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Frühkritik | Beitrag vom 20.04.2018

Tom Hillenbrand: "Hologrammatica"Hardboiled triftt Science Fiction

Von Sonja Hartl

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(Cover: Kiepenheuer & Witsch, Foto: imago)
Holonet und Minduploading - Tom Hillenbrand verknüpft Science Fiction mit dem klassischen Privatdetektivroman. (Cover: Kiepenheuer & Witsch, Foto: imago)

Privatdetektiv sucht verschwundene Frau und gerät in Gefahr. Klingt abgeschmackt, aber in Tom Hillenbrands Science-Fiction-Krimi wird die Krimihandlung mit Fragen der künstlichen Intelligenz und der Digitalisierung verknüpft. Ausgereift und gut durchdacht.

Ein Privatdetektiv wird beauftragt, eine verschwundene Frau zu finden. Von Anfang an ahnt er, dass sein Auftraggeber ihm nicht alle Informationen gibt – und letztlich gerät er in große Gefahr. Dieses altbekannte Detektivromanmuster ist das Gerüst von Tom Hillenbrands Science-Fiction-Roman "Hologrammatica", der um das Jahr 2088 spielt.

Rund 40 Jahre liegt zu diesem Zeitpunkt ein Zwischenfall mit einer künstlichen Intelligenz zurück, außerdem hat ein Virus die Erdbevölkerung dezimiert. Deshalb leben nun wesentlich weniger Menschen auf den Erdteilen, die noch bewohnt werden können. Miami und Venedig sind untergegangen, andere Regionen aufgrund der Hitze unbewohnbar, Sibirien ist indes ein begehrtes Migrationsziel.

Der Privatdetektiv als "Quästor"

Die Welt hat sich unwiderruflich verändert. Alles Hässliche wird mit einer digitalen Oberfläche abgedeckt, sodass es nicht mehr zu sehen ist, und der Eiffelturm wurde digital nachgebaut. Außerdem gibt es in dieser schönen neuen Welt selbstkühlende Bierdosen und die Möglichkeit, vorübergehend den Körper zu wechseln. Dazu werden menschliche Gehirne gescannt und digital nachgebildet, dann werden diese sogenannten "Cogits" in künstliche Körper hochgeladen.

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Hier kommt nun Galahad Singh ins Spiel, seines Zeichens "Quästor", so werden in dieser Zukunft Privatdetektive genannt, die Menschen suchen. Aufgrund der großen Migrationsbewegung und der Körperwechselmöglichkeit sind viele Menschen unauffindbar und seine Berufsgruppe ist gut im Geschäft. Singhs neuster Auftrag besteht darin, die Computerexpertin Juliette Perotte zu suchen, die ein Verschlüsslungsverfahren für den Upload der Cogits entwickelt hat – und deren Wissen sehr begehrt ist.

Im Rahmen seiner Suche bewegt sich Singh durch diese andere Welt. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die sich durch die Digitalisierung und Entwicklung der künstlichen Intelligenz bereits heute und auch zukünftig stellen: Wie gehen wir mit Daten um? Wie verändert die Technik unser Leben? Woran orientieren wir uns, wenn Geschlecht und Äußerlichkeiten beständig verändert werden können? Und wie viele Gefahren nehmen wir für neue Erkenntnisse in kauf? Erfreulicherweise bezieht Tom Hillenbrand hier klar Stellung, ohne dogmatisch zu sein und verknüpft mögliche Antworten mit dem Ermittlungsstrang.

Mit dem Aufzug in den Asteroidengürtel

Im Plot und innerhalb des Entwurfs der zukünftigen Welt ist "Hologrammatica" daher ausgereift und gut durchdacht, zumal Hillenbrand seine Handlung und Welt mit klassischen Kriminal- und Science-Fiction-Motiven grundiert. Dazu gehört auch sein Protagonist Singh, der ein wenig einsam ist und sich Saxophonspielen von einer John-Coltrane-Holographie beibringen lässt. Hardboiled-Anleihen - der Privatdetektiv, der aus der Ich-Perspektive erzählt - werden verbunden mit fantastischen Elementen der neuen digitalisierten Welt, in der es einen Aufzug in einen Asteroidengürtel und einen geheimnisvollen Lichtstrahl gibt.

Diese im Science Fiction und in der Kriminalliteratur bekannten Bestandteile sorgen dafür, dass die Welt in "Hologrammatica" bei allen technischen Erfindungen vertraut erscheint – darüber hinaus verweist Hillenbrands überzeugende Verbindung dieser verschiedenen Aspekte darauf, wie es mit gegenwärtigen Problemen und Entwicklungen weitergehen könnte.

Tom Hillenbrand: "Hologrammatica"
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2018
560 Seiten, 12 Euro
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