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Vollbild | Beitrag vom 17.07.2021

Thomas Vinterberg über "Der Rausch" Mehr als nur eine Ehrung des Alkohols

Thomas Vinterberg im Gespräch mit Susanne Burg

Der Schauspieler Mads Mikkelsen in einem Szenenfoto von Thomas Vinterbergs Film "Der Rausch". Mikkelsen trinkt aus einer Champagnerflasche. (picture alliance / Captital Pictures / CAP / SF)
Mads Mikkelsen wurde für seine Hauptrolle in Thomas Vinterbergs Film "Der Rausch" mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. (picture alliance / Captital Pictures / CAP / SF)

Vier Männer, ein Experiment: Mit Alkohol soll das Leben wieder in freudvolle Bahnen gelenkt werden. Ausgedacht hat sich das der dänische Regisseur Thomas Vinterberg. Im Interview erklärt er, warum er wenig von Moralisierung hält.

Susanne Burg: Eigentlich sollte der Film im letzten Jahr im Wettbewerb von Cannes laufen – aber da das Festival pandemiebedingt nicht regulär stattfand, begann der kometenhafte Aufstieg des neuen Films des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg in Toronto. Vier europäische Filmpreise und einen Oscar später kommt "Der Rausch" nun in die deutschen Kinos. Eine Sozialsatire, bei der vier befreundete Lehrer, unter anderem gespielt von Mads Mikkelsen, ein "Trinkexperiment" starten, um ihr Leben etwas freudvoller zu gestalten.

Im Regiestatement zum Film heißt es, Sie wollten ursprünglich mit dem Film dem Alkohol huldigen. Warum dieser Drang?

Thomas Vinterberg: Dieser Film ist mehr geworden als nur eine Ehrung des Alkohols. Als wir angefangen haben, uns damit zu beschäftigen, sind wir auch in die dunklen Seiten des Trinkens eingetaucht. Wir waren fasziniert davon, dass Alkohol einen belebenden Einfluss haben kann, auf Gespräche, auf Kunst, auf Entscheidungen und dass er gleichzeitig auch Menschen umbringen und Familien und Gesellschaften zerstören kann.

Aber noch wichtiger: Es wurde irgendwann zu einem Film über das Leben. Nicht nur über das Überleben, sondern das Leben selbst. Wir lernen vier Männer in einer Phase ihres Lebens kennen, in der sie die Inspiration verloren haben, den Appetit und die Neugier.

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Burg: Sie beginnen dann das Experiment, basierend auf den Thesen des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud, wonach dauerhafter Alkoholgenuss die Leistung steigere. Wie befreiend ist dieses Experiment, das die vier nachstellen, für sie anfangs?

Zugang zum Unkontrollierbaren

Vinterberg: Der Alkohol befreit sie anfangs sehr. Es funktioniert gut. Im Film geht es um das Unkontrollierbare. So viel im Leben der Menschen ist geplant. Alles ist getaktet und wird gemessen. Die Menschen messen ihre Leistung, ihr Auftreten, die Likes und Clicks bei den sozialen Medien oder wenn man einen Artikel schreibt. Sobald man die Flasche an die Lippen führt, gibt es einen Zugang zum Unkontrollierbaren.

Nun, lassen Sie uns darüber sprechen, was das Unkontrollierbare ist. Es ist so etwas wie sich zu verlieben. Im Englischen heißt das: falling in love. Man fällt. Man hat keinen Boden unter den Füßen. Man fällt in etwas, das größer ist als das normale Leben.

Wenn du eine Idee hast, kommt die auch von irgendwoher, ohne dass du genau weißt, woher. Ideen kann man nicht im Internet kaufen. Wenn du trinkst, gehst du in gewisser Weise einen Vertrag mit deiner Umgebung ein, dass du einen Schritt in den Raum des Unkontrollierbaren gehst.

Burg: Die Männer beginnen auch damit, weil sie in ihrem sonstigen Leben feststecken. Wenn man die Figur von Mads Mikkelsen nimmt: Er ist ein Lehrer, kein sehr guter. Er weiß nicht, wie man mit den Jugendlichen kommuniziert. Als er anfängt zu trinken, öffnet er sich. Er wird lustig und die Jugendlichen fangen an, ihn zu mögen. Lernt er da etwas über sich selbst oder ist dieses Unkontrollierbare nicht viel mehr nur kurzfristig vorteilhaft für ihn?

