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Tonart | Beitrag vom 09.10.2019

Thurston Moore über sein Album "Spirit Counsel""Keine Zugeständnisse an die Musikindustrie"

Moderation: Mathias Mauersberger

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Thurston Moore steht in London mit Gitarre auf der Bühne. (picture alliance / NurPhoto / Alberto Pezzali)
Thurston Moore bei einem Auftritt in London: Der US-Musiker ist vor einigen Jahren aus New York in die britische Hauptstadt gezogen. (picture alliance / NurPhoto / Alberto Pezzali)

Auf dem Soloalbum "Spirit Counsel" lässt Thurston Moore die Gitarre für sich sprechen. Die Freiheit zum Experimentieren habe er sehr genossen, sagt der Sonic-Youth-Gründer. Er habe sich schon immer zum Randständigen hingezogen gefühlt.

Er ist eine legendäre Figur des US-amerikanischen Independent Rock: Thurston Moore, der Anfang der 1980er-Jahre in New York die Band Sonic Youth gegründet hat. Parallel hat er sich auch immer experimentellen Projekten gewidmet, jetzt hat er ein neues Album mit Instrumentalmusik veröffentlicht: "Spirit Counsel".

Das experimentelle Album besteht aus drei CDs, auf denen jeweils nur ein Stück ist, zwei davon sind über eine Stunde lang. Im Gegensatz zu seinen letzten Soloalben singt Moore hier selbst keinen Ton, er lässt nur die Gitarre für sich sprechen. Hatte er dieses Mal keine Lust auf seine eigene Stimme?

Lust auf erweiterte Gitarrenmusik 

Thurston Moore: Es ist nicht so sehr, dass ich gelangweilt von ihr war. Ich wollte nur mal etwas anderes ausprobieren, mich mehr darauf konzentrieren, erweiterte Gitarrenmusik zu komponieren. Die Idee dazu kam mir vor etwas zwei Jahren, als mich das Barbican mit einer Komposition beauftragt hatte. Das Barbican ist ein toller Veranstaltungsort, hier in London. Bei dem Auftritt habe ich Musik für zwölfsaitige Gitarre aufgeführt. Ich habe mich ein paar Monate lang eingeschlossen und die Stücke geschrieben, so richtig auf Notenpapier für Gitarren.

Die Kompositionen habe ich dann den Gitarristen gezeigt. Wir haben die Musik einstudiert, aufgeführt – und es hat sich wirklich gelohnt! Dadurch hatte ich Lust, noch mehr in diese Richtung zu gehen. Konventionelle Songs schreibe ich seit einer Ewigkeit, seit den späten 1970ern. Obwohl natürlich bei Sonic Youth das Experiment schon immer eine Rolle gespielt hat. Aber das passierte im Rahmen der typischen Rocksong-Struktur. Im Moment träume ich davon, ein Gitarrenstück zu schreiben, das 24 Stunden dauert.

Mauersberger: Sie haben sich in Ihrer 40-jährigen Karriere schon immer neben ihrer Arbeit als Rockmusiker der musikalischen Avantgarde gewidmet. Haben Projekte mit Yoko Ono oder dem Jazz-Saxophonisten John Zorn realisiert. Wie unterscheidet sich denn die Arbeit an einem experimentelleren Album wie "Spirit Counsel" von der Arbeit an einem Album mit eher klassischen Rocksongs?

Moore: Ich musste mir bei meinen aktuellen Arbeiten keine Gedanken darüber machen, ob sie zum Beispiel auch im Radio funktionieren. Ich musste keine Zugeständnisse an die Musikindustrie machen. Wichtig war nur, dass diese Werke für sich alleine stehen können. Diese Freiheit habe ich sehr genossen! Ich habe mich schon immer zum Randständigen hingezogen gefühlt, zum musikalischen Experiment. Gleichzeitig mag ich aber auch Musik, die die Menschen verbindet, unabhängig vom sozialen Milieu oder kulturellen Hintergrund. Manchmal wird gerade dieses verbindende Element erst von der Industrie geschaffen. Aber diese Musik, über die wir hier reden, sollte erst mal ihrer selbst willen existieren, bevor sie in irgendeiner Form der Industrie ausgesetzt wird.

Die Verantwortung, für Gleichbehandlung zu trommeln

Mauersberger: Lassen Sie uns auf die drei Stücke des neuen Albums schauen. Ihr neues Album beginnt mit "Alice Moki Jayne", einer einstündigen Komposition, die nach drei starken Künstlerinnen benannt ist: Alice Coltrane, Witwe des Saxophonisten John Coltrane, Moki Cherry, bildende Künstlerin und Ehefrau von Don Cherry, Jazz Musiker. Außerdem im Titel genannt wird Jayne Cortez, sie war mit Ornette Coleman, dem Saxophonisten, verheiratet. Drei starke Frauen, die es also schafften, aus dem Schatten ihrer Ehemänner künstlerisch herauszutreten. Ist das ein Statement für weibliche Selbstermächtigung?

Moore: Ich glaube, ich bin nicht derjenige, der große Statements über weibliche Selbstermächtigung von sich geben sollte. Wobei: Jede und jeder sollte das machen, gerade in Anbetracht der ungleichen Verteilung von Macht in unserer Gesellschaft. Ich finde es sehr wichtig, den eher entrechteten Menschen unserer Gesellschaft Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen Kraft zu geben. Und das sind im Grunde alle, die nicht zur privilegierten Gruppe der weißen gebildeten Männer gehören. Nun ist das die Kategorie, in die auch ich falle. Irgendwie bin ich von dieser Kategorisierung auch angefasst. Andererseits spüre ich die Verantwortung, für Gleichbehandlung zu trommeln, für Respekt und eine gerechte Verteilung von Macht.

