Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 23.07.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2016

Todd Hasak-Lowy: "Ein Roman in Listen"Lieben und leiden in Listen

Von Sylvia Schwab

Podcast abonnieren
Zwei Jugendliche laufen Hand in Hand durch eine Unterführung (imago/Westend61)
Zwei Jugendliche laufen Hand in Hand durch eine Unterführung (imago/Westend61)

Dieser Roman über einen 15-Jährigen, dessen Vater sich als schwul outet, besteht ausschließlich aus Listen: To-Do-Listen, Einkaufslisten, Listen, die Gedanken und Gefühle sortieren. Hinreißend und witzig findet unsere Kritikerin das Buch des US-Amerikaners Todd Hasak-Lowy.

Todd Hasak-Lowy lehrt am Arts Institute in Chicago Kreatives Schreiben. Seit mehr als 20 Jahren ist er Schriftsteller; jetzt ist zum ersten Mal ein Roman von ihm auf Deutsch erschienen: der Jugendroman "Dass ICH ICH bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass DU DU bist." Im Untertitel heißt das Buch "Ein Roman in Listen" – und das ist wörtlich gemeint.

Ein Roman in Listen? Schwer vorstellbar für jemanden, der dieses über 650 Seiten starke Buch nicht selbst in der Hand hält! Es erzählt eine ungewöhnliche Pubertäts- und Liebesgeschichte in Listen ganz unterschiedlicher Länge. Manche enthalten nur ein Wort, andere haben zehn oder mehr Positionen oder bestehen aus seitenlangen Beschreibungen, Erzählungen, Erinnerungen. 

Selbstfindungsprobleme eines Teenagers

Der 15-jährige Darren hat echte Probleme! Seine Eltern haben sich getrennt, sein Vater outet sich daraufhin als schwul und seine Mutter, bei der er lebt, will aus beruflichen Gründen nach Kalifornien ziehen. Weshalb Darren beim Vater wohnen soll, obwohl er mit dessen plötzlich demonstrativ gelebter Homosexualität Mordsprobleme hat. Lichtblick und Leuchtturm in Darrens Leben ist eine Punkerin, doch ihre gemeinsame Zeit ist zu kurz: Sie wird von ihren Eltern in ein Internat für schwer Erziehbare abgeschoben und der Kontakt bricht ab.

Todd Hasak-Lowy hat einen hoch emotionalen Roman geschrieben. Über die Liebe eines Jungen zu einem Mädchen, dem er nicht nahe sein kann. Über seine Wut auf den Vater, die Konflikte mit der Mutter und seine Zuneigung zu seinem Bruder Nate, der auf dem College alle seine Chancen mit Drogen und Alkohol verspielt. Und über die Beziehung zu zwei Mädchen, die ihn mögen, in ihn verliebt sind und ihm Freundschaft und Vertrauen entgegenbringen. Darren lebt, liebt und leidet, und das alles in Listen.

Die Liste gibt Halt und schafft Ordnung

Diese Listen nun wirken kein bisschen konstruiert oder langweilig. Sie geben Darrens aufgewühltem Leben Halt, schaffen einen festen Rahmen für seine emotionalen Ups and Downs. Sie schwanken zwischen Komik und Tragik, wenn zum Beispiel unter dem Listen-Titel "Personen in der Schule, von denen Darren glaubt, er könne mit ihnen über das reden, was sein Dad ihm gerade mitgeteilt hat" kein einziger Name steht. Deutlicher ließe sich Darrens Einsamkeit kaum zeigen.

Wie überhaupt die Kombination von Überschriften und zugehörigen Listen immer wieder erstaunlich oder auch berührend ist: Auf die Überschrift "4 Dinge, die Zoey am Samstag, den 26. April, nicht getan hat" folgen Darrens seitenlange Erinnerungen an ihre kurze Begegnung. Dazu seine Träume und Wünsche für ein mögliches Beisammensein.

Den Menschen finden, mit dem man seine Listen schreibt

Listen – das wird beim Lesen immer klarer – bieten eine erstaunlich abwechslungsreiche Möglichkeit zu erzählen, zu berichten, zu phantasieren, zusammenzufassen. Hasak-Lowys Listen-Roman ist hinreißend: bewegend, witzig und spannend. Seine Listen bringen die Phantasie des Lesers in Schwung, weil sie zwischen den Zeilen so viel offen lassen.

Sie setzen - viel deutlicher als ein Fließtext – auch optische Akzente durch Überschriften, Nummerierungen und Absätze. Sie klären das Chaos der Eindrücke, Gedanken und Gefühle. Und sie zeigen, wie wichtig es ist, "den richtigen Menschen zu finden, mit dem man seine Listen schreibt". Egal ob es To-Do-Listen oder Einkaufslisten sind, ordnende Excel-Tabellen oder Roman-Listen. In Listen ist alles möglich, alles erlaubt. Sie verbinden – nicht nur Autor und Leser.
 

Todd Hasak-Lowy: "Dass ich ich bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass du du bist. Ein Roman in Listen"
Aus dem amerikanischen Englisch von Karsten Singelmann
Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2016
656 Seiten, 18,95 Euro, ab 14 Jahren

Mehr zum Thema

Sexualität im Kinder- und Jugendbuch - Wenn das Kind zwei Mamas hat
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 12.07.2016)

Sally Nicholls: "Wünsche sind für Versager" - ... und Liebe ist was für Weicheier
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 22.06.2016)

Erna Sassens: "Das hier ist kein Tagebuch" - Weg aus der Einsamkeit
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 07.10.2015)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur