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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2017

Thomas von Steinaecker über Heinrich Böll"Er ist ein unglaublicher Mutmacher"

Thomas von Steinaecker im Gespräch mit Gabi Wuttke

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beim Interview in seiner Wohnung in Bornheim/Merten (imago/Sven Simon)
Undatiertes Foto von Heinrich Böll in seiner Wohnung in Bornheim/Merten, NRW. (imago/Sven Simon)

Sein Ruf als "guter Deutscher" umrundetet die Welt. Für "Gruppenbild mit Dame" erhielt Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis. Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker hat zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll den politischen Autor für sich entdeckt.

Für "Gruppenbild mit Dame" erhielt Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis. Fünf Jahre zuvor war der Schriftsteller mit der wichtigsten deutschen Auszeichnung geehrte worden – dem Georg-Büchner-Preis. Dennoch steht das Werk des traumatisierten Soldaten, Kriegshassers und linken Kölner Patrioten im Schatten seines parteilosen, gesellschaftspolitischen Engagements. Zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll hat sich der Schriftsteller Thomas von Steinaecker, von dem zuletzt "Die Verteidigung des Paradieses" erschien ist, beschäftigt. Und er hatte mit einer verstaubten Literatur gerechnet, wurde dann aber von Bölls Werk überrascht. So habe er eine unglaubliche Vielseitigkeit bei Böll entdeckt, sagte Thomas von Steinaecker im Deutschlandfunk Kultur. 

"Ich hatte das Wort Trümmerliteratur im Hinterkopf. Also ´Wanderer, kommst du nach Spa` ist ein phantastisches Stück Prosa, was ich dann wiederentdeckt habe für mich. Aber er hat auch so unendlich viel mehr geschrieben, was man momentan, glaube ich, gar nicht so auf dem Schirm hat, wofür er damals auch sehr viel Kritikerschelte einstecken musste. Seid ´Die verlorene Ehre der Katharina Blum` ging es mit seinem Ruf rapide bergab. Völlig zu unrecht, wie ich meine. Er hat z.B. auch  ´Fürsorgliche Belagerung` geschrieben – über Medienhysterie und Paranoia in der BRD in den 70er-Jahren. Ein ganz tolles und wieder aktuelles Werk und ´Frauen vor Flußlandschaft`, was eigentlich ein Monologroman ist. Also der vermeintlich verstaubte Autor war unglaublich experimentierfreudig. Vielleicht viel experimentierfreudiger als so mancher junger Autor heutzutage."

Und diese Werke sprechen für Böll, so Thomas von Steinaecker. Seiner Meinung nach könne man auch nie den Menschen Böll vom Autor Böll trennen. So habe von Steinaecker auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem "engagierten Bürger Böll" und der sei auch immer in seinen Texten unglaublich spürbar.

"Wegbereiter eines öffentlichen Diskurses"

Anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Böll sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters über den Schriftsteller, Böll sei ein "Wegbereiter eines öffentlichen Diskurses über unsere Demokratie im Nachkriegsdeutschland" gewesen.

Thomas von Steinaecker (dpa / picture alliance / Arno Burgi)Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

"Ich glaube, die Bundesrepublik war eben ein Sonderfall. So eine Geschichte hat ja sonst im 20. Jahrhundert kein anderes Land gehabt. Einerseits diese Trauma-Bewältigung und dann andererseits eben auch der Kampf, der mit der Trauma-Bewältigung zusammenhängt. Der Kampf gegen die Kräfte, die nach dem Dritten Reich mitnichten verschwunden sind. Und da war er eben nicht nur einer der Ersten, sondern auch der furchtlosesten Kämpfer eigentlich, Vorkämpfer, Pionier. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt."

Was man von Böll lernen kann

In Hinblick auf Bölls politisches Engagement, für das er in der Öffentlichkeit und im Bundestag auch massiv angegriffen wurde, fragt sich Thomas von Steinaecker, was er als Schriftsteller heute leisten könne, in Zeiten, die vielleicht "politisch noch akuter sind als damals. Stichwort: Terrorismus oder Widererstarken von rechtsradikalen Kräften". So hab er von Heinrich Böll gelernt, Mut zu haben, sagte Thomas von Steinaecker.

"Mut und sich nicht verzagen lassen. Da ist er wirklich beispielhaft gewesen und auch dieser stete Kampf für die Demokratie. Demokratie ist so etwas Selbstverständliches für uns geworden. Es langweilt uns. Was für ein Kampf das auch für Böll war, das ist unglaublich imponierend. Das habe ich gelernt von ihm. (…) Er ist ein unglaublicher Mutmacher, dieser Heinrich Böll."

(jde)

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