Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Literatur

Freitag, 18.01.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Literatur

Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.02.2008

Tod und Trauer im Islam

Die muslimische Trauerkultur ist vielfältig

Von Thilo Guschas

Podcast abonnieren
Betende Muslime (AP)
Betende Muslime (AP)

Muslime haben bestimmte Bräuche, wie sie mit Tod und Trauer umgehen - auch wenn sie als Migranten in Deutschland leben. Das Wissen über diese Bräuche wird in deutschen Krankenhäusern und Hospizen zunehmend wichtig: Immer mehr muslimische Gastarbeiter altern und sterben.

"Ein bisschen Trauer und Weinen ist erlaubt. Aber nicht so lautstark, wie man das manchmal sieht, das ist nicht in Ordnung. Also Leiden, okay, das geht, leise weinen, bisschen die Augen tropfen lassen und so, aber nicht so laut so schreien, das verbietet unserer Prophet. Auch unsere Religion, der Islam."

So trauern wir Muslime, sagt Fikrun Kesikbas von der Hamburger Hicret-Moschee. Man übt Zurückhaltung, verbirgt die Trauer. So trauern zwar einige Muslime, aber bei weitem nicht alle, sagt dagegen Özgur Uludag. Es liege an der jeweiligen islamischen Rechtsschule, ob das Trauern verboten ist oder nicht.

"Da gibt es einige türkische Gelehrte, die das Trauern komplett verbieten. Man darf dann komplett gar nicht trauern. Das hängt damit zusammen, weil die glauben, dass Gott das Leben gibt und Gott das Leben nimmt. Also dürfen sie nicht trauern, weil Gott das ja befohlen hat. Wenn sie dennoch trauern, ist es so eine Art Blasphemie. Sie machen dann etwas, was Gott so nicht wünscht."

Uludags Familie betreibt ein Bestattungsunternehmen in Hamburg, das auf Beerdigungen nach muslimischen Ritus spezialisiert ist. Je nach Glaubensrichtung trauern die Muslime unterschiedlich. Beim Ashura-Ritual schlagen sich die Schiiten selbst auf die Brust, um so dem Leiden verstorbener Imame zu gedenken. Doch das ist nur eine von vielen Arten zu trauern.

"Bei einigen Algeriern habe ich es miterleben dürfen, dass direkt Klageweiber engagiert worden sind. Dort sollen sie dann klagen. Die kennen den Verstorbenen dann gar nicht, sondern das ist dann deren Job. Die kommen und klagen dann, häufig in schwarz gekleidet. Die jammern geradezu."

"Vor allem in Deutschland leben ja 3,5 Millionen Muslime aus 42 verschiedenen Ländern."

Ali Özdil, Dozent am Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut Hamburg:

"Wir können nicht von der muslimischen Minderheit sprechen, sondern es eine pluralistische Gemeinschaft mit sehr, sehr unterschiedlichen Herkünften. Diese Menschen kommen aus sehr verschiedenen Ländern und bringen natürlich ihre unterschiedlichen Kulturen auch mit."

Daher gebe es eben nicht die eine, muslimische Art zu trauern. Der Tod im Islam ist Özdils Spezialthema – damit ist er ein gefragter Mann.

"Ja, das war die el-Fatiha, die erste Sure aus dem Koran. Die ist insofern wichtig, weil sie die Sure ist, die wir am meisten rezitieren, aber nicht nur mit rituellem Gebet, wenn wir zum Beispiel an einem Grab vorbei kommen."

Die Fatiha-Sure spielt der Islamwissenschaftler Ali Özdil gern als Einstieg auf seinem Laptop, wenn er Vorträge zum Thema "Tod im Islam" hält. Vor einiger Zeit hat er in einem Hospiz einen Vortrag gehalten, zum Thema Tod im Islam. Das hat sich herumgesprochen. Seither hagelt es Anfragen, von Hospizen, Krankenhäusern, Intensivstationen. Wie soll man damit umgehen, wenn ein Muslim stirbt? Für jemanden, der hauptberuflich mit Kranken und Toten umgeht, ist diese islamkundliche Frage ausgesprochen praxisrelevant – weil immer mehr ehemalige Gastarbeiter in Deutschland sterben.

