Zeitfragen 17.10.2019

Trainieren gegen KrebsSport während und nach einer KrebstherapieVon Carina Fron

Beitrag hören Die Beine einer Frau, die in Sneakers auf einem Laufband läuft. (Eyeem / Prathan Chorruangsak)Sich auspowern tut gut, sagt Barbara Maier, die eine Krebsoperation, Chemotherapien und sechs Wochen Bestrahlung hinter sich hat. (Eyeem / Prathan Chorruangsak)

Sport ist gesund, das gilt auch im Kampf gegen Krebs. Denn gezielte Bewegung hilft nicht nur, das Rückfallrisiko zu senken. Sie wirkt auch während einer Behandlung, kann Heilungschancen erhöhen oder Nebenwirkungen der Krebstherapie abmildern.

Eine Frau tobt sich gerade auf einem Stepper aus, einer Trittstufe aus Plastik. 20-mal auf und ab. Drei Wiederholungen.

"Sie stehen hier mit einem strahlenden Lächeln vor mir", sagt Barbara Maier. "Ja, es ist anstrengend. Aber es tut total gut." Barbara Maier heißt eigentlich nicht so, möchte aber anonym bleiben.

Nichts unterscheidet den Raum im Erdgeschoss des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin von einem Fitnessstudio: Laufbänder, Rudergeräte, Muskelaufbau-Stationen. Alles Geräte um Ausdauer und Kraft zu verbessern.

Jeden Dienstag trainieren hier vor allem Krebspatientinnen und –patienten unter den wachsamen Augen von Sporttherapeutin Christiane Zimmer: "Sehr gut. Links, rechts, links, rechts. Genau. Noch ein bisschen durchhalten. Drei, zwei, eins und Pause."

Training für Erkrankte – oder als Reha

Wer hier trainiert, ist entweder noch krank oder befindet sich in der Reha.

"Also bei mir haben sie vor einem Jahr Brustkrebs festgestellt", erzählt Barbara Maier, "und dann hatte ich ein halbes Jahr Chemotherapien, unterschiedliche, dann die OP - klassisch - und dann die Bestrahlung sechs Wochen."

Die 50-jährige Barbara Maier sieht auf den ersten Blick topfit aus. Schlank, trainiert und motiviert. Doch ihr Körper erholt sich noch immer von der Krebstherapie. Häufig fühlt sie sich schlapp. Es braucht noch Zeit, bis ihre Ausdauer wieder voll hergestellt ist. Außerdem macht seit der Brust-Operation die Schulter Probleme.

Deshalb zielen die meisten Übungen darauf ab, ihre Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern. Wie zum Beispiel beim Klimmzug.

"Und ich merke richtig wie es knackt, was super ist", sagt sie. "Tut nicht weh, aber strengt mich wahnsinnig an." Immer wieder zieht sie die Stange nach unten. Therapeutin Christiane Zimmer schaut ihr über die Schulter.

"Jeder spricht unterschiedlich auf die Behandlung an"

"Man muss genau schauen", erklärt die Therapeutin. "Was für den einen gut ist, ist für den anderen vielleicht überhaupt nicht gut. Jeder spricht unterschiedlich auf die Behandlung an, auf die Chemotherapie, auf die Bestrahlung. Wir müssen eigentlich jeden Tag neu schauen, wie geht es ihnen heute, wie war die Woche bisher und dann entscheiden, was machen wir heute für Übungen."

Barbara Maier ist momentan krebsfrei, auch wenn die Ärzte mit so einem endgültigen Urteil vorsichtig sind. Denn bis zu zehn Jahre nach der Erstbehandlung kann der Krebs wiederkommen. Bei rund zehn Prozent der Krebserkrankten ist das der Fall.

Die krankhaft veränderten Zellen können sich im restlichen Brustgewebe einlagern und dort jahrelang ruhen. Bei rund 25 Prozent der Patientinnen, also bei rund einem Viertel, bilden sich Metastasen. Das sind Zellen, die sich vom Tumor in der Brust abspalten und in andere Körperregionen wandern und dort dann anfangen zu wuchern.

"Aber ich möchte mich gar nicht mit dem Thema so doll auseinander setzen - oder nicht mehr", sagt Barbara Maier. "Also ich fühle mich jetzt gesund. Wenn jetzt etwas aufpoppt, dann setze ich mich damit auseinander, aber im Moment finde ich es ganz schön, dass ich so Normalität wieder bekomme."

