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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.03.2013

Touristenfreie Zone Berlin

Geschichten abseits von Übernachtungsrekorden

Von Wolf-Sören Treusch und Michael Frantzen

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Auf Berlin-Besuch: Marzahn statt Mitte (AP)
Auf Berlin-Besuch: Marzahn statt Mitte (AP)

Der Tourismus in Berlin boomt. Doch nicht nur in Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg gibt es viel zu entdecken. Touristen wagen sich auf der Suche nach dem echten Berlin-Feeling auch in abgelegene Bezirke - nicht immer zur Freude der Einheimischen.

Die Versuchsanordnung ist klar: ein gut gelaunter Holländer namens Jaap, …

"It’s German quality."

..., seine Freundin Marieke, beide leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Eindhoven, …

"Sint Oudenrode"

… und Hans, Wahl-Berliner aus Wilhelmshaven mit einer Neigung zu skurrilen Sehenswürdigkeiten …

"Die Mickey-Mouse-Kita"

... begeben sich mit mir auf eine Entdeckungstour durch Berlin.

"Normally, the greeter idea is to show you around the area, where the greeter live, our people live and so lot. ..."

Expedition nach Hellersdorf

Hans kennt Jaap und Marieke nicht. Hans ist Greeter, freiwilliger Gästeführer. Normalerweise würde er mit ihnen jetzt durch Mitte spazieren, das Stadtviertel, in dem er selbst lebt. Doch weil Hans neugierig ist und Jaap und Marieke zudem schon zum vierten Mal in Berlin und deshalb die Hot Spots der Stadt kennen, lassen sich die drei auf mein Experiment ein.

"… It’s an area where normally nobody goes. – Why? – Tourists. – Why?"

Hellersdorf

Jaap: "Ich hoffe, ein bisschen das wirkliche Berlin zu sehen und vielleicht auch ein bisschen von das alte Ost-Berlin, ja, es ist ein Abenteuer wirklich. Spannend."

Unser Abenteuer beginnt vor "Helle Mitte", dem Einkaufszentrum von Hellersdorf, das es erst seit 1997 gibt. Ein komplett versiegelter Platz, drumherum mehrstöckige Gebäude mit riesigen, rechteckigen Glasfronten. Eine sechsspurige Verkehrsachse durchtrennt das Ensemble. Es ist Samstagmittag, dennoch sind nur wenige Menschen unterwegs.

Jaap: "It’s ugly actually."

Ein Haarstudio wirbt auf seiner Schaufensterscheibe mit dem Slogan "geile cuts and colours". Optische Reize baulicher Art? Fehlanzeige. Aber dann: eine Wandmalerei auf einem Trafohäuschen.

Jaap: "Das ist Street Art, es ist eine Kopie von, was man dort sieht, nicht?"

Der rechteckige Kasten sieht aus wie der Plattenbau gegenüber. Später lese ich, Hellersdorf nennt ihn den "kleinsten Plattenbau der Welt".

Zwei Häuserecken weiter hat Thomas Wegener einen Obst- und Gemüseladen. Vor 20 Jahren sei er in Hellersdorf "kleben geblieben", erzählt er, schöne Ecken gäbe es hier. Und das Geschäft?

Wegener: "Funktioniert. Bitte schön."

Kunde: "Zwei Zitronen, bitte."

"Was ist denn das, wo Sie sagen: da muss man unbedingt in Hellersdorf gewesen sein?"

Wegener: "Och, da gibt es vieles. Da gibt es vieles."

Kunde: "Danke schön."

Wegener: "Och, was fällt mir denn spontan ein? Na hier, die Gärten der Welt. Das ist richtig schön. Da kann man schön spazieren, und für die Kinder und so, das wäre, was man sich mal angucken sollte. Ansonsten: einfach mal herkommen und sich selbst mal anschauen Hellersdorf."

Jaap: "The funny question was, when you asked, if there is something here you have to see, ..."

Jaap wundert sich, dass der Obsthändler so lange darüber nachdenken musste, wo es in Hellersdorf schön ist. Und dass er keine Stammkneipe hat.