"Es ist natürlich so dass spezifische Fragen gestellt werden. Wie ist das mit Organentnahme, ist das erlaubt oder nicht? Dazu gibt es ja auch im islamischen Recht verschiedene Meinungen, aber die Mehrheit legitimiert Organtransplantationen. Oder wie ist es mit Hirntod, ist jemand tot, wenn er hirntot ist? Auch da gibt es unterschiedliche Meinungen, aber sofern ich weiß, ist es so, dass wir sagen, wenn ja der Hirntod eintritt und der Mensch nur noch mit den Maschinen am Leben erhalten wird, ist es so, dass der Mensch tot ist und die Maschinen können abgestellt werden."

Özdil sagt: Die Muslime in Deutschland haben einen zweifachen Tod. Sie sterben hier, werden aber in ihrem Heimatland beerdigt.

"Unsere Gemeindemitglieder werden zu 99 Prozent in die Heimat überführt. Aber es gab schon Fälle, die wir hier bestattet haben. Es gibt einige Friedhöfe hier, wo gesonderte Plätze reserviert sind für die Muslime und dort werden sie dann eben mit den anderen Muslimen zusammen bestattet."

"Es ist leider auch noch so – ich muss sagen leider, weil ich diese Meinung nicht teile – dass viele Menschen der ersten Generation überführt werden wollen in ihre Heimatländer. Das heißt, wenn sie hier sterben, wollen sie nicht hier beerdigt werden, obwohl es keine islamische Regel gibt, die besagt, dass man in seinem Heimatland beerdigt werden muss. Und das erfordert natürlich sehr viel Zeit, Kraft und Geld."

"Einen Toten in die Heimat zu überführen, kostet Geld. Ich sag mal, um den Dreh 3000 Euro. Wenn dieser Tote vorher nicht das Geld zur Seite gelegt hat, und nachher keine Verwandtschaft hat, Söhne oder Töchter oder wer auch immer, werden die auf kürzestem Wege eben hier bestattet."

Eine Bestattung in Deutschland ist für viele Muslime nur eine Notlösung. Es gibt zwar Parzellen auf deutschen Friedhöfen, in denen nach muslimischen Brauch bestattet werden darf – der Leichnam gen Mekka ausgerichtet, ohne Sarg, nur in ein Leinentuch gehüllt – aber es bestehen Probleme.

"Was eines der großen Probleme ist bei diesen Parzellen, ist das Gebot der Ewigkeit des Grabes. Also ein Grab sollte möglichst für die Ewigkeit angelegt sein. Jetzt kann man natürlich darüber diskutieren, was ist Ewigkeit? In Deutschland hat man ja die Möglichkeit, nach 25 Jahren das Grab sozusagen zu verlängern, ohne dass das wiederbelebt wird das Grab – also neu ausgehoben und eine weitere Beerdigung dort durchgeführt wird. Solange man das organisiert bekommt, kann man die Gräber verlängern. Insofern besteht die Möglichkeit es dort, in Anführungsstrichen, ewig als die Grabstelle des Verwandten zu nutzen. Allerdings wird das im islamischen Raum von Haus aus so gehandhabt, also ein Grab wird angelegt, und dann ist das für ewig. Dann muss man sich nicht nach 25, 30 oder 50 Jahren drum kümmern, sondern das ist immer so. Das ist ein Konflikt."

Wenn in der islamischen Welt berühmte Persönlichkeiten sterben, gibt es große Trauerumzüge. Doch auch normale Beerdigungen haben viel Zulauf – Anteilnahme ist religiöse Pflicht. Nur eine von vielen Eigenheiten der islamischen Trauerkultur.

