Menschen im Sport, schwarzen Frauen im Sport und Transgender Menschen im Sport gestellt wird. Die darunterliegende Frage ist, ob diese Person ein Mensch ist oder Unmensch. Und darf diese Person für sich selbst entscheiden, dass sie ein Mensch ist, dass sie Frau ist oder liegt diese Entscheidung woanders."

Dabei glaubt Hannah Aram an das Gemeinsame, dass die Sportwelt und die Gesellschaft mehr verbindet als sie trennt. Immer wieder stößt sie dabei auf das Leitbild, von dem sie fest überzeugt ist: vom Sport in seiner unerschöpflichen Vielfalt.

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