"... but it wasn’t any bar or something, where you can drink or anything."

Hans: "Aber wenn du mit deiner Wohnung zufrieden bist und sonst darüber hinaus nicht so viel machen willst, dann kannst du hier wahrscheinlich auch wirklich gut leben.""

Wir spazieren weiter durch Schluchten nichts sagender Neubauten und erreichen das sogenannte Grabenviertel. Eine Plattenbau-Großsiedlung, die Mitte der 80er-Jahre entstand und 2006 komplett saniert und modernisiert wurde. Fast alle der 1850 Wohnungen verfügen über einen Balkon, die Innenhöfe über reichlich grün. Selbst an einem grauen und kalten Tag wie heute wirkt die Gegend erstaunlich wenig trist.

Hans: "Die haben ja viel Farbe hier überall ran getan. Das ist das Beste, was du machen kannst."
Jaap: "Aber sieht schön aus. Ist nett, nicht?"
Hans: "Ja."

In der Platte: Drei-Raum-Wohnung im Urzustand

In einem der Häuser empfängt uns Wolfgang Sawatzki. Mit ihm hatte ich den Termin vorher vereinbart. Denn das, was er uns zeigt, bekommt man nur auf Anfrage zu sehen: eine Drei-Raum-Wohnung im Urzustand von 1986. Die letzten noch im Original erhaltenen 61 Quadratmeter Platte in Hellersdorf.

Jaap/Marieke: "It’s really nice. – Yes. – Yeah."

Die Tapete in Blümchendesign, die Zimmertüren aus Pappe, die Inneneinrichtung komplett aus DDR-Mobiliar. Die zuständige Hausverwaltung hat aus der Wohnung ein Museum gemacht. Ein wenig ehrfürchtig lassen wir uns in die dunkelbraunen Sitzpolster fallen.

Hans: "Die Sachen, die haben Sie alle von ehemaligen DDR-Bürgern gekriegt?"

Sawatzki: "Ja, ich vermute mal, dass die ersten Sachen, die gespendet wurden von Mitarbeitern der Wohnungsverwaltung ‚Stadt und Land’ waren. Sogar heute noch werden Kleinigkeiten gebracht. Dieser Tisch zum Beispiel, den habe ich erst vor ein paar Wochen bekommen. Das ist ein typischer DDR-Tisch, Multifunktionstisch, …"

Hans: "Das ist der aus ‚Sonnenallee’, aus dem Film?"

Sawatzki: "Ja, kann sein, dass der da auch war, das weiß ich jetzt aus dem Kopf nicht."

Hans: "Ist der höhenverstellbar?"

Sawatzki: "Ja, höhenverstellbar und ausziehbar, darum Multifunktion."

Jaap: "Und ist das für viele Leute auch ein bisschen Nostalgie?"

Sawatzki: "Ja. Ist sehr unterschiedlich: Die jüngeren Leute kennen es nicht mehr, höchstens vielleicht noch von der Oma, und die älteren wollen es gerne noch mal sehen, und wer wenig Ostkontakte hatte vielleicht als Westdeutscher, der sieht es zum ersten Mal, wobei aber: die Mode war ja ähnlich. Und die Möbel im Westen waren ähnlich wie unsere."

Marieke fotografiert, was das Zeug hält. Sie studiert Innenarchitektur, einen besseren Anschauungsunterricht gibt es nicht.

Und überall DDR-Devotionalien: in einer Vitrine Original-Einschlagpapier aus dem Grafischen Großbetrieb "Völkerfreundschaft Dresden", auf dem Schreibtisch eine schlichte Pfennig-Münze.

Sawatzki: "Können sie mitnehmen als Souvenir."

Jaap: "Ja?"

Sawatzki: "Ich habe noch ein paar davon. Und die Mark und die Zwei-Mark-Stücke, die waren zwar etwas größer, aber auch sehr leicht."

Jaap: "Ja, leicht. Ist das Aluminium?"

Sawatzki: "Ja, ja, wir haben immer Aluminiumchips gesagt. Aluminiumchips oder Kosakendollar."

