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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.06.2007

Todesurteil HIV

Stephanie Nolen: "28 Stories über Aids in Afrika", Piper Verlag, 2007, 464 Seiten

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Ein Aids-Kranker wird zum Hospiz getragen (AP Archiv)
Ein Aids-Kranker wird zum Hospiz getragen (AP Archiv)

In Afrika kommt eine HIV-Infektion in den meisten Fällen einem Todesurteil gleich. In den nächsten vier bis fünf Jahren werden allein auf dem schwarzen Kontinent 28 Millionen Menschen an Aids sterben, schreibt die Journalistin Stephanie Nolen in ihren aufrüttelnden Buch "28 Stories über Aids in Afrika". Mit ihren Porträts gibt sie dem Leiden ein Gesicht.

28 Stories erzählt Stephanie Nolen. 28 Stories die sinnbildlich für die 28 Millionen Menschen stehen, die in den nächsten vier bis fünf Jahren an Aids sterben werden. Und zwar in erster Linie deshalb, weil sie keinen Zugang zu den Medikamenten haben, den sogenanten Antiretrovirale, die die Krankheit für längere Zeit stoppen können. Warum? Sie sind Afrikaner und sie sind arm.

Das ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit, schreibt Stephanie Nolen. Unserer Gleichgültigkeit. Denn wir als Mitglieder der reichen Industriestaaten schauen diesem Sterben einfach zu. Vielleicht aus Ohnmacht heraus. Oder auch aus Gleichgültigkeit.

Und genau dagegen schreibt die Afrika-Korrespondentin der kanadischen Zeitung "The Globe and Mail" in ihrem unschätzbar guten und überaus informativen Buch an. Denn Stephanie Nolen gibt dieser schrecklichen Krankheit ein Gesicht, sie erzählt die sehr persönlichen Geschichten, die Schicksale von 28 Afrikanern, deren Leben von HIV bestimmt wird. Sei es weil sie selbst infiziert sind, ihre Kinder oder Eltern wegen der Krankheit verloren haben oder sich im Kampf gegen Aids engagieren.

Da ist zum Beispiel der zwölfjährige Lefa, dessen Bild auch das Cover des Buches schmückt, der bei seiner Geburt von seiner kranken Mutter infiziert wurde und heute bei den Großeltern lebt, weil seine Eltern dem Virus bereits zum Opfer gefallen sind. Er ist so groß wie ein siebenjähriges Kind, leidet unter schweren Organsschäden an Lunge und Niere und an einer chronischen Lungenerkrankung. Die Schule kann er nur selten besuchen und das ärgert diesen - trotz aller Umstände - lebensfrohen, kleine Jungen, der gerne Arzt oder Premierminister werden will. Dass er überhaupt so alt geworden ist, wie er ist, grenzt an ein Wunder. Denn die lebenserhaltenden Medikamente erhält Lefa erst seit wenigen Monaten, seit "Ärzte ohne Grenzen" eine Klinik in Lesotho eröffnet hat, nachdem deutlich wurde, dass dieses Afrikanische Land im Begriff war zu verschwinden. Die HIV-Infektionsrate liegt bei über dreißig Prozent. Und viele davon sind Kinder so wie Lefa. Kinder, die gesund zur Welt hätten kommen können, wären ihre Mütter kurz vor der Geburt entsprechend behandelt worden. Doch der Patentschutz großer Pharmakonzerne, schlechte Krankenversorgung und Aufklärung im Land haben das verhindert. Und das nicht nur in Lesotho.

Weltweit hatten im Jahr 2006 2,6 Millionen Kinder Aids, 90 Prozent davon leben in Afrika. Auch davon erzählt die 35-jährige Autorin. Genauso wie von Agnes Munyiva aus Nairobi. Die Mutter dreier Kinder verdient ihr Geld als Prostituierte, weil sie nichts anders findet, um sich und ihre Familie am Leben zu erhalten. Seit mehr als 30 Jahren bedient sie täglich mehrere Männer, manche mit, manche ohne Kondom – je nachdem, was der Kunde zahlt. Angst vor Ansteckung hat Agnes Munyiva nicht, denn sie ist eine der größten Entdeckungen im 25-jährigen Kampf gegen Aids: Agnes Munyiva steckt sich nicht. Ganz im Gegenteil: Je länger sie in ihrem Job arbeitet, desto geringer ist ihr Risiko sich anzustecken. Seit Jahrzehnten wird sie daher regelmäßig von weltweit angesehenen Forschern untersucht, die versuchen, hinter das Geheimnis ihres Körpers zu kommen; die ihr Blut in Millionenteueren Forschungseinrichtungen analysieren. Agnes Munyiva macht das gerne. Sie hilft, auch wenn ihr keiner dieser gut bezahlten Wissenschaftler dabei hilft, raus aus ihrem Gewebe zu kommen, denn nichts lieber würde sie tun. Dazu braucht man Kontakte, sagt die 50-Jährige. Man muss einflussreiche Menschen kennen. Und die kenne sie nicht. Das liest sich fast schon zynisch.

Doch genau das macht Stephanies Nolens hervorragendes Buch zu dem, was es ist. Denn die Autorin schaut hinter die Geschichten, sie wagt den Blick über das einzelne Schicksal hinaus. Ihre 28 Stories erzählen deshalb nicht nur davon, wie das Virus funktioniert und wie es sich ausbreitet, von der medizinischen Seite also, sondern auch davon wie Konflikte, Hungernöte, Missernten und der politische Zusammenbruch vieler afrikanischer Länder mit der Krankheit in direktem Zusammenhang stehen. Darüber hinaus berichtet sie über kleine nicht staatliche Hilfsaktionen, über große Protestbewegungen, über die Zugeständnisse der G8-Staaten, über Hilfsprojekte der UN, über politische Regime genauso wie über neuste Forschungsergebnisse in Sachen Impfstoffe gegen das Virus. Stephanie Nolen webt so ein feines Netz und zeigt damit: Es gibt nur eine Linse, durch die man auf Afrika gucken kann. Dabei entlässt Stephanie Nolen die Industriestaaten mit ihren Entwicklungshilfen, ihren Handelsbarrieren und strikten Kreditbedingungen, ihren Einrichtungen wie der Weltbank nicht aus der Verantwortung. In jede ihrer Geschichten versteht es diese mehrfach ausgezeichnete Journalistin deren Wirken auf das einzelne Schicksal und Leben eines Afrikaners deutlich zu machen. Eine einfache wie geniale Idee, mit der Stephanie Nolen uns, ihre Leser, auffordert gegen dieses sinnlose Sterben aktiv zu werden. Und zwar hier und heute.

Rezensiert von Kim Kindermann

Stephanie Nolen: 28 Stories über Aids in Afrika
Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr, Ursula Pesch und Wolfram Ströle
Piper Verlag, 2007
464 Seiten, 16 Euro

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