Aber bei der Namensgebung für dieses Stück, für "Alice Moki, Jayne" – da ging es vor allem darum, dass ich das Werk dieser drei Frauen einfach sehr schätze. Ich habe viel Alice Coltrane gehört, als ich die Musik komponiert habe. Gleich am Anfang, dieser Gitarrenlauf am Anfang, das erinnert mich an die musikalischen Motive, die Alice Coltrane in ihrer Zeit als Leiterin eines Ashram komponiert hat.

Das Werk von Moki Cherry begleitet mich schon viele Jahre. Sie hat dafür gesorgt, dass Sonic Youth damals in ihrem Garten gelandet sind, in Williamsburg, als wir auf der Suche nach einem Ort für das Cover von "Bad Moon Rising" waren, das mit der Vogelscheuche drauf.

Und Jayne Cortez: Ich habe ja viele Jahre lang Gedichte studiert und auch gelehrt. Ich gebe jetzt noch Schreibkurse. Jayne Cortez ist als Dichterin schon immer wichtig für mich, und zwar komplett unabhängig von ihrem Mann Ornette Coleman. Das hat also nicht unbedingt etwas mit den Ehemännern dieser Frauen zu tun. Aber natürlich ist es spannend, sich das genauer anzugucken: Alle drei Männer waren sehr bekannt, wohingegen die Frauen eher im Hintergrund standen.

Mit "8 Spring Street" Glenn Branca Tribut zollen

Mauersberger: "8 Spring Street", das war ein Stück aus dem neuen Album von Thurston Moore. Benannt ist das nach der Adresse von Glenn Branca, einem New Yorker Avantgarde-Komponisten, der sicher auch Thurston Moores Karriere beeinflusst hat, denn Thurston Moore spielt in seiner Anfangszeit in New York in Glenn Brancas Gitarrenorchester. Herr Moore, dieses Stück ist ein leises, intimes Stück für Sologitarre, was hat "8 Spring Street" denn musikalisch mit Glenn Branca zu tun?

Moore: Ich habe mit Glenn Branca seit 1980 zusammen gespielt. Dass es ihn gibt, wusste ich schon seit 1977/78. Damals habe ich in New York gelebt. Glenn hat gleich in ein paar Bands gespielt, die ich interessant fand: Theoretical Girls und The Static. Dann hat er angefangen, unter seinem eigenen Namen diese langen Instrumentalstücke auf der Gitarre aufzuführen. Das hat mich total fasziniert, sogar noch mehr als seine Bands.

Ich wollte unbedingt Teil davon sein – und das hat dann auch geklappt. Lee Ranaldo war zu dem Zeitpunkt schon längst dabei. Für uns zwei war das ein wichtiges Sprungbrett. Glenn war also ziemlich wichtig. Jetzt wollte ich ihm Tribut zollen. Letztes Jahr ist er gestorben. Lange Jahre habe ich nicht mit ihm gesprochen: Ich hatte mit Sonic Youth zu tun, und er befand sich irgendwo an einem anderen Ort.

Als wir vor ein paar Jahren wieder zueinander fanden, haben wir auch ein paar Mal zusammen Musik gemacht. Der Gedanke einer Hommage war der Ausgangspunkt für das Stück, und der Name, "8 Springstreet" – das war wirklich die Adresse in New York, unter der wir uns zum ersten Mal getroffen haben. In der Ecke, wo Soho auf Little Italy trifft auf das East Village. Eine wirklich tolle Ecke in New York.

"Mir könnte es überall auf der Welt gefallen"

Mauersberger: Wo wir schon bei New York sind, Thurston Moore. Sie wohnen selbst nicht mehr in New York. Sie sind vor einigen Jahren nach London gezogen, haben letztes Jahr da auch das Werk "Galaxies" aufgeführt. Ein Stück für zwölf zwölfsaitige Gitarren, was Sie schon am Anfang angesprochen hatten. Mit einer Aufnahme dieses Konzerts im Barbican Center in London endet auch Ihre neue CD "Spirit Counsel". Ist dieses Stück vielleicht auch eine Art Bekenntnis zu Ihrer neuen Heimat?

Moore: Ich finde es schon sehr toll, hier zu leben. Und ich glaube, mir könnte es überall auf der Welt gefallen, wären da bloß nicht diese unnötigen Landesgrenzen überall. Aber darauf will ich jetzt gar nicht eingehen. Sie haben recht: Ein bisschen geht es schon darum, den Ort zu feiern, die Umgebung. London ist die größte Stadt in Europa. Das stimmt natürlich nur noch bis zum Brexit, und wer kann schon sagen, was dann passiert.

Diese lächerliche Veranstaltung! Ich habe das Gefühl, dass die Stadt London erst nach und nach ihr wahres Gesicht zeigt. Die Stadt ist so alt, es gibt so viel Geschichte. Ich mag das, diesen Geist, der sich durch die Stadt zieht. Und tatsächlich ist das auch ein Grund, weshalb ich dieses Box-Set "Spirit Counsel" genannt habe.

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