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Musikfeuilleton | Beitrag vom 09.12.2018

Tiefere Schichten der Wahrnehmung Zwölftontechnik und Psychoanalyse

Von Egbert Hiller

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Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud kurz nach seiner Ankunft in London am 6. Juni 1938. (AFP)
Sigmund Freud kurz nach seiner Ankunft in London am 6. Juni 1938. (AFP)

Atonalität und Traumdeutung haben mehr miteinander zu tun, als es scheinen mag. Zum Beispiel rieben sich der Komponist Arnold Schönberg, der die Zwölftontechnik entwickelte, wie der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, an alten Weltbildern.

Obwohl sich in der von Arnold Schönberg Anfang der 1920er-Jahre entwickelten Zwölftonmusik alle musikalischen Ereignisse auf die Zwölftonreihe zurückführen lassen, tritt sie als thematische Gestalt kaum in Erscheinung. Die "Reihe" prägt eine Komposition vielmehr untergründig und bildet eine tiefere Schicht der Wahrnehmung – ebenso wie die fast zur gleichen Zeit am gleichen Ort von Sigmund Freud erfundene Psychoanalyse, die auf die Steuerung des menschlichen Verhaltens durch unbewusst ablaufende seelische Prozesse zielt.

Beide Phänomene haben miteinander zu tun: Sie reflektieren einen wachsenden Grad der Abstraktion in der menschlichen Wahrnehmung, der mit dem einschneidenden gesellschaftlichen Wandel am Beginn des 20. Jahrhunderts korrespondiert. Besonders intensiv zu spüren war dieser Wandel in Wien.

Bahnbrechendes in Kunst und Wissenschaft

In seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" zeichnete Robert Musil ein markantes akustisches Porträt von Wien. Er charakterisierte die "Wiener Moderne", in der am Anfang des 20. Jahrhunderts alte Traditionen und neue Strömungen scharf aufeinander prallten. Nicht nur rasanter Wandel und technische Innovationen fielen in diese Zeit, sondern auch Bahnbrechendes in Kunst und Wissenschaft – so Arnold Schönbergs "atonale" Musik und Sigmund Freuds Traumdeutung als Einstieg in die Psychoanalyse. 

Sehnsucht nach "heiler Welt"

Im eigentümlichen Schwebezustand zwischen ruhmreicher Vergangenheit und ungewisser Zukunft durchdrangen sich in Wien die Sehnsucht nach "heiler Welt" und utopische Dimensionen – gepaart mit der Verdrängung der Realität, die für den schleichenden Niedergang der Donaumonarchie und ihrer "Haupt- und Residenzstadt" symptomatisch war. Die Wiener Gesellschaft klammerte sich überwiegend an überkommene Konventionen, die Sicherheit und Geborgenheit suggerierten und eine Gegenspannung erzeugten, die bei den Visionären des Aufbruchs in Kunst und Wissenschaft die Überzeugung von der Notwendigkeit des Neuen eher noch verstärkte. Dazu kommt, dass viele dieser Visionäre jüdischer Herkunft waren und dadurch, latent von antisemitischen Ressentiments bedroht, etwas außerhalb der Gesellschaft standen.

Der Musikforscher Klaus Wolfgang Niemöller:
"Das lässt auch Freud mit Schönberg in Parallelität setzen. Freud hatte als Psychiater im Krankenhaus diese neue Möglichkeit entdeckt, die Ängste der Patienten durch Traumdeutung einer neuen wissenschaftlichen Forschung zuzuführen, die weitreichende Folgen hatte, und Schönberg hat aus dem Übergang in die Atonalität nach einem neuen Weg gesucht, eine innere unbewusst wahrnehmbare Ordnung zu schaffen, die dann in der 12-Ton-Kompositionsweise ihren Niederschlag fand."

Sigmund Freud:
"Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Beiträge zur Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die Stille, die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich um meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen wurden, ließen mich allmählich begreifen, dass Behauptungen über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht darauf rechnen könnten, so behandelt zu werden wie andere Mitteilungen. Ich verstand, dass ich von jetzt ab zu denen gehörte, die 'am Schlaf der Welt gerührt haben', und dass ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen durfte."

Schlaf und Traum als wichtige Sujets 

Um aus diesem Schlaf zu erwachen und neue Erkenntnisse über das Unbewusste zu gewinnen, setzte Sigmund Freud im Zuge der Traumdeutung auf die Analyse von Empfindungen, die sich selbst wiederum im Schlaf abspielen – was eine verblüffende Parallele zur Ebene der Künste aufweist, denn Schlaf und Traum gerieten um und nach 1900 zu maßgeblichen Sujets, die bis dahin ungeahnte Ausdrucksmittel motivierten und legitimierten.

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