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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 29.03.2013

Tod, wo ist dein Stachel?

1. Kor. 15,55 bei Händel, Brahms und Johnny Cash

Von Theresia Kraienhorst, Pfingstberg

Leben und Tod gehören unauflöslich zusammen. (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)
Leben und Tod gehören unauflöslich zusammen. (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)

Am Ende jeden Lebens steht der Tod. Christen glauben aber an die Auferstehung der Toten, glauben an ein ewiges Leben bei Gott: "Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" fragt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther. Künstler haben diese Zeilen immer wieder aufgegriffen.

Dieses Bekenntnis ist auch musikalisch zum Ausdruck gebracht worden; Georg Friedrich Händel und Johannes Brahms haben dies genauso wie Johnny Cash in eindrucksvoller Weise getan.

Im Herbst des letzten Jahres habe ich ein Lied gehört, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.Johnny Cash singt einen Vers aus der Bibel.

Oh Death, where is thy sting?
Oh Grave, where is thy victory?


Es handelt sich um ein Zitat aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 15, Vers 55:

"Tod, wo ist dein Sieg? / Tod, wo ist dein Stachel?" -

oder wie die anglikanische Tradition übersetzt hat:

"Tod, wo ist dein Stachel? Grab, wo ist dein Sieg?"

Johnny Cash hat dieses Lied wenige Monate vor seinem Tod aufgenommen. Er ist erst 71 Jahre alt, aber ein schwerkranker Mann im Rollstuhl. Seine Frau June ist kurz zuvor gestorben.

Tod, wo ist dein Stachel?
Grab, wo ist dein Sieg?
Leben, du bist ein leuchtender Pfad.
Und die Hoffnung sprießt ewig, über den Horizont hinaus,
wenn ich sehe, dass mein Erlöser mich zu sich winkt.


Johnny Cash hat sein Lied im Walzertakt gesungen. Im langsamen Walzer tanzt der Sänger mit Leben und Tod.

Ich glaube, es ist dieser Walzertakt, der mich so eindringlich berührt hat. Mir fallen Feste ein, bei denen ich alte Paare erlebt habe, die miteinander Walzer tanzten. Diese jahrzehntelange Vertrautheit, die zu einem durch und durch gemeinsamen Rhythmus wird.

Und dieser Sänger singt mit brüchiger Stimme von seinem Glauben, dass der Tod nicht das Letzte ist, was ihn erwartet. Und im Rhythmus seines Liedes tanzt er mit Leben und Tod, er kennt die beiden durch und durch.

"Tod, wo ist dein Stachel? Grab, wo ist dein Sieg?"

Manchmal findet man in Todesanzeigen folgende Angaben: Neben dem Geburtstag des Toten steht "geboren, um zu sterben" und neben dem Todestag "gestorben, um zu leben".

Hier wird auf den Punkt gebracht, was Christen bekennen: Jeder Mensch muss sterben, der Tod steht ohne Ausnahme am Ende jeden Lebens. Aber die Christen vertrauen darauf, dass es ein ewiges Leben in Gottes Gegenwart geben wird.

Der Glaube an die Auferstehung ist elementar für den christlichen Glauben - ohne Auferstehung kein Christentum. Das formuliert der Heilige Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth so:

Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.

Und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.


(1 Kor 15, 12-14.18+19)

Christen glauben an die Auferstehung der Toten. Aber das bedeutet nicht die Verleugnung des Todes. Nur, wer dem Tod ins Auge schaut und ihn annimmt, kann wahrhaft menschlich leben.
Von der evangelischen Theologin Dorothee Sölle stammt folgender Brief an den Tod:

Dear Mr. Death
Sehr geehrter Herr Tod,

ich kenne Ihre Adresse nicht, weiß aber, dass Sie über eine ungeheure Anzahl von Angestellten, Bediensteten und gut bezahlten Beratern in Ihrem erfolgreichen Unternehmen verfügen. Ich habe eine Bitte an Sie und wünsche mir, dass Sie diese Nachricht durchlesen und an einen Zuständigen weitergeben.

Seit über dreißig Jahren lebe ich in einer großen Liebe. Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death, eher Angst vor den vielen Schläuchen und Leitungen im Krankenhaus, die Sie abzuhalten oder aufzuschieben versuchen. (...)

Es ist mir bewusst, dass wir nach Ihrer Pfeife zu tanzen haben, und ich, in viele Kämpfe gegen Ihre Angestellten verstrickt, fürchte mich nicht. Was ich fürchte, ist das Alleingelassen werden, wenn mein Lache- und Weine-Partner von mir fort muss. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass ich in diesem Fall Ihnen entgegenkommen würde, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Aber es wäre anders, wenn wir beide zusammen gehen könnten.

