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Frühkritik | Beitrag vom 24.04.2020

Tom Hillenbrand: "Qube"Die Algorithmen sind unter uns

Von Kolja Mensing

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Das Buchcover von Tom Hillenbrands Roman "Qube" auf pastellfarbenen Hintergrund. (Kiepenheuer & Witsch / Deutschlandradio)
Mit "Qube" baut der deutsche Schriftsteller Tom Hillenbrand die post-dystopische Welt seines Bestsellers "Hologrammatica" weiter aus. (Kiepenheuer & Witsch / Deutschlandradio)

Brainscans und Quantencomputer: Tom Hillenbrand liefert mit "Qube" die Fortsetzung seines Bestsellers "Hologrammatica". Nebenbei setzt er ein literarisches Gender-Experiment auf.

London im Jahre 2091. Der Journalist Calvary Doyle sitzt in einem Straßencafé in London, als er von einer Gewehrkugel in den Kopf getroffen wird. Ein selbstfahrender Rettungswagen bringt ihn ins nächste Krankenhaus, und gerade als der Gehirnchirurg im High-Tech-OP mit der Notoperation beginnen will, trifft eine Patientenverfügung per Hologramm ein: Calvary Doyle hat einen Brainscan angefertigen lassen.

Die Notoperation fällt aus, statt dessen wird Doyles Gehirn komplett entfernt und durch einen Computer mit einer digitalen Kopie ersetzt: Aus dem Journalisten wird ein "Quant" mit einem "Cogit", also: ein Mensch mit einer digitalen Gehirnkopie. Jetzt muss er noch herausfinden, wer hinter dem Anschlag auf sein Leben steckt. Offenbar hat Calvary Doyle sich mit seinen Recherchen zum Thema "künstliche Intelligenz" mächtige Feinde gemacht.

Eigenleben aggressiver Algorithmen

Mit "Qube" baut Tom Hillenbrands die opulente, post-dystopische Welt seines Bestsellers "Hologrammatica" noch einmal weiter aus. Die Menschheit hat am Ende des 21. Jahrhunderts den Klimawandel mit Hilfe von Quantencomputern und KI-Technologie in den Griff bekommen, aber auch ein neues Problem geschaffen: aggressive Algorithmen, die ein Eigenleben entwickeln können.

Gleichzeitig steht die Wissenschaft kurz davor, mit Hilfe von Brainscans und Quantencomputern das "Descartes-Problem" zu lösen, also die Frage, wie ein Bewusstsein auch nach dem biologischen Tod des "Stammkörpers" weiterexistieren kann – ein zwischen Wirtschaft und Politik hart umkämpftes Feld, in dem Calvary Doyle zwischen die Fronten geraten ist. Nur: Welche heiße Spur hat er zuletzt überhaupt verfolgt? Dumm, dass sein letzter Scan ein paar Tage zurückliegt, als er von der Gewehrkugel getroffen wird.

Politische, philosophische und spirituelle Abgründe

Und wann haben Sie das letzte Mal ein Backup von ihrem Computer gemacht? Es sind diese kleinen, alltagsnahen Einfälle, die "Qube" zu einem Riesenspaß machen. Dazu kommt Tom Hillenbrands lässiger Zugriff auf die großen Fragen. Die politischen, philosophischen und spirituellen Abgründe hinter dem Thema "KI" werden in Action- und Sitcom-Formate übersetzt.

Außerdem setzt er ein kleines literarisches Gender-Experiment auf: Calvary Doyles Gegenspieler ist ein Agent der Anti-KI-Eingreiftruppe der UNO und ebenfalls ein "Quant". Er beziehungsweise sie lädt ihr beziehungsweise sein Cogit abwechselnd in männliche und weiblicher Körper, was auf Textebene zur Anpassung der Personalpronomen führt. Verrückt, aber es funktioniert, ohne dass es irgendwie kompliziert wirkt.

Schöne Grüße an Virginia Woolf: Damit wäre dann – so ganz nebenbei – auch das "Orlando"-Problem gelöst.

Tom Hillenbrand: "Qube"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020
556 Seiten, 12 Euro

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