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Studio 9 | Beitrag vom 30.05.2016

TinCon - Festival für digitale JugendkulturZutritt für Erwachsene verboten

Von Felicitas Boeselager

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Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) unterhält sich am 27.05.2016 in Berlin auf dem Tincon - teenageinternetwork convention - Festival für digitale Jugendkultur mit dem YouTuber Oguz Yilmaz. Bei dem Festival dreht sich alles um Games, Design, Musik, YouTube, Politik und Wissenschaft. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Zum Kongress Tincon waren Erwachsene nicht eingeladen. Einzige Ausnahme: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Tanja und Johnny Haeusler, die Mitbegründer der re:publica, haben einen ähnliche Kongress für Jugendliche veranstaltet: die Teenageinternetwork Convention, kurz TinCon. Menschen über 21 Jahren, durften nicht teilnehmen. Doch eine Erwachsene war dabei: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig.

"Hallo Leute." 
"Hi, wer bistn Du?"
"Ich bin ein kleiner Roboter."

Mitten durch eine Schar plappernder Jugendlicher fährt ein Tablet und sucht jemanden zum Reden. Es ist an einer senkrechten Stange befestigt. Die wiederum an Rädern angebracht ist. Die Konstruktion geht den meisten Jugendlichen hier ungefähr bis zur Schulter. Auf dem Screen des Tablets grinst ein blonder Lockenkopf.

Der scheint das Tablet von irgendwoher zu steuern und spricht durch die Lautsprecher. Er ist aber in der realen Umgebung unsichtbar. Bis das Tablet irgendwo festhängt, dann flitzt der ganz reale Junge aus einer Ecke blitzschnell hin zu dem Roboter. Leander ist 15 Jahre alt und einer von ungefähr 300 jungen Besuchern am ersten Tag der TinCon. Er ist hier, um neue Technologien auszuprobieren, und um mit Gleichaltrigen zu diskutieren. Zum Beispiel darüber,

"...dass man mit Fotos und Memes, die man postet, dass man damit Gutes und Schlechtes bewirken kann, und dass man aufpassen muss, was man dort postet."

Ein Meme ist ein Internetphänomen. Es kann ein Link, ein Bild, oder ein kurzes Video sein. Meistens hat es eine popkulturelle Referenz. Charakteristisch an einem Meme ist, dass jeder Nutzer es verändern, in einen neuen Kontext setzen kann und dass es sich rasant im Netz verbreitet. Der Umgang mit solchen Memes war Thema des Vortrags von Journalist und Designer Thilo Kasper:

"Memes sind so die Insiderwitze des Internets, kann man vielleicht sagen, sie funktionieren wie Schablonen, ein Beispiel ist zum Beispiel die Ice Bucket-Challenge, da ist die Schablone, dass man sich einen Eiswasserkübel über den Kopf schüttet und noch jemanden nominiert und Spenden sammelt gegen die Nervenkrankheit ALS. Das heißt es gibt so ein Muster, das immer wieder gleich abläuft, aber die Menschen bringen immer wieder eigene Kreativität rein."

Kasper hat an die Jugendlichen appelliert, im Internet empathisch mit solchen Memes umzugehen. Sich zu fragen: Wem gehört das Gesicht, das ich hier verbreite und bediene ich Stereotypen? Er war beeindruckt von seinem Publikum.

"Besonders gefreut hat mich das politische Interesse der Jugendlichen, also ich hab die Themen vorschlagen lassen und da kam kein One Direction, oder Justin Bieber vor, sondern da kam Trump, Obama, die Flüchtlingskrise. Also ich hab gesehen, dass die Jugendlichen die gleichen Themen interessieren, wie uns –in Anführungsstrichen- Erwachsene auch."

Kritische Fragen an die Bundesministerin

Dass die Gäste auf der TinCon kritisch denken und viele Fragen stellen, wurde auch nach der Eröffnungsrede der Familienministerin Manuela Schwesig deutlich.

Frage aus Publikum: "Sie haben gesagt, dass sie viel über Digitalisierung gesprochen haben. Werden Schulen denn jetzt endlich digitaler und medienkompetenter?"
"Sehr berechtigte Forderung, ich habe der Bundeskanzlerin und meinen Ministerkollegen gesagt, dass ich finde, da muss sich dringend was tun."

Im hinteren Teil der Bühne der Berliner Festspiele, stapeln sich Sitzsäcke und Bäckerkisten. Auf ihnen: Junge Menschen und mittendrin steht die Familienministerin. Als sie geht, gehen mit ihr die meisten Kameraleute und Vertreter der Presse. Jetzt stehen wieder die Mittelpunkt, um die es eigentlich gehen soll: Die Jugendlichen und ihre Anliegen.

"Ich denke, hier sind sehr, sehr viele Themen, die unserem Alter gerecht werden, besonders wenn man bedenkt wie viele in unserem Alter an die Medien gehen."

Sagt die 16-jährige Baiza. Wenn sie von "unserem Alter" spricht, meint sie auf der TinCon alle 13-21 Jährigen. "All the young are welcome" steht auf einem riesigen Banner, über einer der Rednerbühnen. Und das stimmt: Alte - also Menschen über 21 - haben keinen Zugang. Das wird streng kontrolliert. Die sogenannten Millanials sollen hier eine Chance haben sich, in einem vor Erwachsenen sicheren Raum, auszutauschen. Dabei steht für sie vor Allem ein Thema im Vordergrund: Virtual Reality. Das will jeder mal ausprobieren. Franz setzt sich dafür auch in einen Rollstuhl:

"Wo ist denn jetzt diese Taschenlampe? Unsichtbarer Mann, hilf mir" "Ok, rechte die Rampe hoch, fahr hoch", "Danke unsichtbarer Mann"

Franz ist 13 Jahre alt. Sein Kopf verschwindet ganz hinter einer großen, schwarzen Virtual Reality Brille. Hinter dieser Brille versucht er aus einem Krankenhaus voller Untoter zu entkommen. Vor der Brille halten ihm echte Menschen einen Ventilator vor die Nase, oder spritzen ihn mit Wasser nass. Das können sie, weil ihnen ein Bildschirm das zeigt, was Franz grade sieht. So fühlt er in der echten Welt, was er in der Virtuellen erlebt und die beiden verbinden sich.

Die TinCon, der erste Kongress für Jugendnetzkultur, hat wichtige Netz - Themen mit der Freude an neuen Technologien verbunden. Und so, wie bei der großen Schwester re:publica, haben sich hier Youtuberinnen, Blogger, Journalistinnen und Programmier ausgetauscht. Allein waren sie alle unter 21.

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