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Religionen | Beitrag vom 28.10.2018

Tier-Ethik in den WeltreligionenHaben Hamster eine Seele?

Von Michael Hollenbach

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Eine Katze liegt in einer Kirche vor einem Priester, der in der Bibel liest.  (imago stock&people/Mikhail Tereshchenko/TASS)
Katzensegnung in Moskau am Welttag des obdachlosen Tiers. (imago stock&people/Mikhail Tereshchenko/TASS)

Sind auch Tiere Kinder Gottes? Das hängt von der Glaubensrichtung der Menschen ab. Buddhisten achten sogar Kleinstlebewesen, Hindus bringen Gottheiten blutige Tieropfer. Das Christentum überdenkt seine Haltung, davon zeugt die Enzyklika „Laudato Si“.

In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testament heißt es in Genesis 1 Vers 29: "Gott segnete Mann und Frau und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen."

Und bereits in Vers 1 steht zu lesen: "Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen."

Der Mensch als "Krone der Schöpfung"

Aus diesem Passus haben Christen lange Zeit abgeleitet, dass die Tierwelt dem Menschen als der "Krone der Schöpfung" auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sei – im wahrsten Sinne des Wortes.

Allerdings sind diese Zeilen rund 3000 Jahren alt und spiegeln die damalige Lebensrealität im Nahen Osten wieder. Der Theologe Kai Funkschmidt von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen gibt zu bedenken:

"Die Natur und die Tiere, die die Menschen damals vor Augen hatten, standen in einem anderen Verhältnis zu Menschen als wir das heute haben. Das heißt, diese Verse sind geschrieben in einer Zeit, wo der Mensch ein kleines schwaches Tier unter vielen anderen Tieren war. Und von daher muss man die Verse in dem Kontext sehen, dass hier eigentlich der Machtlose spricht über die Natur, von der unstreitig war, dass sie größer und mächtiger war als er – inklusive der in ihr lebenden Tiere."

Tiere als "seelenlose Automaten"

Für die Denker der Aufklärung war das Herrschaftsverhältnis Mensch-Tier noch recht eindeutig: Descartes verstand Tiere als seelenlose Automaten, und für Immanuel Kant hatten Menschen eine Würde, Tiere jedoch nur einen Wert. Diesem Standpunkt wiederum folgte die Theologie.

Doch in den letzten Jahren ist diese Überzeugung immer mehr in Frage gestellt worden. Einen aktuellen Höhepunkt fand diese Diskussion in der Veröffentlichung der Enzyklika "Laudato Si‘" durch Papst Franziskus im Jahr 2015. Darin beschreibt er Tiere als eigenständige Wesen, die nicht nur für den Menschen da seien, sondern einen Eigenwert besitzen. Franziskus spricht sogar von einer "Familie", welcher sowohl der Mensch als auch die Tiere angehören. Der Mensch habe eine besondere Verantwortung für den Umgang mit der nicht-menschlichen Schöpfung.

Eine große Rolle spielt in fast allen Weltreligionenn das Tieropfer, das im Alten Testament an 68 verschiedenen Stellen auftaucht. Das Blut der geopferten Tiere sollte die Menschen von Sünden befreien und reinigen. Sowohl im Judentum als auch im Islam spielt das Blut eine besondere Rolle. Für die Juden befindet sich im Blut die Seele eines Lebewesens. Aus diesem Grund dürfen sie kein Blut verzehren. Deshalb müssen die Tiere, die man essen will, geschächtet werden, damit alles Blut aus dem Körper entweichen kann. Muslimen dagegen gilt das Blut als unrein. Aber: auch sie schächten Tiere.

Tieropfer besiegelten den Bund mit Gott

In Erinnerung an Abraham, der im Koran Ibrahim heißt, feiern die Muslime heute noch das Opferfest. Ibrahim, der Urvater von Judentum, Christentum und Islam, empfing im Traum die Weisung Gottes, seinen Sohn zu töten. In letzter Sekunde sandte Gott selbst ihm stattdessen einen Widder als Opfertier. Judentum und Christentum stellten allerdings in der Spätantike das Opfern von Tieren ein, so der evangelische Theologieprofessor Christoph Markschies, die Juden mit dem Verlust des Tempels im Jahre 70 und das Christentum, weil man dort annahm, dass nach dem einmaligen Opfer Jesu Christi keine Tieropfer mehr nötig seien.

In unseren Tagen ist die politische Gemengelage zwischen Tierschutz und Religionsfreiheit kompliziert. Das deutsche Tierschutzgesetz untersagt das Schächten ohne Betäubung, es sei denn, dass zwingende Vorschriften der Religionsgemeinschaften das Schächten entweder vorsehen oder den Genuss nicht geschächteter Tiere untersagen. Diese Sichtweise wurde vom Bundesverfassungsgericht bestätigt.

Tierschutz erhielt Verfassungsrang

Noch komplizierter ist die Auseinandersetzung geworden, nachdem der Tierschutz Verfassungsrang erhalten hat – und somit auf einer Stufe mit der Religionsfreiheit steht. Nach Paragraf 4a, Absatz 2, Nummer 2 des Tierschutzgesetzes können islamische Schlachter eine Ausnahmegenehmigung erhalten, um Schafe und Kaninchen zu schächten, für Rinder allerdings nicht.

Auch im Hinblick auf Haustiere zeigt sich heute ein neues Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Religion. Immer mehr Tierfreunde wünschen sich eine würdige Bestattung für ihren Hund oder Hamster, ihre Katze oder ihren Papagei und suchen eines der rund 60 Tierkrematorien in Deutschland auf. Manche wünschen sich sogar ein Gemeinschaftsgrab mit ihrem Haustier. Der Theologe Kai Funkschmidt beoachtet diese Entwicklung mit Skepsis. Er spricht sich gegen christliche Trauerfeiern für Tiere aus:

"Weil mir an dieser Stelle die Unterscheidung zwischen dem Menschen und dem Tier zu sehr aufgehoben ist. Der Mensch ist von Gott in besonderer Weise berufen. Wir sind die einzigen, die Verantwortung und ethisches Bewusstsein haben. Wenn es eine Erlösung für Tiere gibt, dann ist das nicht davon abhängig, dass sich das Tier in irgendeiner Weise aktiv zu Gott verhalten hat. Von daher muss ich dem Tier auch nicht das Wort Gottes zusprechen."

Das komplette Manuskript finden Sie hier als PDF-Datei.

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