Vinterberg: Ich glaube, Mads Mikkelsens Figur gewinnt etwas zurück. Es steht plötzlich etwas auf dem Spiel für ihn, das weckt ihn auf und lässt ihn neugierig werden. Dadurch hat er eine viel größere Präsenz und wird zu einem aufmerksamen Vater, der sich bemüht.

Als wir ihn am Anfang des Films kennenlernen, unternimmt er keinerlei Anstrengungen. Er ist wie ein Zombie. Die Idee ist also, dass es ihn aufweckt und ihn wieder mit dem in Verbindung war, was er in der Jugend war. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit und des Mutes. All diese Werte kommen zu ihm zurück.

Burg: Wie viel Spaß hat es gemacht, die Midlife-Krise von vier Männern sexy aussehen zu lassen?

Kennenlernen mit Alkohol

Vinterberg: Wir haben nie versucht, diese Midlife-Krise sexy aussehen zu lassen.

Burg: Aber die vier tanzen plötzlich, sie sind hellwach und strahlen. Es sind Figuren, die man im Film sonst nicht so viel sieht.

Vinterberg: Ja, das stimmt. Ich wollte die Ekstase zeigen. Die Schwerelosigkeit und Freude. Ich wollte sie im Raum des Unkontrollierbaren zeigen und sie genießen es, auch ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ich fand es interessant: Wenn ich jemanden fragte, wie viele Paare kennst du, die sich nüchtern kennengelernt haben, dann war die Antwort fast immer: keins.

Alkohol ist so ein wichtiger Teil unseres Liebes- und Freundschaftslebens. Weil ich diese Männer glücklich und voller Freude gezeigt habe, sahen sie vielleicht auch sexy aus.

Burg: Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet? War da auch Method Acting mit dabei? Ganz im Ernst: Sie wirken so vertraut miteinander, dass ich mich fragte, wie Sie diesen Zustand hergestellt haben.

Vinterberg: Wir haben viel geprobt vorher, denn es ist sehr schwierig, einen Betrunkenen zu spielen. Dann müssen sie auch noch gute Freunde sein; sie machen verschiedene emotionale Kurven im Laufe des Filmes durch. Ich habe sie ziemlich gefordert. Wenn es darum geht, einen Betrunkenen zu spielen, kann das ein Schauspieler bis zu einem gewissen Punkt leisten. Ab 0,8 Promille wird es schwierig. Da wird es eine Art tragischer Balletttanz. Das war schwierig für sie. Aber sie sind meine Freunde und auch untereinander befreundet. Der Film entstand also aus diesem freundschaftlichen Gefühl heraus. Ich hoffe, das vermittelt sich auch auf die Leinwand.

Burg: In Ihrem Ansatz steckt natürlich auch eine gewisse Provokation, nämlich die Frage zu stellen, ob Alkohol nicht auch befreiend wirken kann. Das ist die eine Seite. Aber Alkoholismus ist gleichzeitig ein großes Problem – auch in Dänemark. Eine Studie ergab vor zehn Jahren, dass jeder zehnte Däne ein starker Trinker ist. Wie groß fanden Sie die Herausforderung, beiden Aspekten gerecht zu werden?

Publikum soll selbst entscheiden

Vinterberg: Ich versuche als Künstler, moralischen Verpflichtungen zu entgehen. Der Film ist eine Untersuchung. Ich habe mich bemüht, nicht albern und provokativ zu sein. Denn das war unser Ausgangspunkt: Wäre es nicht toll, den Film zu einer Feier des Alkohols zu machen?

Das wäre bestimmt toll gewesen, aber nicht wahrhaftig. Es würde auch ignorieren, dass Menschen davon sterben. Wir haben uns also von der Neugier leiten lassen. Wir fanden es faszinierend, dass dieses sozial akzeptierte Getränk Menschen so sehr beschwingt und ihr Leben zum Guten ändern und sie gleichzeitig umbringen kann. Daher finde ich den Film auch nicht mehr provokativ. Es hätte wahrscheinlich sehr viel provokanter werden können.

