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Tonart | Beitrag vom 19.11.2015

Tom Schilling und seine Band "The Jazz Kids"Vom Schauspieler zum Sänger

Von Carsten Beyer

Der Schauspieler und Sänger Tom Schilling; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa)
Der Schauspieler und Sänger Tom Schilling; Aufnahme vom Oktober 2014 (picture alliance / dpa)

Mit dem Film "Oh Boy" ist Tom Schilling bekannt geworden. Doch der Schauspieler ist neuerdings auch Sänger: Mit seiner Band "The Jazz Kids" tritt er im Vorprogramm von "Calexico" auf. Carsten Beyer war bei den letzten Proben dabei.

Der Proberaum der Jazz Kids liegt im Hinterhof einer alten Fabrik im Berliner Bezirk Lichtenberg. Es ist schon spät an diesem Abend. An den Wänden hängen die Poster vergessener Pop- Größen, auf dem Boden liegen ein paar leere Bierflaschen. Die Luft ist zum Schneiden, doch Tom Schilling und seine Jazz Kids scheint das nicht zu stören. Konzentriert feilen sie an ihren Songs, von denen sie viele zum ersten Mal überhaupt live spielen werden

Tom Schilling tänzelt beim Singen nervös hin und her. So richtig wohl fühlt er sich noch nicht in seiner Rolle als Sänger, das ist dem schmächtigen jungen Mann anzumerken – doch die Musik liebt er, seit er als Kleinkind zum ersten Mal bewusst mit ihr in Berührung kam

"Also das erste, woran ich mich erinnern kann, was ich gehört habe, das war Modern Talking. Da war ich sehr jung. Und dann ging es irgendwie rüber zu Queen. Fand ich gut. Das war so mit zehn. Dann ging‘s zu den Ärzten und Nick Cave fand ich super. Und viele Sachen, die meine Eltern so im Auto gehört haben: Leonard Cohen, Bob Dylan – fand ich auch gut."

Die Entstehung der Band

Tom Schilling hat lange gezögert, mit seinen Songs an die Öffentlichkeit zu gehen, denn singende Schauspieler gibt es seiner Meinung nach eigentlich schon genug: Doch dann lernte er beim Dreh von "Oh Boy" die beiden Filmmusiker Chris Colaco und Phillip Schaeper kennen. Die drei freundeten sich an, holten noch einen Gitarristen und einen Bassisten dazu und gründete die Jazz Kids. Der Name ist ein wenig irreführend, denn mit Jazz haben Schillings Songs nicht wirklich etwas zu tun. Eher schon erinnern sie an deutschsprachige Pop- Bands wie Tocotronic oder Element of Crime. Tom Schilling sagt:

"Ich glaube nicht, dass einem dass so auf Kommando gelingt, sich abzugrenzen. Also ich hinterfrage das schon oft, ob das überhaupt wichtig und von Belang ist, was ich da mache. Ich bin nicht der größte Sänger, aber ich hoffe, dass sich das über die Sprache transportiert. Also, wenn dann ist es glaube ich das Textliche, was dem eine Daseinsberechtigung gibt – hoffentlich!"

Bisher nur zwei Auftritte von "The Jazz Kids"

Nur zweimal sind Tom Schilling und seine Jazz Kids bislang live aufgetreten – einmal in der Bar eines Theaters und einmal bei einem kleinen Festival. Dass sie nun auf einmal in der Columbia-Halle spielen, haben sie im wahrsten Sinne des Wortes einer Schnaps- Idee zu verdanken. Bei einem feucht- fröhlichen Abend mit dem befreundeten Calexico-Trompeter Martin Wenk schlug der auf einmal vor, Tom Schilling könne doch beim nächsten Berliner Auftritt seiner Band das Vorprogramm bestreiten

"Da war ich auch noch mutig genug zu sagen, ja klar! Das können wir schon machen. Das trauen wir uns. Und jetzt, so ganz kurz vor’ m Konzert habe ich echt irgendwie so ein bisschen… habe ich schon Herpes gekriegt.(Lacht) Hat bestimmt mit dem Konzert zu tun. 3000 Leute und die Columbia- Halle ist ja auch eine Riesenhalle."

Vertrauen auf den Faktor Adrenalin

Richtig viel Zeit zum Proben gab es nicht, denn Tom Schilling dreht gerade einen Film in Prag und die Mitglieder der Jazz Kids sind oft mit anderen Bands unterwegs. Um trotzdem nicht ganz unvorbereitet zu sein, ließ Schilling sich Playbacks von allen Songs anfertigen und hat damit ab und zu im Hotelzimmer geübt. Und er vertraut auf den Faktor Adrenalin.

"Ich glaube, wenn man da oben steht, dann muss man es irgendwie durchziehen und dann macht man’s auch. Irgendwie wird alles gut, glaube ich. Ich habe irgendwann mal beschlossen, nur noch die Sachen zu machen, die mich wirklich ängstigen. Nur noch ins kalte Wasser zu springen. Und das ist auf jeden Fall für uns, die wir so ’ne junge Band sind und überhaupt keine Live- Erfahrung haben, ein sehr tiefes und sehr sehr kaltes Becken"

Für genau 7 Songs werden Tom Schilling und die Jazz Kids heute Abend auf der Bühne stehen – insgesamt 35 Minuten. Das ist eigentlich nicht besonders lang und doch könnten sie zu einer kleinen Ewigkeit werden, befürchtet Tom Schilling. Noch mehr beschäftigt ihn aber die Frage, wie er die letzten Stunden vor dem Auftritt rumkriegen soll

"Die letzten Stunden… Keine Ahnung. Wahrscheinlich höre ich mir die ganzen Playbacks noch mal an. Vielleicht singe ich mich diesmal mal warm. Dann werden bestimmt viele Zigaretten geraucht, weil man denkt, das macht’s besser. Die Zeit davor ist eh Horror. Das kenn ich schon von Filmen, wo man auf seinen ersten Einsatz wartet im Wohnwagen. Und dann zieht sich das und zieht sich das und man hat die ganze Zeit schon Bauchschmerzen und denkt: Hoffentlich geht’s bald los!"

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