"Die Toten müssen bei uns gewaschen werden. Es ist eine rituelle Waschung, und das machen natürlich kundige Leute. Es gibt Institute, Begräbnisinstitute, oder auch Moscheegemeinden, die das organisieren, oder aber die Familienmitglieder machen es selbst. Es gibt also mehrere Möglichkeiten. Und für uns ist es auch wichtig, dass jemand so schnell beerdigt wird, wie es geht. Sie müssen bedenken, dass die meisten Muslime ja aus heißen Regionen kommen und hier haben wir natürlich die Möglichkeit der Kühlung, aber traditionsgemäß ist es sehr wichtig, dass ein Mensch innerhalb der ersten drei Tage beerdigt wird."

Uludag sagt etwas flapsig: Eigentlich sind wir kein Beerdigungsunternehmen, sondern wir vermitteln Flüge. Ein wesentlicher Grund, warum nicht viel mehr Bestatter muslimische Beerdigungen anbieten, sind die Flugkosten. Uludags Unternehmen erhält spezielle Rabatte. Die Überführungen sind gut fürs Geschäft – aber schlecht für die Integration.

"Im Moment in den letzten zehn Jahren, haben wir zu 90 bis 95 Prozent Überführungen gemacht. Nur ein geringer Teil lässt sich in Deutschland beerdigen. Die Möglichkeiten sind gegeben: Man kann ohne eine Sarg beerdigen, nach einem islamischen Ritus, mit der rituellen Waschung, mit einer gewissen Ewigkeit des Grabes. Wird allerdings von den Muslimen oder den Ausländern in Deutschland nur sehr eingeschränkt genutzt."

Es ist eine bittere Bilanz für die Integration: Die Muslime wollen nicht hier begraben werden, weil sie sich hier nicht zuhause fühlen. Doch der Ort, an dem die Muslime sterben ist hier, in Deutschland. Wenn Özdil seine Schulungen gibt, ist eine dringende Frage, die ihm die Mediziner stellen: wie soll man Muslimen begegnen, wenn einer ihrer Angehörigen stirbt? Özdil gibt praktische Tipps: Suchen Sie Körperkontakt! Schauen Sie den Menschen in die Augen! Das tut jedem in einer solchen existenziellen Situation gut. Vor allem verkrampfen Sie sich nicht. Behandeln Sie die Muslime einfach als ganz normale Menschen.

"Denn wenn ich über 1000 verschiedene Dinge nachdenken muss, mensch, wie soll ich bei einem Araber, bei einem Perser, bei einem Türken, einem Afrikaner reagieren – das verwirrt die Menschen ja. Oder wenn sie ängstlich an die Sache herangehen, trete ich jetzt in ein Fettnäpfen oder nicht. Ich sage: Tun Sie das, was Sie in Ihrer Ausbildung gelernt haben. Am Ende kann man darüber reden, was ist schief gelaufen, was hätten wir anders machen können? Aber solange Sie tun, was Sie in Ihrer Ausbildung gelernt haben, oder was Sie Erfahrung machen, sind Sie auf der sicheren Seite! Ich versuche den Menschen durchaus Sicherheit im Umgang mit muslimischen Menschen und dem Tod zu geben, und sie nicht noch durch komplizierte Erzählungen noch weiter zu verwirren – sie sind ja sowieso verwirrt!"

Religionen

Kirchenkritische KunstVom Gotteslob zum "Gottesloch"
Schrägansicht auf die Installation "Gottesloch" von Georgia Krawiec. Zu sehen ist ein hellgraues Liederbuch mit einem goldenen Kreuz auf dem Cover, in dessen Mitte ein Loch ist. Darunter der Titel "Gottesloch". (Georgia Krawiec)

Liederbuch wird Lochkamera: In Kunstobjekten verleiht Georgia Krawiec ihrer Kritik an der Kirche eine konkrete Gestalt. Eine Serie nennt sie "Gotteslöcher". Sie geht auf traumatische Erlebnisse ihrer katholischen Kindheit in Polen zurück.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur