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Lesart | Beitrag vom 30.06.2021

Tomer Gardi: "Eine runde Sache"In verschiedenen Sprachen unterwegs sein

Von Ulrich Noller

Buchcover von Tomer Gardi: "Eine runde Sache", Literaturverlag Droschl (Literaturverlag Droschl / Deutschlandradio)
Unser Kritiker hält Tomer Gardis Roman für "Eine runde Sache". (Literaturverlag Droschl / Deutschlandradio)

"Eine runde Sache" ist ein Bildungs- und Künstlerroman - dabei es geht um den Einfluss von Sprache. Der Autor unternimmt den Versuch, über Fremdheit und Identität zu schreiben.

Eine dringliche Frage, die Tomer Gardis Roman aufwirft, geht so: Wie bekommt man eigentlich so eine Geschichte rund? Denn "Eine runde Sache" besteht in diesem Fall erst einmal aus zwei komplett konträren Teilen – die für sich stehen und die jeweils alles andere als eine halbe Sache sind. Macht das Sinn? Kann das überhaupt Sinn machen?

Tomer Gardis Projekt begann wohl als Experiment mit ungewissem Ausgang, mit vollem Risiko also: Der Autor hatte einen Impuls, eine Idee, aus der er seinen Stoff entwickeln wollte, konnte sich allerdings lange nicht entscheiden, wohin der Weg von da aus führen sollte.

Und vor allem: In welcher Sprache er unterwegs sein würde. Im Hebräischen, der Muttersprache? Oder in seinem gebrochenen Deutsch, dem "Broken German", das in den letzten Jahren zum zweiten Markenzeichen seines Schreibens wurde? Gardi entschied sich dafür, eine Entscheidung zu meiden und schlug einfach beide Routen ein, in der Hoffnung, dass die Sache letztlich schon aufgehen würde, wie auch immer.

Die Lebens- und Werkgeschichte eines Mannes

Eine Idee, zwei Geschichten also, ein Roman – und ein Experiment: Was macht es für einen Unterschied aus, in der einen oder der anderen Sprache zu schreiben? Sprachlich, atmosphärisch, mit Blick auf die Charaktere, den Verlauf? Und welche Rolle spielt die Übersetzung?

Tomer Gardis "Broken German" ist eine stilisierte Straßensprache, von migrantischen Sprechweisen geprägt, voller Brüche und Fehler, deren Inszenierung allerdings einen ganz eigenen Sinn kreiert und oft ziemlich witzig ist. Auf diese Weise wirft der Autor in der ersten Geschichte einen Mann namens Tomer Gardi in eine wilde Hatz, die sich als Tour de Force durch die deutsche und europäische Mythologie entpuppt, in der dabei kein Stein auf dem anderen bleibt und letztlich doch alles irgendwie Sinn macht – denn er, Tomer Gardi, so zeigt sich, hat seinen Platz in diesem Mythenarsenal, er ist der ewige Jude. Und das hat natürlich Folgen.

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Im zweiten Teil, der aus dem Hebräischen übersetzt wurde, erzählt Tomer Gardi dann "klassisch", wohlgeordnet und flüssig-elegant, die Lebens- und Werkgeschichte eines Mannes namens Raden Salah, der von 1811 bis 1880 lebte: Ein Prinz und Maler von der Insel Java, den koloniale Wirrungen nach Europa brachten, wo er länger unter anderem in Dresden und Gotha lebte und wirkte.

Ein Bildungsroman also, der allerdings von einem Erzähler angereicht wird, der sich nicht scheut, hier und da einzugreifen. Und der mit dem allerletzten Satz noch seine ganz eigene Pointe in petto hat, mit Blick auf beide Teile letztlich. Vielleicht ist es ja Tomer Gardi, der da als erzählender Aufseher in dem Dresdner Museum jobbt, in dem es im Jahr 2030 eine Werkschau zur Raden Saleh geben wird. Möglicherweise …

Assoziationslust und Unterhaltung

Dieses Buch ist ein doppelt gemoppelter Künstlerroman und ein zweifacher Versuch über Fremdheit und Identität, vor allem aber wird in der Reflexion über die Zusammenhänge zwischen Macht und Mythisierungen eine runde Sache aus den ungleichen Hälften: Im ersten Teil jongliert Tomer Gardi mit den mächtigen Mythen, die unser Denken prägen; zugleich demokratisiert er sie dadurch, dass er sie eben mit den Mitteln seines "Broken German" zum Fliegen bringt. Teil Zwei erzählt von der Entstehung dieser Mythen in Abhängigkeit von politischen und ökonomischen Machtverhältnissen – und so ein Mythos ist ja letztlich auch nichts anderes als eine Sache, die im Sinne der Macht, die das vermag, rund gemacht wird, bis es passt.

So lange zumindest, bis einer daher kommt, der die Möglichkeiten und die Kraft hat, das Konstrukt zu hinterfragen. Oder gar zu revidieren. Für einen Moment wenigsten. Das gelingt Tomer Gardi mit den Mitteln der Literatur, und sein Roman ist zweifellos "Eine runde Sache": Ein rätselhaftes, vor Assoziationslust sprühendes Buch, das merkwürdig ist in vielerlei Hinsicht – und nicht zuletzt auch ausgesprochen unterhaltsam.

Tomer Gardi: "Eine runde Sache"
Literaturverlag Droschl 2021
256 Seiten, 22 Euro

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