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Buchkritik | Beitrag vom 15.11.2019

Tim Flannery: "Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre"Die Wiege der Menschheit?

Von Johannes Kaiser

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre" von Tim Flannery. (Suhrkamp Verlag)
"Unsere Familie", schreibt Tim Flannery, ist "mit großer Wahrscheinlichkeit in Europa entstanden." (Suhrkamp Verlag)

Der aufrechte Gang, Artenvielfalt und kulturelle Entwicklung: All das begann in Europa. Davon ist der australische Paläobiologe Tim Flannery überzeugt. Sein Buch gleicht einer faszinierenden Zeitreise durch Europas Kultur- und Naturgeschichte.

Los geht es mit einer Überraschung: die ältesten Fossilien zeigten, dass der aufrechte Gang nicht in Afrika, sondern in Europa entstanden ist, so Tim Flannery in seinem neuen Buch "Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre". Und das ist nur eine von vielen überraschenden Erkenntnissen.

Ausführlich beschreibt der Paläobiologe die Geschichte des Kontinents: von den Anfängen, als vor 100 Millionen Jahren die ersten Landmassen entstanden, die sich später zum Halbkontinent verbanden, durch die Jahrtausende bis ins moderne Zeitalter. Scheinbar nichts lässt der Australier dabei aus.

Von Tacitus über Darwin zu Jared Diamond

So erzählt er, wie sich vor 50 Millionen Jahre an den Küsten Korallenriffe ausbreiteten; vor 25 Millionen Jahren dann Katzen und Vögel aus Asien einwanderten und vor 12 Millionen Jahren kamen Affen dazu. Aus ihnen, das zeigen jüngste Forschungsergebnisse, entwickelten sich die ersten Hominiden, die auf zwei Füßen gingen. "Unsere Familie", schreibt Flannery, ist "mit großer Wahrscheinlichkeit in Europa entstanden".

Zu jedem Zeitabschnitt stellt der Autor die Forscher vor, die wichtige Fossilien entdeckten und so die Entstehungsgeschichte Europas aufdeckten: von Tacitus über Linné und Darwin bis Jared Diamond sind alle dabei. Ihre Funde zeigen, dass sich im Laufe von Millionen Jahren Warmzeiten und Eiszeiten wie auch Flora und Fauna in Europa immer wieder veränderten.

Neue Arten entstehen

Pflanzen- und Tiergruppen wanderten ein, einige wurden ausgelöscht, andere kamen und veränderten sich. Europa erwies sich so als Geburtsstätte vieler neuer Arten. Sie entstanden durch Hybridisierung, also Vermischung der Gene: so auch zahlreiche Säugetiere, der moderne Mensch eingeschlossen.

Tim Flannerys besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Neandertalern, die mit dem Homo sapiens vor rund 38 000 Jahren gemeinsam Kinder zeugten. Unsere DNA beweist das eindeutig. Die Neandertaler waren keineswegs primitive Toren, so der Autor. Perfekt austarierte Speere zeigen, dass sie geschickte Handwerker waren.

Wiederansiedelung von Löwen und Mammuts

Sein Buch ist aber auch Kulturgeschichte. Denn er erzählt auch davon, wie sich in Europa Wissen anhäufte und dann mit seinen Eroberern über die Welt verteilte. Die Eroberer wiederum brachten zahlreiche Tiere mit, die sich dann ihrerseits in Europa ausbreiteten.

Bestes Beispiel: der Waschbär. In den letzten Kapiteln beschreibt Tim Flannery, wie durch intensive Landwirtschaft und zersiedelte Landschaften Europas Flora und Fauna in den letzten 100 Jahren drastisch reduziert worden sind. Er plädiert für großflächige Renaturierung und die Wiederansiedlung von Löwen, Bären, Wölfen – und Mammuts. Letztere sollen durch Rückkreuzungen entstehen.

Vielfältig, abenteuerlich, klug: Tim Flannery öffnet seinen Leserinnen und Lesern auf vielfältige Art und Weise die Augen für die Einzigartigkeit dieses Halbkontinents.

Tim Flannery: "Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre"
Aus dem Englischen von Frank Lachmann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
380 Seiten, 28 Euro

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