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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2007

Tote Klassiker als lebendige Abenteurer

Robert Löhr: "Das Erlkönig-Manöver", Piper Verlag, München 2007

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Löhr holt die Dichter vom Sockel. (AP)
Löhr holt die Dichter vom Sockel. (AP)

Goethe und Schiller mal nicht als Geistesgrößen, sondern als Männer der Faust: Schon mit der Eingangszene seines Romans "Das Erlkönig-Manöver" macht Robert Löhr sofort klar, was für ein Buch einen da erwartet: eine Klassiker-Klamotte. Das Schönste an diesem Buch ist seine Respektlosigkeit. Löhr hat eine komplett unglaubwürdige Story erfunden, um seine Räuberpistole zu inszenieren.

Zack, Goethe kriegt eine Flasche Wein auf den Schädel. Und das nur, weil er einer Bäuerin den Gaumen befummelt hat, bei einer Beweisführung in Sachen Zwischenkieferknochen. Aber Schiller steht ihm bei, er reißt ein Geweih von der Wand und schlägt den Angreifer nieder.

Ihm und dem benommenen Musenbruder Goethe stehen in der Schenke von Osmannstedt jedoch noch vier weitere kräftige Bauern gegenüber, die den beiden gerne eine kräftige Abreibung verpassen würden. Erst nach einer ausführlichen Verfolgungsjagd - durch die Kneipe, über verschneite Felder und schließlich übers brüchige Eis der Ilm - erst dann sind Goethe und Schiller, keuchend und nass, in Sicherheit.

Robert Löhr macht einem mit dieser Eingangszene seines Romans "Das Erlkönig-Manöver" sofort klar, was für ein Buch einen da erwartet: eine Klassiker-Klamotte, Goethe und Schiller mal nicht als Geistesgrößen, sondern als Männer der Faust. Um diesen Einfall richtig auszubreiten, hat der Autor eine verwickelte Handlung ersonnen.

Goethe bekommt von seinem Weimarer Herzog den Auftrag, die französische Monarchie zu retten. Goethe soll den französischen Thronfolger Louis Charles aus den Fängen Napoleons befreien, denn der wird den unliebsamen Konkurrenten um die Herrschaft in Frankreich sicher alsbald um die Ecke bringen. Louis Charles ist zwar schon vor zehn Jahren gestorben, aber der Herzog belehrt Goethe: das ist eine Falschinformation, der Thronfolger lebt, und du bist auserwählt, ihn zu retten.

Goethe lässt sich überreden, er steckt sich ein paar ordentliche Pistolen in den Gürtel und stellt eine intellektuelle Eingreiftruppe zusammen: Schiller, natürlich mit Armbrust, Alexander von Humboldt, dessen Frankophilie nützlich sein wird, und als weibliche Tarnung: Bettine Brentano. Ihr späterer Mann Achim von Arnim drängt sich der Truppe noch auf, und als die Fünf zum ersten Mal in echte Bedrängnis geraten, werden sie von einem verborgenen Schützen aus der Bredouille geholt: Heinrich von Kleist tritt mit rauchenden Colts aus dem Gebüsch.

Diese klassisch-romantische Gemeinschaft dringt nun in die damals französische Festung Mainz vor, sie entführen tatsächlich den französischen Thronfolgen - oder wen sie dafür halten, sie fliehen vor Napoleons Häschern kreuz und quer durch Deutschland, schließlich bleibt ihnen keine andere Zuflucht als eine Höhle im Kyffhäuser, wo sie ganz nahe beim Kaiser Barbarossa auf ihre Rettung warten.

Nein, Robert Löhr lässt nichts anbrennen bei diesem Abenteuerroman. Bettine ringt mit allen, mit wirklich allen Mitteln um Goethes Liebe, Achim von Arnim rast vor Eifersucht. Kleist kämpft darum, von Goethe als Dichter anerkannt zu werden und entdeckt bei einem Schäferstündchen mit Alexander von Humboldt seine Homosexualität.

Humboldt bleibt ein Außenseiter, er ist zu wenig deutsch, um in diesem Haufen von Franzosenfressern so richtig mithalten zu können. Schiller widmet sich derweil der Fürstenerziehung, er füttert den entführten Louis Charles, oder wen er dafür hält, mit den tiefsten Einsichten des deutschen Idealismus.

Das Schönste an diesem Buch ist seine Respektlosigkeit. Robert Löhr hat eine komplett unglaubwürdige Story erfunden, um seine Räuberpistole zu inszenieren. Die toten Klassiker werden bei ihm zu sehr lebendigen Abenteurern, wenngleich die mit ihren historischen Vorbildern nicht viel gemeinsam haben.

Zwei Dinge stören: einmal Löhrs Hang zum Klassiker-Kalauer. Natürlich kommen irgendwann Schillers Feinde durch eine hohle Gasse, natürlich muss Kleist alle Feinde Brandenburgs in den Staub wünschen. Wenig erfreulich wird es auch, wenn der Roman in die wörtliche Rede übergeht. So geschraubt wie bei Robert Löhr hat nicht mal Schiller gesprochen.

Dieser Roman ist ganz sicher kein weiteres Dokument der Goethe-Schiller-Verehrung, aber eine ausgesprochen komische Vergegenwärtigung der klassisch-romantischen Szenerie.

Rezensiert von Frank Meyer

Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver
Piper Verlag, München 2007, 356 Seiten, 19,90 Euro

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