Jaap: "Es ist ein Schönes, dass man alles berühren kann und sehen kann. Hierher zu kommen, das ist wertvoll."

Wenige Minuten später sind wir in einer anderen Welt: Alt-Hellersdorf. Ein 60-jähriger Mann trägt drei große Säcke Holz in die Garage.

Mann: "Bisschen Hartholz braucht man schon, ich habe nur dünnes Holz zuhause, das verpufft ja im Ofen ruckzuck."

Der Mann ist Ureinwohner. Seit 1963 wohnt er hier. In einem grauen, inzwischen heruntergekommenen Mietshaus aus den 50er-Jahren. Zwei kurze Straßenzüge umfasst das mehr als 700 Jahre alte Dorf. Ein paar Backsteingebäude stehen sogar unter Denkmalschutz, sagt der Mann. Aber eigentlich ließen sie das alles hier ganz schön verkommen.

Mann: "In Hellersdorf wollten sie am besten das alte Dorf auf den Haufen schieben und wegkippen. Keiner wollte sich hier drum kümmern. Sie kriegen auch keine Ampeln hier, keine Fußgängerüberwege. Gibt’s hier nicht im Dorf. Hat der Bürgermeister vor 15 Jahren oder irgendwann mal gesagt: kommt alles hin, kommt alles, und jetzt kommt alles nach ‚Helle Mitte’, ist nichts mehr passiert. Steht man manchmal früh ne halbe Stunde an der Kreuzung und kommt nicht rüber, weil ja keine Ampel ist. Jetzt ist angeblich eine Ampelfreie Zone."

Am Eingang zu den Gärten der Welt vorbei kommen wir im anderen Teil des Bindestrich-Bezirkes an: Marzahn. Windig ist es hier. Und laut. Erneut haben wir es mit DDR-Baugeschichte zu tun: Mehrere sanierte Elfgeschosser stehen rund um einen Flachbau, in dem früher der HO-Konsum war. Nun steht er leer und verfällt. Die Dinge des täglichen Bedarfs erhält man jetzt ein paar Meter weiter.

Hans: "Es ist schlimm, aber hier erfüllt es gerade alle Klischees. Sauna, Nagelstudio, Sports-Bar."

In Marzahn wirken die Straßen breiter, die Grünflächen größer, die Plattenbauten höher und mächtiger als bei den Nachbarn.

Jaap: "Es guckt hier ein bisschen anders than Hellersberg. Hellersberg?"

Hellersdorf

Jaap: "Hellersdorf, ja. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht die Architektur? Dass sie ein bisschen schöner ist?"

Hans: "Würde ich aber auch sagen. Ich hatte noch nie diesen Direktvergleich, ehrlich gesagt zwischen Hellersdorf und Marzahn, und jetzt: ich finde es hier auch etwas abwechslungsreicher."

"Marzahn ist mehr als nur Cindy"

An der Wand eines Plattenbaus steht: "Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Der Satz führt uns direkt zu unserem Zielpunkt ein paar Meter weiter: dem Otto-Rosenberg-Platz.

Jaap: "Otto Rosenberg ist ein Jüde, nicht? Zwangslager?"

Hans: "Ach, für Sinti und Roma."

Jaap: "Ah Okay."

Viele Tausend Sinti und Roma wurden hier in einem Sammellager von den Nazis interniert und später nach Auschwitz deportiert. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte: auf mehreren Stelltafeln kann man sich über seine Geschichte informieren.

Hans: "In Marzahn, damals zu der Zeit, da gab es das alles hier noch nicht, außerhalb der Öffentlichkeit Berlins konntest du hier ein Zwangslager machen, denn der Dorfanger ist irgendwo da ganz hinten, und sonst war hier nur Wiese."

Jaap: "Es war in the middle of nowhere."

Am Ende sind wir uns einig, das Experiment hat funktioniert: Spannende Geschichte gibt es in Berlin überall.

Jaap: "Na, es war sehr gut, um eine andere Seite von Berlin zu sehen, ich finde das gut: es gibt ein anderes Bild von Stadt."

Hans: "Und Marzahn ist mehr als nur Cindy."

Marieke: "And it’s nice to see, how the people live here. They not run a day, have a time, ..."

Und doch sind die drei froh, nach fünf Stunden an der Peripherie wieder zurückzufahren in die City.

Marieke: "... it’s a good way to visit the city, I think. Yes, it’s good to go back."

Mitte, Kreuzberg, Neukölln - überall Touristen

Arabisches Café im Berliner Bezirk Neukölln (picture alliance / dpa)Die Touristen machen auch vor Neukölln nicht Halt. (picture alliance / dpa)Strignitz: "Es is manchmal anstrengend einfach, vor lauter Touristen nich mehr durch die Straßen zu kommen."

In Berlin.

Strignitz: "Kurz vorm Ghetto – sag ich jetzt mal böse gesprochen."

Dem Touristischen. Knapp elf Millionen Besucher haben sich letztes Jahr in der Hauptstadt breit gemacht. So viele wie noch nie. Mitte, Kreuzberg, jetzt auch Neukölln: Es gibt kein Entkommen mehr.

Strignitz: "Das schlaucht. Das is nich gesund."

Muss sich der eine oder andere Tourist schon mal anhören.

Markgraf: "Ja, ja. Die haben jetzt irgendwie nen schlechten Ruf hier. Aber OK: Da muss man durch."

Als gemeiner Tourist. Besonders, wenn er oder sie auf die wahnwitzige Idee kommen sollte, seinen Fuß in die laut Reiseführer "Lonely Planet" authentischste "hood" Berlins, vulgo: Nachbarschaft zu setzen. In Neukölln ist die Urbevölkerung noch:

Kessler: "Wie hat unser lieber Bürgermeister jesacht: Arm, aber sexy."

Arm, aber sexy

Besonders hoch ist der Sexappeal, der ärmliche, in der Panierstraße. Auf der gut zwei Kilometer langen Strecke zwischen Sonnenallee und Maybach-Ufer wechseln sich trostlose graue Wohnklötze mit gefühlt Hundert Spielcasinos ab – und genau so vielen "Tretminen" auf dem Bürgersteig, Hundehaufen. Sprich: Wenn es die Panierstraße nicht schon gäbe, müsste sie vom undergroundigsten aller "Berlin Underground-Stadtführer" erst erfunden werden. Aber Vorsicht: Mit irgendwelchen dauer-brabbelnden italienischen Besuchern – letztes Jahr exakt 294.502 – haben sie hier genau so wenig am Hut wie mit den summa summarum 406.255 trinkfesten Engländern. Schon gar nicht in der "Panier 31".

Günter: "Wir sind hier im Maybach-Stübchen. Alteingesessene Gaststätte."

"Wir machen weiter" – klärt einen ein schwarz-rot-goldener Aufkleber der Zeitung mit den großen Buchstaben an der Kneipen-Tür auf.

Günter: "Die ganze Welt is ein Irrenhaus. Aber hier is die Zentrale."

Lautet die Lebensphilosophie von Günter, dem Mann hinter der Theke. Das Licht ist fade hier, die Inneneinrichtung in die Jahre gekommen: Die Palme in der Ecke hat schon bessere Zeiten erlebt. Gleiches gilt für ein zotteliges Etwas neben der Garderobe, das sich bei näherem Hinsehen als: Schwarz-rot-goldenes Haarteil entpuppt. Ein Relikt irgendeiner Fußballweltmeisterschaft. Genau wie die Deutschlandfahne links davon.

Günter: "Deutschland. Ja! Bleibt hängen!"

Will Günters Stammpublikum so.

Günter: "Viel Rentner-Publikum. Also ältere Leute. Die Gäste sind alle zufrieden. Is datt einzige, sag ich mal so, noch eingebürgerte Lokal."

Ansonsten gibt es links und rechts der Panierstraße nur noch neumodische Bars und Kneipen. Für das "junge Gemüse". Günter schüttelt sich. Irgendwelche Gestalten mit komischen engen Hosen und noch komischeren überdimensionierten Brillen.

