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Studio 9 | Beitrag vom 11.07.2016

Titos Enkelin Svetlana Broz"Ich denke nicht ethnisch, sondern ethisch"

Von Karla Engelhard

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Titos Enkelin, die Kardiologin Svetlana Broz, beim Erhalt einer Ehrenmedaille durch den damaligen französischen Botschafter in Sarajevo, Roland Gilles. (EPA)
Engagiert und ausgezeichnet: Svetlana Broz 2011 beim Erhalt einer Ehrenmedaille durch den damaligen französischen Botschafter in Sarajevo, Roland Gilles. (EPA)

Vor knapp 25 Jahren begannen serbische Truppen mit der Blockade von Sarajevo. Inmitten von Hass und Gewalt eröffnete die Ärztin Svetlana Broz, die Enkelin des Diktators Josip Broz Tito, dort eine Praxis. Heute leitet sie eine Schule für Zivilcourage und setzt sich für Frieden und Verständigung.

Svetlana Broz wohnt in einer großen Eigentumswohnung im Zentrum von Sarajevo. Nicht weit davon trägt eine Straße den Namen ihres Großvaters "Marschall Tito". Als Tito starb, war Svetlana Mitte 20, studierte Medizin in Belgrad und wurde kurze Zeit später Kardiologin.

Jugoslawien zerfiel und 1999 bombardierte die NATO Belgrad.  Svetlana Broz brach sich zu dieser Zeit ein Bein, mit Folgen:

"Ich hatte keine Arbeit und keine Aufgabe, also Zeit zum Nachdenken. Ich habe meine Freunde gebeten, mich nach Sarajewo zu bringen. Dort fuhren sie mich jeden Tag in ein anders Cafes oder Restaurant, weil ich wissen wollte, wie die Einwohner Sarajewos über den NATO-Einsatz in Serbien denken. Ich habe eine Art Genugtuung erwartet, dass endlich die serbische Politik für die Verbrechen bestraft wird. Doch ich war sehr erstaunt darüber, dass nie von Rache oder Vergeltung gesprochen wurde. Ich habe niemanden gefunden der Dinge sagte wie, 'Endlich werden Belgrad und andere Städte in Serbien bombardiert'."

Sie blieb in Sarajewo, arbeitete als Kardiologin und wurde natürlich stets als Tito Enkelin erkannt:

"Die Menschen wussten sofort, dass ich eine Verwandte sein musste, der Name 'Broz' ist selten. Am Anfang löste mein Nachname immer eine Art Nostalgie aus. Es ist nicht schwer zu begreifen, warum. Das Leben war in der Zeit, als Tito noch lebte, in dieser Region besser. Gerade die Menschen in meinem Alter vergleichen das Leben von damals und heute und würden die Zeit gerne zurückdrehen."

Geschichten von Zivilcourage aller Religionsgruppen

Was sie als Ärztin und Tito-Enkelin von ihren Patienten hörte, überwältigte sie. Geschichten, wie die eines alten, kranken Mannes, der nach der Untersuchung zu ihr meint:

"'Ja, Dr. Broz, ich habe Herzprobleme, aber das ist nicht wichtig. Was wirklich zählt ist, dass ich von einem Menschen gerettet wurde, der nicht zu meiner ethnischen Gruppe gehört, unter diesen Umständen'. Nach zehn-zwanzig ähnlichen Geschichten, realisierte ich, sie wollten diese Zeichen der Menschlichkeit mit jemandem teilen, der die Möglichkeit hat, diese Geschichten weiterzuerzählen. Ich fragte mich, ob ich moralisch das Recht habe, diese Geschichten zu ignorieren."

Svetlana Broz hörte von bosnischen Muslimen, die serbischen Nachbarn Medikamente brachten, von Serben, die bosnische Muslime deckten, von kroatischen Katholiken, die muslimischen Freunden beistanden. Als Ärztin war sie an die Schweigepflicht gebunden. Doch Svetlana Broz zog an Wochenenden mit ihrem klapprigen Auto und einem Tonband los und interviewte so viele Helfer, wie sie konnte.

Als Nationalisten ihr Büro 1997 verwüsteten und die Tonbänder zerstörten, begann sie von vorn. Insgesamt vier Jahre sammelte sie Geschichten aus dem Bosnienkrieg von 1992 bis 95.

Das Massaker sei notwendig gewesen

Sie fand sie bei Bäuerinnen, Polizisten und Professoren, bei Armen und Reichen, bei Gläubigen und Atheisten. Geschichten der "Guten Menschen in schlechten Zeiten" – so der Titel ihres Buches, das daraus entstand. Es ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt, ein deutscher Verlag steht noch aus.

Svetlana Broz leitet mittlerweile eine unabhängige Schule für Zivilcourage in Sarajewo und sammelt weiter Geschichten. Gut 20 Jahre nach dem Massaker an muslimischen Jungen und Männern in Srebrenica ist sie sich sicher:

"Srebrenica war notwendig, um den Krieg zu beenden. Das amerikanische State Department benötigte solche Gräueltaten, um selbst in den Krieg einzugreifen und serbische Ziele bombardieren zu können, um den Krieg zu beenden und das Abkommen von Dayton auszuhandeln.
Wer die Menschen geopfert hat? Politiker im Inland, die wussten was geschehen wird und Politiker im Ausland, die das auch wussten. 8000 Menschen verschwanden, unschuldige Menschen."

Als das Mikrofon aus ist, erzählt Svetlana Broz von ihrem ersten Besuch in Srebrenica. Auf dem Ehrenfriedhof kam eine Frau auf sie zu, erkannte sie, umarmte sie und sagte zu ihr, wenn Tito noch leben würde, dann wären auch ihr Mann und ihr Sohn noch am Leben.

Auch Svetlana Broz kann und will die Zeit nicht zurückdrehen. Zum Abschied sagt sie nur:

"Ich habe den Traum, dass Bosnien ein Land der Staatsbürger wird und nicht von Ethnischen oder religiösen Gruppen. Ein Land der gut ausgebildeten Menschen, die die Gesellschaft ändern können und die Leben in die Gesellschaft bringen."

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