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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.09.2018

Thomas Ostermeier über den Pekinger Theatereklat"Die wussten nicht, was in dieser Aufführung passiert"

Der Regisseur im Gespräch mit Julius Stucke

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Der Regisseur Thomas Ostermeier (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Der Regisseur Thomas Ostermeier (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Die chinesische Führung lässt keine weiteren Gast-Aufführungen der Schaubühnen-Inszenierung von "Ein Volksfeind" zu - die Inszenierung ist ihr offenbar zu brisant. Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier sagt, warum er zunächst trotz Zensur weiterspielen ließ.

Für die Berliner Schaubühne mit ihrem künstlerischen Leiter Thomas Ostermeienr war es eine Überraschung, dass sie mit ihrem kritischen Stück "Ein Volksfeind" von  Henrik Ibsen überhaupt in China auftreten durften. Nach einem Eklat in Peking endet die Reise jetzt vorzeitig.

Bei der Schaubühnen-Inszenierung von Thomas Ostermeier treten am Ende der Vorführung die Darsteller in einen offenen Dialog mit dem Publikum. So geschehen auch Ende vergangener Woche bei der ersten Vorstellung in Peking. Die Zuschauer nutzten dies, um sich sehr offen und kritisch über die Zustände in China zu äußern.

Die chinesische Obrigkeit schob einen Riegel davor

Der chinesischen Zensurbehörde ging das offensichtlich zu weit, die zweite und dritte Aufführung in Peking konnte die Schaubühne deswegen nur in einer entschärften Version – ohne Dialog mit dem Publikum – spielen. Die beiden letzten geplanten Auftritte in Nanjing fallen nun jedoch aus – wegen "technischer Probleme", so die offizielle Begründung der Chinesen.

Szenenbild der Ostermeier-Inszenierung  von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind"  (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)Szenenbild der Ostermeier-Inszenierung  von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind". Mit Christoph Gawenda in der Titelrolle. (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)

Regisseur Thomas Ostermeier weiß es besser: Als Reaktion auf die Zensur durch die chinesischen Behörden ließ er seine Schauspieler am Ende, nach einer kurzen Anspielung auf die Zensur, einfach schweigend ins Publikum blicken.

"Und alle im Saal wussten, dass es sich hier um eine Zensur handelt." Sie hätten sich, um weiter spielen zu können, zwar der Zensur gebeugt – dies jedoch deutlich kenntlich gemacht, betonte Ostermeier. Zudem hätten die Chinesen auch sein Kamerateam, das die Gastspiele dokumentierte, überwacht.

Trotz Zensur - für den kulturellen Dialog

Es sei ihm wichtig gewesen, trotz Zensurauflagen weiterzuspielen, denn nur so sei "ein kultureller Dialog" möglich. In dem gezeigten Stück, in Ibsens "Volksfeind", geht es um die Manipulierbarkeit der Masse und um die Frage, was eigentlich Wahrheit ist. Dies sei in China natürlich ein brisantes Thema – weshalb es auch in den Jahren zuvor nicht zugelassen worden sei.

Dann bekamen Ostermeier und sein Ensemble jedoch sogar eine Einladung vom National Centre for Performing Arts in Peking – "sozusagen der Kulturpalast der kommunistischen Partei, 200 Meter vom Tiananmen entfernt, also absolut in der Kontrolle der Partei". Sie hätten dies als Versuch gedeutet, sich gegenüber der chinesischen Bevölkerung als liberal und tolerant zu präsentieren, sagt der Theatermann.

"In China haben wir dann begriffen, dass die Kollegen sich das Video nicht angeguckt haben. Dass die nicht wussten, was in dieser Aufführung passiert."

(mkn)

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