Mein Partner weiß, dass ich vor seinem Abgang mehr Angst als vor meinem habe. Er ist fähig, sich zu wünschen, dass er etwas länger bleibt. Bei dieser Prüfung versage ich. Ich kann es mir einfach nicht wünschen - und Sie wissen selbstverständlich, dass Wünschen ein anderes Wort für Beten ist. Vielleicht ist seine Liebe größer als meine, obwohl ich das nicht gerne zugebe.
Manchmal vermute ich, dass Liebe - falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen - das Einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinn möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.


Vielleicht fällt es alten Menschen wie Dorothee Sölle oder Johnny Cash leichter, dem Tod schon fast gelassen zu begegnen.

Aber die Auseinandersetzung kann auch ganz anders klingen.

Jürgen Domian ist Moderator der Telefon-Talkshow »Domian« im WDR. In seiner Radiosendung hat er in den vergangenen Jahren mit rund zwanzigtausend Interviewpartnern gesprochen; davon viele Todkranke, Sterbende und Trauernde. In seinem Buch "Interview mit dem Tod" verzeichnet Jürgen Domian einige Gesprächsprotokolle - mit dem Tod.

- Warum hast du das Leben des Säuglings und der jungen Frau ausgelöscht?
+ Ihre Zeit war abgelaufen.

- Die Zeit eines zwei Monate alten Kindes?
+ Ja.

- Das verstehe ich nicht.
+ Ich gehe immer zu denen, deren Aufgabe auf Erden erfüllt ist.

- Ein zwei Monate altes Kind hat seine Aufgabe bereits erfüllt?
+ Ja. Manche Menschen benötigen dafür achtzig oder neunzig Jahre, manche vielleicht nur ein paar Stunden.

- Wie zynisch!
+ Zynismus ist eine menschliche Eigenschaft. Ich habe keine menschlichen Eigenschaften. Es sind nicht Jahre, in denen sich der Sinn eines Lebens erfüllt. Auf die Länge des Lebens kommt es nicht an.

- Was war dann der Lebenssinn dieses zwei Monate alten Säuglings?
+ Wenn ihr Menschen von Sinn sprecht, ist immer eure Ratio im Spiel. Alles muss in den Kategorien eurer menschlichen Beschränktheit beschrieben, erklärt und gelöst werden. Eins und eins ist zwei. Damit gebt ihr euch zufrieden. Das Sein aber ist weitaus mehr und entzieht sich gänzlich eurer Vernunft und eurer Sprache.

- Denkst du nie an die Hinterbliebenen?
+ Nein, warum sollte ich?

- Weil du so großes Leid anrichtest.
+ Ich weiß nicht, was Leid ist. Aber ich weiß, dass Leben und Leid einander bedingen. Ohne das Leben kein Leid und ohne Leid kein Leben.

- Du hast also nie Mitgefühl?!
+ Mitfühlend zu sein, ist das Erstrebenswerteste für den Menschen. Für mich aber ist Mitgefühl ohne jede Bedeutung.

- Zweifelst du denn nie?
+ Nein. Ein zweifelnder Tod wäre kein Tod mehr. Ich zweifle nie - und ich irre nie.

- Du irrst nie? Dann sind also die Millionen Kriegsopfer auf Erden... richtig? Die KZ-Opfer? Die im Gulag Ermordeten? Die von Gewaltregimen Hingerichteten? Ist es richtig, dass bei Erdbeben und Flutkatastrophen Hunderttausende umkommen? Ist es richtig, dass Kinder ermordet werden? Ist es richtig...
+ Beruhige dich, beruhige dich. Als Mensch, als mitfühlender Mensch musst du so sprechen, das ist folgerichtig. Und dein Intellekt kann all das nicht begreifen. In meiner Welt aber gibt es kein Gut und Böse. Alles ist, was es ist. Alles ist Ausdruck des Seins. Untergang heißt auch Aufgang. Das Sterben ist genauso bedeutsam wie das Geborenwerden.

- Das soll ich der Mutter sagen, deren Kind ermordet wurde?
+ Nein. Überlass das den Predigern. Diese Einsicht kann der Mensch nur empfinden, nicht verstehen. Und für die meisten ist es ein weiter Weg, zu diesem Empfinden zu gelangen.

- Nun bin ich so schlau wie vorher. Ich spreche mit dem Tod - und er kann mir nichts erklären.
+ So einfach, wie du es dir vorstellst, ist es nicht. Du gebrauchst nur dein rationales Bewusstsein.
Du willst logische, für dein Denken plausible Erklärungen. Damit kommst du nicht weit.

- Ich habe nichts anderes als meine Vernunft.
+ Oh, doch! Du hast viel mehr. Du hast es nur noch nicht in dir entdeckt.

-Jetzt wirst du esoterisch. Die Vernunft hat die Menschen sehr weit gebracht. Wir säßen noch auf den Bäumen oder in Höhlen, hätten wir unsere Vernunft nicht gebraucht.
+ Ja, und es gäbe auch keine Atombomben. Aber du hast schon Recht. Natürlich liegt auch viel Sinn in der menschlichen Vernunft. Das Herz allerdings ist viel wichtiger.

