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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.12.2011

Totenschädel und ein jonglierendes Schwein

Ausstellung über den Zeichner Nikolaus Heidelbach in Hannover

Von Volkhard App

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Ein Werk des Zeichners und Autors Nikolaus Heidelbach wird von Gisela Vetter-Liebenow vom Deutschen Museum für Karikatur & Zeichenkunst Wilhelm Busch präsentiert. (picture alliance / dpa)
Ein Werk des Zeichners und Autors Nikolaus Heidelbach wird von Gisela Vetter-Liebenow vom Deutschen Museum für Karikatur & Zeichenkunst Wilhelm Busch präsentiert. (picture alliance / dpa)

Der Kinderbuchautor und -illustrator Nikolaus Heidelbach setzt auf Provokation: Kopulierende Schweine, Kinder, die einen Pinguin foltern oder Probeliegen im eigenen Grab. Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover widmet ihm jetzt eine Ausstellung.

"Uwe übt” steht lapidar neben einem Cartoon von Nikolaus Heidelbach. Was jedoch übt dieser Junge? Schreiben? Rechnen? Spielt er auf der Blockflöte? Nein, Uwe hat auf dem Friedhof neben zwei Gräbern sein eigenes Feld markiert - und hier liegt er nun, zur Probe versteht sich.

In derselben Serie aus den späten 90er-Jahren wird uns auch Paul vorgestellt, von dem es heißt, er sammele fast alles. Wir sehen ihn, wie er einen Handwagen hinter sich herzieht, dicht beladen mit Totenschädeln. Der Tod ist überhaupt auf etlichen Bildern gegenwärtig, auch als "Freund Heinrich”. Um manches dieser Blätter hat es Aufregung gegeben, und Nikolaus Heidelbach sah sich mit der Frage konfrontiert, was Kindern thematisch denn zuzumuten sei:

""Ich denke, zunächst einmal alles - die Frage ist, in welcher Dosierung und in welchem Zusammenhang. Ich lege Wert darauf, dass nichts fehlen darf in einer guten Geschichte für Kinder. Wenn die Geschichte es erfordert, dass der Tod vorkommt, dann sollte er vorkommen - ohne Verbrämung oder allzu niedliche Verkleidung.”"

Von einer kindertümelnden heilen Welt sind viele seiner Bücher und Einzelblätter ein ganzes Stück entfernt. Augenfällig war schon in den achtziger Jahren das "Kleine Alphabet für Tierquäler und Kinderfreunde”. Die gar nicht so lieben Kleinen werfen da einen schweren Stein auf eine Auster, zielen mit Dartpfeilen auf eine Spinne und martern einen gefesselten Pinguin. Unter dem Buchstaben "O” aber wird keinem Tier übel mitgespielt, sondern einer dicken Oma. Ganz schön gemein:

""Wenn Satire nicht gemein ist, dann tut sie auch nicht weh. Dieses Buch ‘Kleines Alphabet für Tierquäler und Kinderfreunde” ist eindeutig für Erwachsene gemacht, in satirischer Absicht. Zu meinem Entsetzen ist es damals auf den Index gekommen, bzw. es gab einen Antrag, es zu indizieren. Und bei der Gerichtsverhandlung kam es nur deshalb nicht zu einer Indizierung, weil es davon nur 1000 Exemplare gab - und die waren schon weg. Ich habe damals über den Staat, in dem ich lebe, sehr viel gelernt. Denn ich hätte es vorher ausgeschlossen, dass solch dick aufgetragene Satire nicht als solche erkannt wird.”"

Auf einem einzelnen Blatt führen Schweine genüsslich Sexualpraktiken vor - ein Werk, das aus dem Kanon Heidelbachs herausfällt und in der Drastik von Tomi Ungerer stammen könnte:

""Das sind Sexualscherze für Erwachsene. Dieses Bild hing damals bei mir an der Wand . Und mein seinerzeit sechsjähriger Sohn hatte überhaupt keine Schwierigkeiten, es sich erstens anzusehen, und zweitens zu sagen: ‘Ich möchte sowas auch malen’. Und dann hat er, wie man hier in der Ausstellung sieht, ein wunderbares Schwein gemalt, das kopfsteht und mit zwei Tellern jongliert. Das bedeutet, dass mein Sohn damals nicht in der Lage war, etwas Sexuelles zu erkennen. Er hat turnende Schweine gesehen, das gefällt mir bis heute.”"

Einen eindeutig humoristischen Akzent setzt ein Blatt mit 15 kunterbunten, recht schrägen Vögeln, die dagegen protestieren, dass der "Teichrohrsänger” zum Vogel des Jahres gekürt wurde. Man verlangt Neuwahlen und die Beteiligung des Federviehs an dieser Abstimmung.

Facettenreich präsentiert diese Ausstellung den versierten Künstler - ob er Märchen aus aller Welt mit fantastischen Bildern illustriert hat oder in einem Buch von dem Vater berichtet, der mit seiner kleinen Tochter für eine Woche an die See fährt und ihr abends vorm Einschlafen die Geschichte von der Königin Gisela erzählt.

Mit genauen Konturen und fein aufgetragenen Aquarell- und Buntstift-Farben bringt Heidelbach seine Szenen auf den Karton, technisch perfektioniert, es sind Bilder der Akkuratesse. Man mag sich kaum vorstellen, dass er genialische Einfälle einfach hinstrichelt und ein solch spontanes Blatt dann sogar ausstellt:

" "Wenn ich ein genuiner Zeichner wäre, dann würden meine Blätter anders aussehen. Nehmen Sie Tomi Ungerer, der vor ein paar Tagen 80 geworden ist: das ist viel eher ein solch genuiner Zeichner, der auf den unmittelbaren Ausdruck des Strichs baut. Meine große Stärke liegt in etwas Bildhaftem, auch wenn diese Werke eher klein sind und mit richtig großen nicht konkurrieren wollen.”"

Zu seinen schönsten Bildern gehören die Porträts von Geistesgrößen, wobei Heidelbach für diese Dichter und Denker Schauplätze auf einer Kirmes ausgewählt hat: Kafka hockt im Autoscooter und wirkt sehr einsam, Goethe erscheint mit Zuckerwatte, Karl Marx wiederum versucht in einem Luftgefährt der Schwerkraft zu entkommen und Schopenhauer hält uns einen Lostopf entgegen, eine zweifelhafte Hilfe in unseren Daseinskämpfen.

Diese Schau in Hannover ist zwar mit einem anregenden Rahmenprogramm ausgestattet, aber es fehlt wieder mal ein Katalog. Stattdessen liegt eine Heidelbach-Auswahl aus dem breiten Buchhandelsangebot auf den Tischen. Doch wenigstens eine Museumsbroschüre mit Kuratorensicht, ein paar Abbildungen und einer kleinen Werkliste hätte es bei diesem Künstler schon sein dürfen. Ein Armutszeugnis, im wahrsten Sinne des Wortes.

Weiterführende Links:

Wilhelm-Busch-Museum Hannover - Ausstellung Heidelbach

Mit spitzer Feder durch die Jahrhunderte - Der Karikaturist Ronald Searle und seine Ästhetik im Wilhelm-Busch-Museum Hannover

Verbote als Ritterschlag - F. W. Bernstein über Tomi Ungerer

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Mit spitzer Feder durch die Jahrhunderte
Verbote als Ritterschlag

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