Günter: "Ich hatt hier auch schon Besuch von Ausländern. Ausländern in Anführungsstrichen. Touristen und so. Engländer, Holländer, Schweden. Die sich mal hier verirrt haben, sozusagen. Aus dem EU-Bereich."

Dass es zwischen den "Ausländern in Anführungsstrichen" und Günter gefunkt haben sollte, lässt sich nicht gerade behaupten. Haben doch allen Ernstes Englisch mit ihm reden wollen. Und nachher kein Trinkgeld da gelassen.

Günter: "Trinken ihre zwei, drei Bier. Und dann sind se ja weg."

Detlef: "Sind alles Klicken-Wirtschaften, wees ick nich. Ick spiele och gerne Skat. Und so. Ja?! Nä! Hab keene Lust."

Musste sich letztens einer von Günters Stammgästen anhören, als er einen verirrten Ausländer in Anführungsstrichen dazu bringen wollte, eine Runde Skat mitzuspielen.

"Ick bin der Detlef."

Hatte sich Detlef, seines Zeichens gelernter Walzwerker, irgendwie anders vorgestellt; das mit der deutsch-englischen Freundschaft.

"Näh-näh. Näh-näh. Näh-näh."

Detlef ist jetzt nicht mehr ganz so gut auf die jungen Touristen zu sprechen, diese Skat-Verweigerer. Können ihm gestohlen bleiben. Überhaupt: Was aus seinem Kiez geworden ist:

"Na ja?! Alljemein: Meine Stammkneipen, wo ick war, is och nich datt, watt ett mal war. Verkehr ick noch nich mehr. Is jetzt so ne Szene...Szene-Gaststätte oder watt ett heißt. Wees ick nich. Früher war jemütlicher."

Stattdessen:

Kessler: "Hmmmmm?! Cafés! Studentenkneipen! Würd ich jetzt mal son bisschen brutal sagen."

Gefällt Martina Kessler, der braun-gebrannten Chefin vom "Friseur-Salon Kessler", in der Panierstraße 29 gar nicht.

Überall "Latte Maschiato"

Kessler: "Wenn man hier rauf und runter geht, kann man ja, weiß ich nich ... in jeden zweitem Hausflur findet man nen Café. Wo man nen Latte Maschiato kriegt. Oder sonst dergleichen. Aber: So kleine Geschäfte wie früher sieht man nicht mehr: Drogerien; Tante-Emma-Laden; Milsch-Läden."

Alles weg. Auf ihrer Höhe der Panierstraße hat nur noch ihr Frisörladen den Unbillen der Zeit getrotzt.

""Das is weit über 50 Jahre. Ich denk mal: 55, 56 Jahre. Das hat mein Mann seine Mutter angefangen.""

Alles noch ganz alte Schule. So wie ihr gelber Opel Manta, den sie per Aushang im Schaufenster gerne loswerden würde. Haben die Touristenbusse was zu gucken, wenn sie wieder mal im Schritttempo an ihrem Salon vorbeikriechen. Fast schon wie im Zoo.

"Dass son bisschen aus Kreuzberg auch die Geschichte rüber schwappte, Richtung Neukölln. Würde ich jetzt mal Mal denken und auch sagen."

Anfangs hatte sie ja noch die Hoffnung, dass sich vielleicht die ganz verwegenen Touristen bei ihr eine neue Frisur verpassen lassen könnten: Eine schöne Dauerwelle. Oder zur Not auch: einen Irokesen. Den hat sie nämlich auch drauf: links neben dem Eingang: Da, bitte schön: Das Foto: Der junge Mann sei sehr zufrieden gewesen, meint Kessler. Aber: Nein! Mehr als sich die Nase an der Fensterscheibe ihres Salons platt zu reiben, würden die "jungen Dinger" auch nicht tun.

"Also Engländer. Wobei ich jetzt aber sagen muss, dass wir auch Hausbesitzer haben, die Iren sind. Ob das jetzt nu daran liegt, dass da halt englische Publikum zu uns rüber schwappt: Kann sein. Aber man merkt eben doch, dass viele dieses Kreuzberg, diesen Kiez, eben sich angucken und dann vielleicht ebent dadurch halt zu uns rüber mit kommen. Und dann eben auch hier landen."

