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Zeitfragen | Beitrag vom 03.06.2020

Tierischer FlughafenWas wird aus den Kaninchen in Tegel?

Hans von Trotha

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Ein Kaninchen sitzt auf einer Wiese. (imago images/imagebroker/Kevin Prönnecke)
Tatsächlich gehören der Flughafen und das Karnickel zusammen wie die Apfelschorle und die Wespe, ist sich Hans von Trotha sicher. (imago images/imagebroker/Kevin Prönnecke)

Das Ende naht. Bald wird der Himmel über dem Norden Berlins verstummen. Ein Problem muss aber gelöst werden: Die Karnickel. Ja, es gibt sie – klein, flauschig und mit Kerosin zugedröhnt. Hans von Trotha sorgt sich um ihre Zukunft.

Leider finde ich diese eine Bordkarte nicht mehr. Es war ein Flug von Berlin nach London. Einstieg, das stand da wirklich, schwarz auf weiß gedruckt: Flughafen BER. Die Karte ist dann ersetzt worden durch eine Bordkarte mit dem altgewohnten TXL, Tegel, anstelle des BER, weil die Eröffnung des neuen Flughafens kurzfristig verschoben worden war. 

Auch meine letzte Bordkarte mit TXL habe ich nicht mehr. Ich habe sie nicht aufgehoben. Man konnte ja nicht ahnen, dass sie derart denselben Status erhalten könnte wie die alte BER-Karte: den eines historischen Dokuments. 

Es ist die Beiläufigkeit, die solchen Memorabilien ihren Charme und eine gewisse Aura verleiht, der vorübergehende Fokus auf etwas Nebensächliches im Windschatten einer Haupt- und Staatsaktion. Dass der Flughafen BER jetzt nach all den Jahren, all dem Warten, all dem Spotten, an das wir uns gewöhnt haben, ausgerechnet in einer Zeit ans Flugnetz gehen könnte, in der erst einmal kaum Flugzeuge fliegen, ist eine Pointe, wie sie sich nur die Wirklichkeit erlauben darf. In jeder Form von Fiktion würde sie einem Lektorat oder einer Redaktion zum Opfer fallen.

 Fröhliches Karnickel auf der Flughafenwiese

Von diesen Nebensächlichkeiten gibt es rund um Tegel und Schönefeld eine Menge. Der Gedanke an die BER-Bordkarte, die den Flughafen nie erreicht hat, für den sie ausgestellt war, brachte mir auch einen Plan von damals wieder in Erinnerung, der sich wegen des erst vorübergehend, dann immer länger, schließlich gefühlt endgültig ausgefallenen Flughafenumzugs erledigt hatte. Jetzt wäre es an der Zeit, ihn wieder zu beleben. 

Mir war nach einer Landung in Tegel einmal ein Karnickel aufgefallen, das da über eine der Flughafenwiesen hoppelte – fröhlich, wie ich spontan gleich dachte, weil uns solche anthropomorphistischen Projektionen ja immer schnell überkommen, wenn wir Tiere sehen, die wir als niedlich empfinden und die uns nicht zu nahekommen. Daraufhin erzählte jemand, das Flughafengelände werde von einer riesigen Karnickelpopulation bevölkert, die sich dadurch auszeichnen würde, dass sie wahrscheinlich besonders glücklich sei, nämlich aufgrund des anhaltenden Lärmpegels zwar stocktaub, aber high vom ständigen Schnüffeln unbesteuerten Kerosins, mit dem die Flughafenwiesen verschwenderisch gesprengt würden.

Tatsächlich gehören der Flughafen und das Karnickel zusammen wie die Apfelschorle und die Wespe, und das nicht nur in Tegel. In Stuttgart etwa landete ein Flieger aus Teneriffa im Juni 2019, mit 14 Stunden Verspätung, weil es kurz vor Nachtflugverbot einen Hasen auf der Landebahn erwischt hatte, die daraufhin erst einmal vorschriftsmäßig zu reinigen war, weshalb der Pilot mitsamt seinen Passagieren nach Hannover auswich. Um derlei zu verhindern, betreiben Airports sogenanntes: "Tierkollisionsmanagement", bei dem es auch um das Tierwohl geht.

Karnickelleben nach dem Flughafen

Wenn wir nun Tegel zu Ende denken, stellt sich die Tierwohlfrage neu: Das Ausbleiben des Fluglärms dürfte den fröhlichen Kaninchen von Tegel keine schlaflosen Nächte bereiten, ob sie nun tatsächlich taub sind oder wir uns das nur so vorstellen. Was aber, habe ich mich schon bei meinem letzten Tegel-Anflug gefragt und frage ich mich heute wieder, droht der Tegeler Karnickel-Population, wenn der Flughafen plötzlich kein Flughafen mehr ist? 

Derzeit rieselt wenigstens ab und zu noch ein bisschen Kerosin-Nachschub auf die Felder, bald aber sitzen unsere rammelnden Freundinnen und Freunde auf dem Trockenen. Sollte man das freundliche Völkchen womöglich ja wirklich fröhlicher Rammler und Zippen nicht einfangen, und mit dem ganzen Umzugstross vom Nordwesten in den Südosten der Hauptstadt geleiten, damit sie dort ihr gewohntes Leben im Kerosinnebel weiterführen können?

Und sei es, um uns selbst daran zu erinnern, wie sich das viele Fliegen auf die Umwelt auswirkt? Last but not least: Vielleicht sollten wir viel öfter, nicht nur in Schönefeld und Tegel, auf die Nebensächlichkeiten achten, die überraschenden, manchmal vielleicht auch absurden Details im Windschatten der großen Meldungen – da ist immer eine Menge los, glauben Sie mir.

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