Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme
Samstag, 31.07.2021
 
Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme

Neue Musik | Beitrag vom 13.04.2021

Timo Kahlens haptische KlangskulpturenFlauschige Objekte auf glatten Screens

Von Julian Kämper

Kleine Fellobjekte, die vibrieren und klingen (Timo Kahlen) (Timo Kahlen)
Ob im Ausstellungsraum oder am Bildschirm: Berühren erlaubt (Timo Kahlen)

Ob flauschige Klangobjekte mit Federn und Kunstpelzen oder bedrohlich vibrierende Stahlquader: das Publikum verspürt den Drang, sie zu berühren – und muss dieser Verlockung hier gar nicht widerstehen.

Für die Rezeption von Kunst existieren gelernte Grundannahmen und Codes: Musik und Klang werden primär über das Ohr wahrgenommen; im Museum ist Abstand zu den ausgestellten Exponaten geboten, damit Museumswächter oder Hochsicherheitsanlagen nicht Alarm schlagen.

Bitte berühren!

Doch für die Arbeiten des Berliner Sound- und Medienkünstlers Timo Kahlen, Jahrgang 1966, treffen sie nur begrenzt zu. Denn einige seiner Klangskulpturen sind darauf ausgelegt, multisensorisch erlebt zu werden – man soll sie hören, sehen, tasten.
Es sind handliche oder übergroße Objekte mit flauschigen oder widerspenstigen Oberflächen, die vibrieren oder brummen und offenbar ein Eigenleben führen, sie sollen vom Publikum angefasst, gestreichelt, erfühlt, mit Händen oder dem ganzen Körper gespürt werden.

Dass der Künstler so sehr auf haptische Erfahrung setzt, scheint paradox im Hinblick auf die Materialien, aus denen viele seiner Klangarbeiten bestehen: seit den 1990er Jahren interessiert sich Timo Kahlen für Unsichtbares, Immaterielles, Ephemeres, arbeitet mit Wind, Licht, Schall- und Radiowellen und hat Strategien entwickelt, um diese zu formen und wahrnehmbar zu machen.

Flauschige Objekte auf glatten Screens

Die Idee haptisch erfahrbarer Soundskulpturen hat Timo Kahlen auch ins Digitale übertragen. Nach der Verbreitung des Flashplayers in den 2000er Jahren entwickelte er erste interaktive Netzkunstarbeiten. Durch diese Computersoftware war es den Rezipierenden vor dem heimischen Bildschirm möglich, die Computermaus als Verlängerung der Finger zu begreifen: sie bewegten den Cursor über visuelle Grafiken und lösten, wenn sie dabei bestimmte Schaltflächen berührten, Klangereignisse aus, die sich zunehmend zu einem komplexen Soundkonstrukt verdichteten.

Klang entstand hier im Moment und in Abhängigkeit der (virtuellen) Berührung. Weil der Flashplayer seit dem Neujahrstag 2021, also inmitten des Kultur-Lockdowns, nicht mehr unterstützt wird, verschwanden Kahlens Netzarbeiten vorerst im Nichts. Dennoch lösen seine Arbeiten ein großes Versprechen vom allseits ersehnten Live-Erlebnis ein: wahrhaftige Berührung.

Wahrnehmungsfallen
Timo Kahlens Konzeption haptischer Klänge
Von Julian Kämper

Produktion: Dlf Kultur 2021

Mehr zum Thema

Skulpturen und Räume für Augen und Ohren - Doppelsinnig: Klangkunst
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 09.03.2021)

Der britische Klangkünstler Peter Cusack - Sounds of Dangerous Places
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 12.01.2021)

Die Composer-Performerin Yiran Zhao - Minimalistisches Schwarzweiß
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 01.12.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur