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Interview | Beitrag vom 22.01.2021

Tourismusforscherin über unser FernwehUrlaub und Reisen als Privileg

Kerstin Heuwinkel im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine junge Touristin an einem Strand in Brasilien. (picture alliance/Zoonar/Thiago Santos)
Flucht vor dem Alltag, wie hier an einen Strand in Brasilien, war zumindest im westlichen Europa für viele bisher kein sonderlich großes Problem. (picture alliance/Zoonar/Thiago Santos)

Monatelang noch werden wir nicht wie gewohnt, verreisen können. Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel erklärt, warum uns der Urlaub so wichtig ist. Zwar könne man auch bei kurzen Ausflügen oder vor dem Fernseher abschalten. Urlaub aber leiste mehr als der Fernseher.

Nach dem EU-Gipfel am Mittwoch steht nun fest: Grenzschließungen soll es vorerst nicht wieder geben. Trotzdem will man aber Maßnahmen treffen, die vor allem die Ausbreitung der Corona-Mutationen einschränken. Wie die aussehen, dazu soll es in der kommenden Woche genauere Informationen geben.

Erwartet werden koordinierte Lockdownstandards, Vorschriften für Personen, die besonders betroffene Gebiete verlassen. Die einzelnen EU-Mitgliedsländer sollen selbst ihre Bevölkerung vom Reisen abhalten. Frankreich hat jetzt schon angekündigt: ab Sonntag Einreise nur noch mit aktuellem negativen PCR-Test. In einer Zeit, in der viele schon ihren Jahresurlaub einreichen müssen und vielleicht auch schon planen wollen, stellt sich die Frage: Was heißt das für unsere Urlaubspläne?

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Zunächst müsse man feststellen, dass Reisen "Luxus" sei, sagt Kerstin Heuwinkel, seit 2005 Professorin für Internationales Tourismus-Management und Tourismussoziologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Nicht die ganze Welt könne reisen. "Vielleicht merken wir heute auch erst, wie privilegiert wir lange Zeit waren. Wie weit und wie unaufwändig wir reisen konnten."

Die Frage sei jetzt, wie man damit umgehe? Ein Ansatz wäre "das Reisen im Kleinen", so Heuwinkel. Das könnten Ausflüge und Wandern sein. Allerdings wäre es immer noch ein Unterschied, ob man in die Eifel oder in die Pyrenäen reisen könne.

Abwechslung, Abschalten, Vergessen

Der Urlaub habe früher zunächst als eine Pause vom Arbeitsalltag gegolten, sagt Heuwinkel. Man sollte sich erholen, um anschließend wieder leistungsfähig zu sein. Heute seien Ferien auch "Abwechslung, ein Abschalten, ein Raus aus dem, was sonst da ist und ein Vergessen". Natürlich könne man auch zu Hause mal nicht arbeiten, aber dennoch behalte man weiterhin die Waschmaschine und die Nachbarn im Blick, die man vielleicht für eine gewisse Zeit nicht mehr sehen wolle.

Auch die Bundesliga kann Urlaub sein

Urlaub sei wichtig, denn es sei auch für einen selbst eine Zeit, in der etwas Neues, aber auch andere Kulturen, erlebt werden könnten, sagt die Tourismusexpertin. Wenn man das gewohnte Umfeld verlasse, ermöglichten Reisen auch ein Bewusstwerden seiner selbst. Andere Urlauber wollten einfach nur abtauchen und abschalten. 

Gesellschaften hätten immer Möglichkeiten für solche Auszeiten geboten. Früher seien es Rituale wie religiöse Feste gewesen. Heute könne für viele Menschen auch die Bundesliga am Samstag eine Auszeit sein.

(jde)

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