Burg: Ich meinte auch den Grundgedanken. Im Laufe des Filmes zeigen Sie, dass der Alkohol die Probleme nicht löst. Die Ehen werden nicht besser …

Vinterberg: Ich stimme Ihnen da nicht zu. Ich bin der Meinung, Martins Ehe wird viel besser. Nun, es ist die Frage, wie Sie das Ende des Filmes interpretieren. Ob er fällt oder fliegt. In meinem Kopf fliegt er.

Burg: Dann lassen Sie mich die Frage anders stellen: Sie hätten die Konsequenzen des Alkoholkonsums auch ausbuchstabieren können. Ein Sozialdrama hätte das wahrscheinlich getan. Sie tun es nicht. Auch hier, weil Sie nicht moralisieren wollen?

Vinterberg: Ja, genau. Ich überlasse das den Politikern, den Lehrern und den Priestern. Das hier ist eine Reise und sie muss offen sein. Ich will, dass das Publikum selbst entscheidet, wie es sein Leben führen möchte. Das steht mir nicht zu. Ein moralischer Ansatz ist nicht inspirierend für einen Künstler.

Burg: Wenn man sich Ihre Filme ansieht, dann ist da immer – würde ich sagen – ein Blick hinter die Fassaden der Gesellschaft. Die Fassade einer guten Familie in "Das Fest". Den Waffengebrauch in "Dear Wendy", den einfachen Glauben moralischer Gerechtigkeit in "Die Jagd". Inwieweit ist bei Ihnen auch eine Motivation, in Ihren Filmen eindimensionales Denken in Gesellschaften zu hinterfragen und durcheinanderzuwirbeln?

Filme ohne unnötige Höflichkeit

Vinterberg: Die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft in Dänemark über Alkohol gesprochen wird, ist ein bisschen feige, vor allem, wenn man betrachtet, wie wir trinken. Einmal im Jahr ist das Land im Ausnahmezustand. Es gibt diese Tradition des "Julefrokost", des Essens mit Freunden, Kollegen oder der Familie vor Weihnachten. Da herrscht absolute Anarchie, überall. Jede Hierarche, alle sozialen Barrieren werden eingerissen. Das Ritual wiederholt sich jedes Jahr.

Gleichzeitig gibt es Politiker, die den starken Alkoholkonsum in Dänemark angreifen. Ich wollte diese Diskrepanz aufzeigen. Aber vielleicht noch wichtiger ist, dass es eine Liebeserklärung ist, für unsere Art und Weise zu trinken. Wir leben lange sehr kontrolliert. Aber wir fordern unsere Momente ein, bei denen wir die Kontrolle abgeben. Darauf bin ich stolz.

Burg: Mads Mikkelsen spielt die Hauptrolle und Sie haben schon vorher mit ihm in "Die Jagd" gearbeitet. Zwischendurch hat er in den USA gedreht, aber er ist zum dänischen Kino zurückgekehrt. So wie Sie auch zurückgekehrt sind. Was ist es, dass dänische Filmschaffende, auch Sie, immer wieder zurückkehren lässt?

Vinterberg: Filme in meiner eigenen Sprache zu drehen und auch die Drehbücher dafür zu schreiben, entbindet mich der Höflichkeit, die man sich immer selbst auferlegt, wenn man Gastkoch in einer fremden Küche ist. Wenn ich Filme in einem anderen Land mache, bin ich Teil einer Kollaboration, Teil einer anderen Kultur. Das bringt einfach Höflichkeit mit sich.

Wenn ich meine eigenen Filme drehe, fällt das weg und ich kann die Dinge genau so machen, wie ich es will. Ich würde nicht sagen, dass ich zurückgekehrt bin, ich bin eigentlich nie wirklich weggegangen. Ich habe einige Reisen unternommen, die mir Spaß gemacht haben und auf die ich stolz bin – in andere Kulturen und Sprachen und Drehbücher – aber der Kern meiner Arbeit war immer hier in Dänemark.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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