- Das Herz?
+ Nennen wir es einmal so. Nur über das Herz führen die Wege zur Demut, zum Mitleid, zur Selbstlosigkeit, zur Liebe.

- Ich fasse es nicht. Der Tod erzählt mir etwas von der Liebe - und genau in dieser Stunde sterben auf der Welt Hunderttausende, viele davon qualvoll, leidvoll und jämmerlich. -
+ Lass uns eine Pause machen.

Es ist wichtig, die Frage nach dem Warum zu stellen. Sie gehört zu unserem Menschsein. Warum müssen wir sterben? Die Frage nach dem Woher und Wohin, die Frage nach dem Sinn unseres Lebens - wir können diese Fragen letztlich nicht einfach mit unserem Verstand beantworten.

Und so sind die Pyramiden entstanden. Und der Petersdom über dem Grab des heiligen Petrus. Und das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms.

Auch dort wird das Paulus-Wort aus dem 1. Korintherbrief vertont. Im 6. Satz singt der gesamte Chor es mit den Worten der Luther-Übersetzung:

"Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!"

Doch anders als Martin Luther hat Johannes Brahms ganz bewusst keine Fragezeichen, sondern Rufzeichen an das Satzende gestellt!

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten,
die heiligen Märtyrer dich begrüßen
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Die Chöre der Engel mögen dich empfangen,
und durch Christus, der für dich gestorben,
soll ewiges Leben Dich erfreuen.



Das ist ein Hymnus, der schon aus dem 7. oder 8. Jahrhundert stammt. Bis heute gehört er zur katholischen Begräbnisliturgie. Man singt diesen Hymnus, wenn der Sarg zum Grab getragen wird.

Christus, der für dich gestorben - von Anfang an war für die Christen das Leiden und Sterben Jesu der Schlüssel zum Verständnis des eigenen Lebens und Sterbens.

Am deutlichsten bringt die Präfation von den Verstorbenen diese Verwandlung des Todes zum Ausdruck: "Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit. Denn deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet." Wo der Tod so im Glauben angenommen und als Durchgang zum ewigen Leben verstanden wird, da kann man mit Franz von Assisi gar vom "Bruder Tod" sprechen und sich mit ihm versöhnen.

Gelobt seist du, mein Herr,

durch unseren Bruder, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.

Selig jene,
die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

So besingt der Heilige Franz von Assisi in seinem Sonnengesang den Bruder Tod. Denn der Tod gehört zum Leben. So schreibt Luise Rinser:

Natürlich weiß ich, dass ich sterben muss. Aber was heißt das?

Wer, wie ich, auf dem Land aufgewachsen ist und dort den Auf- und Abstieg der Jahreszeiten erlebt, und wer es mit Tieren und Pflanzen zu tun hat, der kann nicht übersehen, dass alles zum Sterben hin lebt. Er weiß aber auch, dass das biologische Sterben eine Uneigentlichkeit hat, die nur flüchtige Trauer zulässt: die Frucht, die stirbt, der Same überlebt; in der scheintoten Knospe wächst die Blüte, das Blatt, die Frucht; Abgestorbenes verfault, wird zur Erde und steigt in der von ihm genährten Pflanze wieder ans Licht; nichts geht ins nichts; Sterben bedeutet nirgendwo das absolute Ende.

Der aus der Natur herausgefallene Mensch sieht jedoch nichts als Schutthaufen, Autofriedhöfe, Müllabfuhr mit unbekanntem Ziel; er sieht Dinge, die zu kurzem Gebrauch bestimmt sind und, unbrauchbar geworden, zerstört werden. Ich sehe überall Leben... Ich weiß, dass ich, unaufhörlich auferstehe.


Johnny Cash hat sein Lied im Walzertakt gesungen. Im langsamen Walzer tanzt der Sänger mit Leben und Tod.

Jedes Leben auf dieser Erde endet mit dem Tod. Aber die Christen vertrauen darauf, dass es eine Auferstehung der Toten gibt, sie glauben an ein ewiges Leben in Gottes Geborgenheit.

Tod, wo ist dein Stachel? Grab, wo ist dein Sieg?


Musik und Literatur dieser Sendung

CD: Johnny Cash, 1 Cor 15,55, aus: Johnny Cash, America VI: Ain't No Grave, 2010 American Recordings, LLC

CD: Wirtshausmusikanten , 2012 Telepool GmbH LC 08947

CD: Gruber+Gruber, Bogner Records CD 60123

CD: Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt, 2010 Sony Music

Dorothee Sölle, Mystik des Todes, Kreuz Verlag, Stuttgart 2003

Jürgen Domian, Interview mit dem Tod, Gütersloh 2012, zitiert aus der Kindle-Version

Katholischer Erwachsenenkatechismus, Bd. 1

Luise Rinser, Ich sehe überall Leben, in: Horst Nitschke (Hg.), Wir wissen, dass wir sterben müssen, Gütersloh 1975

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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