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Lesart | Beitrag vom 09.10.2019

Tom Müller: "Die jüngsten Tage"Zerstobene Illusionen und viele Nebensachen

Von Gerrit Bartels

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Buchcover des Romans "Die jüngsten Tage" auf grafischem Hintergrund (Rowohlt / Deutschlandradio)
Der Debütroman "Die jüngsten Tage" von Tom Müller fügt sich nicht wirklich zu einem Ganzen. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Freundschaft, Liebe, Tod, 9/11 und die Wende: In seinem Debütroman "Die jüngsten Tage" versucht Tom Müller, Chef des Tropen-Verlags, Privates mit dem historischen Lauf der Zeit zu verbinden. Das ist erzählerisch geschickt, die Handlung zerfasert aber.

Man merkt es schon in den ersten Szenen dieses Romans: Hier versucht ein junger Autor, aufs Ganze zu gehen, das Profane mit dem Universellen zu verbinden. In Tom Müllers "Die jüngsten Tage" steht der Ich-Erzähler Jonathan zum einen auf einem Bahnhof herum, zum anderen liegt er noch mit seiner Freundin Elena im Bett. Neben den Alltagsbeobachtungen, die er macht, auf dem Bahnsteig, beim Aufwachen, zwischen zwei Zeiten, wünscht er sich plötzlich völlig unvermittelt, "die rasende Zeit" möge stillstehen. Dann lässt er den Namen eines Freundes fallen, Strippe, der tot sei, und konstatiert pathetisch: "Es gibt nichts mehr zu retten außer uns."  
 
Nun ist Tom Müller nicht irgendein Debütant, der womöglich gerade von einer Schreibschule in Leipzig oder Hildesheim kommt, sondern der viel literarische Erfahrung mitbringt, sich auskennt im Umgang mit Romanen, nicht nur als Autor: 1982 in Berlin-Friedrichshain geboren, war Müller Lektor im Aufbau Verlag, dann vier Jahre Programmleiter des zur Aufbau-Gruppe gehörenden Blumenbar-Verlags. Seit Anfang dieses Jahres leitet er den Tropen-Verlag, ein Sublabel von Klett-Cotta.

Geschickt erzählt und doch nichts Ganzes

Mit "Die jüngsten Tage" hat er wieder die Seite gewechselt und einen Roman geschrieben über Erwachsenwerden, Freundschaft, Liebe, Scheitern, Tod und auch über den italienischen Schriftsteller, Freischärler und Politiker Gabriele D'Annunzio. Was ziemlich viel auf einmal ist. Müller hat seinen Roman zunächst auf zwei Ebenen angesiedelt. Stetig wechselt er zwischen der Hamburger Gegenwart des Erzählers und dessen Versuch, zur Beerdigung seines Berliner Kindheits- und Jugendfreundes Strippe zu kommen, und dessen Erinnerungen an die Zeit, in der er mit Strippe an der Peripherie von Ost-Berlin aufwuchs: "Zur einen Seite der Westen, zur anderen Brandenburg, das blieb auch nach Neunundachtzig so. Es war eine Insel ohne Meer, ohne Dünen, ohne Natur. Die einzige Wildnis, das waren die Menschen."

Müller beherrscht seine erzählerischen Mittel, geschickt verschränkt er Ebenen und Zeitformen. Und doch will sich sein für den "Aspekte"-Literaturpreis für das beste literarische Debüt nominierter Roman nicht wirklich zu einem Ganzen fügen. "Die jüngsten Tage" verliert sich häufig in langen Beschreibungen und ödesten Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel muss der Erzähler auf seinen vergeblichen Zugfahrten immer aufs Klo, was schließlich, als er sich einmal mit Elena nach Sylt aufmacht, satirische Züge bekommt. Auch die Verbindung zu D'Annunzio und dass Jonathan gegen Ende des Romans auf dessen italienischen Spuren wandelt, wirkt aufgesetzt und herbeigesucht, und selbst die Freundschaft zu Strippe bleibt im Vagen. Nie will sich erschließen, was beide wirklich miteinander verband, geschweige denn, dass man erführe, wie Strippe ums Leben kommt, was dessen Lebenstragik eigentlich ist. 

Wenig Spontaneität, viel Bedeutung

Tom Müller versucht auch, D'Annunzios Besetzung der Stadt Fiume im September 1919 mit dem Besetzen eines Bürgerzentrums in den Nullerjahren zu spiegeln, des "Gebürges", und zwar wieder in dem Monat, in dem das Jahr in der Regel "aus den Fugen gerät". Genau, man ahnt es: Die Gebürge-Besetzung ist am elften September 2001, dem Tag, an dem das moderne Weltgefüge zerbrach, nicht nur die Jugend des Erzählers und seiner Freunde. Es gibt ein bisschen viel Abgleich von Privatem mit dem historischen Lauf der Zeit in diesem Roman. Prätention ist Trumpf. Natürlich spielt der Fall der Mauer eine Rolle, natürlich muss ein Hund "Pasolini" heißen und immer wieder im Roman auftauchen, natürlich hat Jonathan Krachts "Faserland", Fausers "Rohstoff" oder Huysmans' "Gegen den Strich" gelesen.

Und dann raunt es hier, dass die Vergangenheit nicht zurückkehrt, lebt dort auf einmal D'Annunzio als Geist in Jonathans Wohnung. Und so weiter. Nein, in diesem Roman kommt trotz vieler Nebensachen "nicht irgendein Hund" vor, wie es einmal heißt, "es sind nicht irgendwelche Straßen, es ist nicht irgendein Tag", sondern hier hat alles seine Bedeutung, ist alles zielgerichtet, wird das spontane Erzählen der nicht so weltbewegenden Botschaft untergeordnet, dass mit der Zeit der Reife alle juvenilen Illusionen zerstäuben.

Tom Müller: "Die jüngsten Tage"
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2019
235 Seiten, 22 Euro

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