Ein Mann rennt an einer türkischen Reklame am Kottbusser Tor in Kreuzberg (Berlin) vorbei. (Stock.XCHNG / Holger Dieterich)Mitten in Kreuzberg (Stock.XCHNG / Holger Dieterich)Auf der anderen Seite vom Kanal, in Neukölln. Manche landen auch auf ihren zwei Buchstaben. Vorzugsweise nachts, wenn sie ordentlich getankt haben und das mit dem Gleichgewichtssinn so eine Sache ist.

"So in dem Spektrum, wo wir hier sind, von morgens um neun bis 18 Uhr, merkt man davon nich so, von diesen Ballermann-Geschichten. Kann ich jetzt also nich bestätigen. Ich möschte es aber auch nich abreden. Es mag abends schon in der Form sein."

Markgraf: "Das is dann schon störend, an der ganzen Sache."

Pflichtet Gisela Markgraf, ihres Zeichens Hüterin des Guten Geschmacks in der Panierstraße, der Chef-Frisöse bei.

Markgraf: "Wir sind hier in der Panierstraße 13. Das is nen Second-Hand-Laden. Kleidung."

Mit Touristen hat Gisela Markgraf, die Zugezogene aus dem Schwaben-Ländle, auch schon so ihre Erfahrungen gesammelt.

"Sind nen paar Touristen dazu gekommen. Die jetzt Neukölln entdecken."

Gentrifizierung in Neukölln

Au Prima, dachte sich die Frau aus Stuttgart – und sah vor ihrem geistigen Auge schon die Euro-Scheine nur so in ihre Kasse flattern. Hat sie also ihr Schul-Englisch hervorgekramt. Plus ihre lila Anoraks und Damenmäntel, alles echt Daunen. Weil: Das ist aktuell die Trendfarbe. Doch die zwei Mädels letztens aus Spanien hatten nur irgendwas von "Moda" und "alternativa" gefaselt – und nichts gekauft.

"Ich denke nich, dass die gezielt kommen. Die sind halt in Neukölln, weil’s halt jetzt viele Lokale und Zeug gibt. Neues."

Strignitz: "Im Grunde fängt jetzt hier die Gentrifizierung an. Kann man sagen. Oder is schon in vollem Gange. Also, jetzt kommen die betuchten Leute hier her."

Zum glotzen. Oder um sich gleich eine Eigentumswohnung zu kaufen. Um die Ecke von Andreas Strignitz’ "Mehlwurm".

"Wir sind in Neukölln. In der Panierstraße Zwo."

Seit 30 Jahren gibt es die Öko-Bäckerei jetzt schon.

"Wir haben über 30 verschiedene Vollkornbrote. Gibt so Standards: Sonnenblumenbrot. Sesambrot. Roggenmischbrot. So was bieten wir an. Gibt’s jeden Tag."

Gehen mit der Zeit. So wie die Touristen aus Helsinki oder Rom, auf ihrer Suche nach dem ultimativen Berlin-Feeling.

Strignitz: "Ja, gut, was soll ich dazu sagen: Klar: Man kann verstehen: Viele Leute wollen nach Berlin. Aber dann sollte es auch organisiert werden, dass das eben auch nachhaltig funktioniert; dass ökologische Aspekte nich vernachlässigt werden; die Stadt nich überrannt wird, näh?! Ich denke, es gibt schon einige Ecken in Berlin, wo die Gefährdung da is. Hier sehe ich es noch nich so."

In diesem Zipfel Neuköllns. Deshalb: Liebe Touristen. Wenn ihr schon kein Skat lernen wollt und weder Martinas Dauerwellen noch Giselas lila Anoraks eine Chance gebt: Dann lasst doch einfach auch die Panierstraße links liegen.

Strignitz: "Ich hab da eigentlich Vertrauen."

Na, dann müssen wir uns ja keine Sorgen machen. Die Panierstraße bleibt arm, aber sexy. Und Touristen-frei. Richtig, Detlef?

Detlef: "Na sicher: So is ditt im Leben. C’est la vie."

Länderreport

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