Mit Sport und Bewegung zurück in die Normalität

Normalität. Dieses Wort fällt oft. Zum einen in dem Wunsch, dass die Krankheit verschwindet und Normalität wieder einkehrt. Zum anderen auf Seiten der Ärzte. Die wünschen sich, dass Sport und Bewegung als normal empfunden werden, als Teil des Alltags. Gerade bei den Krebspatienten, meint Susanne Brandis. Sie ist Oberärztin an der ambulanten onkologischen Rehabilitation des Vivantes-Klinikums.

"Ich wünsche mir", sagt Susanne Brandis, "dass diese Erkrankung von dem Podest des Besonderen, des Außergewöhnlichen, des Beängstigenden, des Todbringenden herunter gehoben wird und vielmehr in die Normalität rückt."

Immerhin erkranken laut deutscher Krebshilfe jedes Jahr 500.000 Menschen neu an Krebs. Darunter sind wahrscheinlich auch Menschen, die aufgrund dieser Krebserkrankung keinen Sport mehr machen können. Würde man zumindest vermuten. Aber stimmt das auch?

"Da sage ich ganz klar: nein. Es gibt Kontraindikationen in gewissen Situationen", erklärt Susanne Brandis, "also dass sie mal am Übungsprogramm nicht teilnehmen können, aber es gibt keine Krebserkrankung, die per se verhindert, dass jemand an so einem Übungsprogramm teilnimmt."

Es braucht noch viel Überzeugungsarbeit

Sport hilft in der Krebsbehandlung. Das haben Studien in den letzten Jahren immer wieder bewiesen. Trotzdem ist das Programm am Vivantes Klinikum das einzige seiner Art in ganz Berlin.

Susanne Brandis leistet deshalb ständig Missionsarbeit - um Kollegen zu überzeugen - von Sport als Therapiemaßnahme bei Krebspatienten: "70 Prozent aller erwachsenen Patienten mit Krebserkrankungen werden geheilt. Zum einen vermittelt das Hoffnung, zum anderen motiviert das auch: Wenn 70 Prozent geheilt werden, heißt das, ich hab ja noch ein langes Leben vor mir. Und das lange Leben sollte möglichst ohne große Einschränkungen fortgeführt werden können."

Am liebsten wäre es der Onkologin, wenn alle Betroffenen schon während der Erstbehandlung mit dem Sport beginnen. So wie Barbara Maier: "Ich bin oft den Tag nach der Chemotherapie laufen gegangen, weil ich das Gefühlt hatte, so dieses Den-Kopf-Freipusten und auf der anderen Seite auch so dieses Gefühl, ich schwitz jetzt den ganzen Rotz wieder aus, der mir da gestern gegeben wurde."

Viele wollen nach drei Tagen abbrechen

Doch nicht alle denken so. Oft muss Oberärztin Susanne Brandis bei den Patientinnen und Patienten selbst noch Überzeugungsarbeit leisten: "Also hier in der Reha kann ich nur sagen, dass ich vorwarne, schon im Aufnahmegespräch: Die erste Woche hier ist schrecklich."

Denn viele sind Sport einfach nicht gewöhnt, wollen oft nach drei Tagen schon wieder gehen, die Therapie abbrechen. Halten sie aber die vollen zwölf Wochen durch, dann wollen viele von ihnen noch verlängern. Denn Sport hilft nicht nur dem Körper. Sondern auch dem Geist und der Seele. Das ist wichtig.

Viele der Erkrankten geben sich oft selbst die Schuld für ihren Krebs. Und sind völlig blockiert, erzählt Sport-Therapeutin Christiane Zimmer: "Die Bewegung und der Sport sind ein ganz wichtiges Mittel für die Patienten, aktiv die Krankheit zu bewältigen."

Den Kopf frei bekommen

In der ersten Zeit der Behandlung wird das Leben der Erkrankten von Ärzten bestimmt. Sie sagen, was wie wann passiert. Als Spezialisten müssen sie das auch, klar. Aber es überfordert. Auch Barbara Maier hat das so erlebt.

Gegen diese Überforderung und die Angst hat ihr geholfen, sich zu informieren: "Ich bin mal los und hab mich bei Hugendubel reingesetzt und geguckt, was gibt es da alles für Bücher, was könnte ich mir vorstellen. Aber auch da, glaube ich, ist es wichtig, dass man das in seinem Tempo macht."

Die 50-Jährige rät deshalb auch, in dieser Situation auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Schließlich dürften am Ende die Ärzte und die Diagnose nicht alles allein bestimmen. Und auch der Sport helfe dabei, den Kopf frei zu bekommen und mit seinem Körper wieder in guten und positiven Kontakt zu treten. Ganz egal, ob man gesund oder krank ist.

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