Seit 07:40 Uhr Interview
Montag, 14.06.2021
 
Seit 07:40 Uhr Interview

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2016

Tiertransporte in Kanada52 Stunden ohne Futter und Wasser

Von Kai Clement

Ein Rind schaut während einer Polizeikontrolle eines Tiertransporters auf einem Parkplatz an der Autobahn 250 (Maschen-Lüneburg) verängstigt durch einen Belüftungsschlitz. (picture alliance / dpa / Hans-Jürgen Wege)
Polizeikontrolle in Deutschland: Ein Rind schaut aus einem Tiertransporter. In Kanada gelten die Tierschutzgesetze als besonders veraltet. (picture alliance / dpa / Hans-Jürgen Wege)

Kanadas Regelungen von Tiertransporten sind über 40 Jahre alt. Sie erlauben es, Rinder über zwei Tage lang ohne Futter und Wasser zu befördern. Und die neue kanadische Regierung überrascht - weil sie bisher schweigt.

Geprügelte, gequälte und abgeschlachtete Schweine: Das Video der kanadischen Tierschutzorganisation "Mercy for Animals", also etwa "Mitleid mit Tieren", ist verstörend. Aufgenommen wurde es in einem kanadischen Farmbetrieb.

Die Tierschützer sorgen seit Jahren mit solchen mit versteckter Kamera aufgenommenen Videos für Aufsehen. In der Provinz Britisch Kolumbien hat das Anfang dieses Monats zu einer Anklage in 20 Fällen von Tierquälerei geführt. Eine Milchfarm und sieben ihrer Mitarbeiter sind beschuldigt, mit Knüppeln auf Kühe eingeschlagen zu haben.

In Sachen Tierschutz sei Kanada weit abgeschlagen, besonders wenn es um Tiertransporte geht, das sagt jetzt Krista Hiddema von "Mercy for Animals" dem kanadischen Sender CTV.

Regelungen seien über 40 Jahre alt

Kanadas Regelungen seien gar die schlimmsten der ganzen westlichen Welt, so ihr Urteil. Schlimm – und uralt. Über 40 Jahre alt. Sie erlauben den Transport von Rindern für bis zu 52 Stunden ohne Wasser, ohne Futter. Also: zwei Tage und vier Stunden lang. Für Schweine und Hühner sind es immer noch anderthalb Tage. Viel länger als in den USA oder Europa.

"Sie sind auch nicht vor den Wetterbedingungen geschützt. Es gibt keine Tiefsttemperatur, ab der Transporte verboten sind, auch keine Höchsttemperatur."

Sayara Thurston vertritt die Tierschutzorganisation "Humane Society". Wie Krista Hiddema sieht sie dringenden Handlungsbedarf. Tierschützer setzen auf Kanadas neue, im November eingeschworene Regierung, vor allem den neuen Landwirtschaftsminister Lawrence MacAulay.

In dessen Ernennungsschreiben gibt es neun Hauptpunkte – von verbessertem Tierschutz ist dort allerdings keine Rede. Nach unterschiedlichen Schätzungen kommen jährlich Millionen Tiere bei Transporten in Kanada um.

Modernisierung des kanadischen Tierschutzgesetzes

Krista Hiddema von "Mercy for Animals" schätzt die Zahl gar auf acht Millionen. Wie sie baut auch Nathaniel Erskine-Smith auf den Regierungswechsel. Der selbst der Regierungspartei angehörende liberale Politiker hat Ende Februar einen Gesetzesentwurf eingebracht: zur Modernisierung des kanadischen Tierschutzgesetzes. Darin geht es etwa um ein Importverbot von Haifischflossen. Nathaniel Erskine-Smith betont aber vorsorglich: das Gesetz werde Interessen von Landwirten nicht berühren:

"Kanadier, egal ob Konservative, Sozialdemokraten oder Liberale oder Farmer, interessieren sich für Tierschutz. Aber es gibt die Sorge, dass er Landwirtschaft, Jagd oder Wissenschaft beeinträchtigen könnte. Unsere Botschaft ist: Nein, das ist nicht der Fall."

Also weiter so wie bisher? In Kanadas neuer liberaler Regierung wird es erstaunlich still, wenn es um Tierschutz geht. In der sogenannten Thronrede zum Amtsantritt: kein Wort davon. Auch Äußerungen von Landwirtschaftsminister MacAulay etwa zu Tiertransporten sind Mangelware. Eine Anfrage des "National Observer" brachte lediglich die kurze schriftliche Antwort: "Die kanadische Regierung untersucht weiterhin die humanen Transportregelungen."

Mehr zum Thema

Tierschutz - Wölfe in Spanien − gefürchtet, gehasst, geliebt
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 10.05.2016)

Wildtiere im Zirkus - Hochemotionaler Streit um Elefanten und Co. in der Manege
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 18.01.2016)

Berliner Tierschutz-Initiative - "Die Taube ist die ärmste Sau auf der Welt"
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 18.01.2016)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Weltzeit

Olympia 2021Japans holpriger Weg zu den Spielen
Eine Frau fotografiert die Olympischen Ringe in Tokio. (AFP / Behrouz Mehri)

Nach der Katastrophe von Fukushima und dem Aufschub um ein Jahr soll Olympia nun ein Auferstehen symbolisieren: Zum zweiten Mal richtet Tokio das größte Sportfest der Welt aus. Doch die Mehrheit der Bevölkerung ist mittlerweile gegen die Spiele.Mehr

Geflüchtete in RumänienIrgendwo im Nirgendwo
Hassein (links) in seinem Versteck. (Srdjan Govedarica / Deutschlandradio)

Meterhohe Grenzanlagen versperren auf dem Balkan bereits vielerorts die Wege für Flüchtlinge und Migranten. Zurzeit wollen viele Menschen über Rumänien weiter in die EU. Die Stadt Temeswar an der Grenze zu Ungarn ist eine Art Drehscheibe geworden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur