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Interview | Beitrag vom 31.07.2018

Tierethiker zu Tötung eines EisbärenTourismus im Nordpolarmeer in der Kritik

Jens Tuider im Gespräch mit Dieter Kassel

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Touristen beobachten in der Arktis einen Eisbären. (dpa/picture alliance/Hinrich Bäsemann)
Touristen beobachten in der Arktis einen Eisbären. (dpa/picture alliance/Hinrich Bäsemann)

Im Zusammenhang mit einer Kreuzfahrt im Nordpolarmeer wurde kürzlich ein Eisbär erschossen. Der Tierethiker Jens Tuider kritisiert, dieser Tourismus gefährde die Lebensbedingungen der bedrohten Art noch zusätzlich. Im Netz tobt dazu eine heftige Debatte.

Dieter Kassel: Auf Kreuzfahrtschiffen reisen Touristen für ziemlich viel Geld ins Nordpolarmeer, um dort Eisbären in ihrer natürlichen, vom Klimawandel bedrohten Umgebung zu erleben. Und bei einer solchen Reise gab es jetzt einen Zwischenfall: Kein Tourist, aber ein Mitarbeiter des Kreuzfahrtunternehmens wurde von einem Eisbären angegriffen, ein anderer Mitarbeiter hat das Tier daraufhin getötet.

Im Internet macht das Bild des toten Eisbären jetzt unter dem Hashtag "polar bear life matters" Karriere, hörbar angelehnt an das Motto "Black Lives Matter", aber ist die Diskussion, die jetzt entbrannt ist um diesen getöteten Eisbären wirklich angemessen. Darüber wollen wir mit Jens Tuider sprechen. Er ist Philosoph, Tierethiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim und auch Aktivist bei ProVeg, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für eine vegane oder zumindest vegetarische Ernährung einsetzt. Schönen guten Morgen, Herr Tuider!

Jens Tuider: Schönen guten Morgen, Herr Kassel, ich grüße Sie!

Sensibilität für Tier und Natur

Kassel: Wenn wir jetzt mal kurz bei diesem Fall bleiben, welche ethischen Fragen stellen sich denn da überhaupt? Hätte es aus Ihrer Sicht Argumente gegeben, den Eisbären gewähren zu lassen und ihn nicht zu töten?

Tuider: Das ist natürlich in einer Konfliktsituation wie der, dass jetzt tatsächlich dieser Mitarbeiter auf Land sich bewegt, wo der Eisbär direkt in der Nähe ist, der Eisbären angreift, ist es natürlich aus ethischer Sicht zunächst mal eine Selbstverteidigungssituation, in der vermutlich die meisten Ethiker sagen würden, wenn mein Leben bedroht ist, dann habe ich alles Recht, zumindest zu versuchen, das zu schützen, indem ich mich wehre. Aber die interessante Frage ist ja das, was hier quasi vorgängig passiert ist.

Ein Eisbär auf zugefrorenem Wasser. (imago/Westend61)Die Eisbären gehören zu den bedrohten Tierarten (imago/Westend61)

Man könnte sich ja grundsätzlich erst mal mit der grundlegenden Annahme beschäftigen, die hinter dieser ganzen Debatte wahrscheinlich auch steht, beziehungsweise die Veranstalter vorbringen. Es geht ja so ein bisschen über diese Vorstellung, dass man, um Tiere zu schützen und dann bei den Menschen ein Bewusstsein und auch eine Sensibilität für Natur und Tier zu erzeugen, man sie möglichst nah heranbringen muss, dass sie diese Naturerlebnisse haben, diese direkte Begegnung.

Und hier scheint mir doch ein gewisser Optimismus eine Rolle zu spielen, denn bei den meisten Menschen – das ist zumindest mein Eindruck –, was nicht unbedingt die Hauptmotivation für solchen Reisen ist, dann spielen sicherlich andere Faktoren auch noch eine Rolle, wie Erlebnissucht, Sensationslust oder das Bedürfnis nach dem außergewöhnlichen, exotischen Spektakel.

Und insofern ist natürlich – das liegt auch ein bisschen am Reiseveranstalter und seiner Bewerbung. Da heißt es zum Beispiel, dass man es nachvollziehen konnte irgendwie, "Wo Eisbären die Wildnis regieren", und da bestimmt die Natur den Verlauf der ereignisreichen Tage. Also das Ereignis ist hier eigentlich im Vordergrund und ist gar nicht unbedingt dieses pädagogisch Wertvolle, wir lernen etwas über die Natur und werden dadurch sensibilisiert, sie zu schützen.

Paradoxie des Reisens

Kassel: Aber wenn es dieses pädagogisch Wertvolle gebe, jetzt denken wir mal naiv bis positiv, wenn wirklich, und das ist ja für manche auch ein Argument, die sagen, solche Reisen sollte es geben, wenn wirklich Menschen da hinfahren, Politiker haben das auch schon gemacht, um wirklich zu sehen, wie sehr das Eis dort oben bedroht ist vom Klimawandel, wenn das die Hauptmotivation wäre, wäre das eine Rechtfertigung, wirklich in den Lebensraum wilder Tiere in dieser Form einzudringen?

Tuider: Also wenn man tatsächlich davon ausgeht, dass das so ist, dann könnte man zumindest grundsätzlich, wenn es da um Leute vielleicht geht, die tatsächlich großen Einfluss haben, wie Politiker, die sich immer noch tatsächlich diese Frage noch mal genau stellen und dann zu dem Schluss kommen, sollten sie tatsächlich daraus ihre Lektionen lernen und dann etwas gesellschaftlich verändern zum Schutze eben genau dieser Dinge, dann wäre das wahrscheinlich zu rechtfertigen.

Eisbärenwanrschild in Spitzbergen (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt)Eisbärenwarnschild in Spitzbergen (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt)

Aber in diesem Fall ganz konkret geht es ja dann doch eher darum, große Mengen von Menschen da hinzukarren und das zudem natürlich auf eine Art und Weise, die auf eine paradoxe Weise das Problem ja verschlimmert. Reisen mit dem Schiff, Kreuzfahrten, sind ja bekanntermaßen nicht gerade das Umweltfreundlichste, und jetzt trägt natürlich genau dieser Versuch, mehr zu lernen, mehr über die Schutzmöglichkeit, über die Bedrohtheit zu lernen, dieser Modus des Reisens trägt genau dazu bei, die Lage noch zu verschlimmern.

Also wir fahren da hin, wir wollen was lernen, wir wollen uns quasi sensibilisieren für die Problematik und verschärfen sie, indem wir mit einem Schiff hinfahren, das den Klimawandel weiter vorantreibt und die ohnehin bedrohlich Grundlage dieser Tiere noch verschlimmert. Deswegen ist das natürlich eine gewisse Paradoxie, wenn man das so angeht.

Verzerrter Blick

Kassel: Nun, dieser Hashtag, der im Internet kursiert zu diesem Foto, "polar bear life matters", also wörtlich übersetzt "Auch das Leben eines Eisbären zählt", dahinter steckt natürlich die Frage, kann man irgendwelche Abwägungen machen. Wir haben über Notwehr und über diese Gefahrensituation geredet, die da herrschte, aber davon abgesehen, was sagt denn die Tierethik, die Philosophie, ist das Leben eines Tieres grundsätzlich genauso viel wert wie das Leben eines Menschen?

Tuider: Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage und auch eine, die leicht polarisiert, beziehungsweise auch oftmals etwas verzerrt wird. Es gilt immer zu unterscheiden, was tatsächlich auf dem Spiel steht. Wenn es um eine Entscheidung geht, Entweder-Oder, man müsse sich in einer dilemmatischen Situation, also wo man eine Entscheidung treffen muss und beide Entscheidungen irgendwie schlecht sind, sich vielleicht zwischen einem Tier und einem Menschen entscheiden muss, dann sind häufig viele Gründe, die zusätzlich dafür sprechen, dass man vielleicht dem Menschen den Vorzug gibt. Aber leider leiten genau auf dieser Annahme, aus dieser Extremsituationsannahme viele Leute ab, dass grundsätzlich das Leben des Menschen immer mehr Wert hat und deswegen auch sämtliche Ansprüche und Interessen, die wir haben, mehr wert haben als die von Tieren.

Das heißt, selbst so etwas wie ein Genussinteresse beim Essen von Fleisch oder das Erlebnisinteresse bei solchen Reisen überwiegt einfach stärker als das Leben des Tieres, und das halte ich persönlich für eine sehr problematische Sichtweise, weil sie zwei Dinge verzerrt: die allgemeine Einschätzung, was jetzt lebenswerte Zuschreibungen angeht bei Mensch und Tier, und zum anderen eben diese Ableitung aus einer Extremsituation, die nur sehr selten vorkommt.

Kassel: Die Tötung eines Eisbären durch Mitarbeiter eines Kreuzfahrtreiseunternehmens im Nordpolarmeer hat eine Diskussion losgetreten, die sich mit mehr beschäftigt als nur diesem Einzelfall. Deshalb haben wir mit Jens Tuider geredet. Er ist Philosoph und Tierethiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim und Aktivist auch von ProVeg. Herr Tuider, vielen Dank fürs Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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