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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.10.2016

Timothy Garton Ash: "Redefreiheit"Das Veto des Mörders

Timothy Garton Ash im Gespräch mit Maike Albath

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Der Historiker Timothy Garton Ash. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Der Historiker Timothy Garton Ash plädierte im Widerstreit der Meinungen für eine "robuste Zivilität". (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Historiker Timothy Garton Ash warnt angesichts zunehmender Gewaltdrohungen gegen Schriftsteller und Journalisten vor einer Selbstzensur aus Angst. So komme es zu einem "Veto des Mörders", sagt der Autor des Buchs "Redefreiheit".

"Wir leben in einer Welt des Science-Fiction: Jede, der ein Smartphone in der Tasche hat, kann sofort Schriftsteller und Verleger werden", auch dieser kleine Junge, sagte Timothy Garton Ash mit Blick ins Publikum an der Deutschlandradio-Bühne. "Und was er im Internet verlegt, kann theoretisch von der Hälfte der Menschheit gesehen werden." In einer solchen Welt, in der alle Menschen Nachbarn würden, müssten die Grundregeln der Meinungsfreiheit neu gedacht werden. Die Vernetzung bringe eben neben Chancen für die Redefreiheit auch Gefahren mit sich.

Zunehmende Gewaltdrohungen gegen Schriftsteller und Journalisten führten zu einer Selbstzensur aus Angst. "Ein Beispiel: Ich veröffentliche etwas in London, daraufhin verkündet jemand in Teheran eine Fatwa, und möglicherweise wird diese Fatwa dann ausgeführt und jemand bringt mich um." Timothy Garton Ash bezeichnet die daraus resultierende Selbstzensur als "Veto des Mörders".

Nicht "immer gleich gekränkt" reagieren

Timothy Garton Ash: "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" (Carl Hanser Verlag)Timothy Garton Ash: "Redefreiheit" (Carl Hanser Verlag)Timothy Garton Ash plädierte im Widerstreit der Meinungen für eine "robuste Zivilität" und warnte davor, "immer gleich gekränkt zu reagieren" - auch angesichts von Grobheit und Obszönität, die zum Internet gehörten. Warum eine "robuste" Zivilität? Weil der Historiker davor warnt, aus übertriebener Rücksichtnahme über tatsächliche Probleme nicht zu streiten.

Beispielsweise gebe es zum Teil mit Muslimen in Deutschland und in Europa "bestimmte, echte Probleme". Garton Ash kritisierte: "Meines Erachtens hat man das in Deutschland zu lange nicht auf zivilisierte Weise problematisiert - zumal in den öffentlich-rechtlichen Medien. Und was passiert dann? Das Problem verschwindet nicht, sondern es bricht explosionsartig durch. Um das zu vermeiden, müssen wir - die Liberalen - auch diese schwierigen Themen ansprechen."

Eine Ursache der Radikalisierung in der vernetzten Welt sei der "Echo-Kammern-Effekt". Der rechtsradikale norwegische Massenmörder Anders Breivik etwa habe sich in einer Echo-Kammer antiislamischer Webseiten selbst radikalisiert - und dann im Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet. "Das ist ein sehr extremes Beispiel für diese Gefahr", stellte Timothy Garton Ash klar. "Wir erleben aber, dass auch in den Vereinigten Staaten die Wähler von Donald Trump und die Wähler von Hilary Clinton in ihren jeweils eigenen Echo-Kammern sind. Im Grunde genommen kommunizieren die nicht miteinander." Dieser Effekt führe gerade in einer vernetzten Welt zu einer zunehmenden Radikalisierung. Umso wichtiger sei es, eine "Agora aller Meinungen" zu erhalten, betonte Timothy Garton Ash. Deshalb "sind öffentlich-rechtliche Medien in dieser Welt wichtiger denn je".

"Können wir uns darauf einigen, wie wir uneinig sind?"

In der vernetzten Welt seien alle Menschen weltweit eng verbunden. "Da wir alle Nachbarn geworden sind, reicht es nicht aus, einfach bei unseren westlichen Wertemustern und Standards und Begriffen zu bleiben. Wir müssen mit den Menschen in Indien und China und anderswo ins Gespräch kommen, um herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten sind und wo die Unterschiede sind."

Der Historiker Timothy Garton Ash  (Deutschlandradio / Jana Demnitz )Der Historiker Timothy Garton Ash im Gespräch mit Maike Albath auf der Frankfurter Buchmesse 2016. (Deutschlandradio / Jana Demnitz )
Wenn etwa in Indien traditionell anders mit Religion umgegangen werde als in Europa, so gebe es keinen Grund diese Unterschiede infrage zu stellen. "Da ist die Frage: Können wir uns darauf einigen, wie wir uneinig sind und uneinig bleiben, ohne dass es zu Mord und Totschlag kommt?" Gewalt sei jedoch eine unverhandelbare Grenze, die keine Kompromisse erlaube.

Timothy Garton Ash, 1955 geboren, ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University. Er lebt in Oxford und Stanford.

Timothy Garton Ash: "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt"
687 Seiten, Carl Hanser Verlag 2016, 28 Euro

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