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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.07.2017

Thomas Mann und Agnes E. Meyer: "Sie zu lieben, mein Freund, ist eine hohe Kunst"Ein dichtes, unterhaltsames Hörstück

Von Georg Gruber

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(Foto: imago/United Archives International , Cover: der Hörverlag, Combo: Deutschlandradio)
Thomas Mann beim Spaziergang in Berlin (Foto: imago/United Archives International , Cover: der Hörverlag, Combo: Deutschlandradio)

Ein neues Hörbuch bietet auf Grundlage handverlesener Briefe Einblick in die Beziehung zwischen Thomas Mann und der Journalistin und Mäzenin Agnes E. Meyer. Das Zeitdokument wird gelesen von Tatortkommissar Udo Wachtveitl und Dagmar Manzel.

Welchen Charakter die Beziehung von Agnes Meyer und Thomas Mann hatte, lässt sich schon in der Anrede erkennen: "Lieber Freund, verehrter Meister", beginnt ein Brief vom Januar 1940. Der Meister fühlte sich geschmeichelt und war doch immer um Distanz bemüht. Nach einem Treffen zum Tee notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch: "Tapfer ausgehalten, (...) ihre Ehrfurcht spricht für sich."

Kennen gelernt hatten sich die beiden 1937, als sie ihn für die Washington Post interviewte. Die Journalistin war mit dem Eigentümer der Zeitung verheiratet und eine einflussreiche Persönlichkeit in den USA. Außerdem vermögend, wovon wiederum der Schriftsteller profitierte. Ohne Meyers Unterstützung hätte Thomas Mann nach seiner Emigration in den USA nicht so angenehm leben können. Sie half, wo sie konnte und bemühte sich auch um ein Visum für seinen Sohn Golo Mann, der in Frankreich fest saß:

"Hiermit schicke ich die Antwort des State Department über Golo, ob das Visa zu haben sein wird, ist noch nicht entschieden. Aber unser Konsul in Marseille wird jetzt Nachricht schicken, wo er ist und wie es ihm geht."

Einblicke in Thomas Manns Gedankenwelt

Thomas Mann gewährte dafür Einblicke in seine Gedankenwelt, in seinen Alltag, seine Reisen und in den Entstehungsprozess seiner Bücher:

"Meine gute Freundin,

ich bin mit Martinus Luther zu reden, überladen, übermengt, überfallen mit Sachen. Wundervoll, dies Deutsch des 16. Jahrhunderts. Nicht zu reden von dem verflixten Roman, den in seiner Vielschichtigkeit und komplizierten Thematik zusammenzuhalten eine Kraftanstrengung ist, der meine sportliche Verfassung gar nicht recht entsprechen will."

Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) (imago stock&people)Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) (imago stock&people)

Was Thomas Mann aber wirklich über seiner Gönnerin dachte, notierte er in sein Tagebuch:

"Törichter Brief von Mrs. Meyer. Mit Claudel hat sie, wie ich von Erika höre, ein Verhältnis gehabt. Das hätte wohl auch meine Sache sein sollen."

Das hielt den damals 66jährigen allerdings nicht davon ab, sich an sie zu wenden, als er sich ein neues Haus in Kalifornien bauen wollte:

"Zum Frühstück widerwärtiger Brief der Mrs Meyer. Dieser dummen und demütigenden Freundschaft. Betreffend meiner europäischen Schmerzen und das noch nicht Kombattantentum meiner Söhne. Mit Vorsicht zu beantworten und fortan keiner Vertraulichkeit mehr zu würdigen."

Ein Tatortkommissar als literarisches Schwergewicht

In der Kombination der Briefe mit den Tagebuchnotizen liegt der besondere Charme dieses Hörbuches. Dass Udo Wachtveitl, den man als Tatortkommissar im Ohr hat anders klingt, als man Thomas Mann von Tondokumenten kennt, ist lediglich am Anfang etwas irritierend. Denn Udo Wachtveitl schafft es all die Feinheiten und Gemeinheiten der Briefe und Tagebucheinträge so genau herauszuarbeiten, dass es eine Freude ist, ihm zu zuhören. Ein eitler alter Mann, der eine eitle Frau ausnützt, die das immer wieder ahnt, es aber lieber verdrängt.

"Sie zu lieben mein Freund, ist eine hohe Kunst, die nicht jeder fertig bringt, ein komplizierter Solotanz."

Dagmar Manzel liest Agnes Meyer in all ihrer hoffnungslosen Hingabe, die auch eine Krise überdauert, als sie im Mai 1943 wegen Äußerungen Klaus Manns in Streit geraten.

"Zum ersten Mal weiß ich ganz und gar, was Sie mir sind, ich könnte es nicht ertragen, nicht zu wissen, wie es Ihnen geht."

Wichtiges Zeitdokument

Jesko von Schwichow spricht erklärende Zwischentexte. Diese drei Stimmen fächern über rund zweieinhalb Stunden sehr souverän ein sehr ungleiches Verhältnis auf. 1955 stirbt Thomas Mann in der Schweiz - damit endet auch der Briefwechsel, der ein wichtiges historisches Zeitdokument ist und zugleich das Psychogramm einer besonderen Freundschaft.

Bestens umgesetzt in diesem dichten und unterhaltsamen Hörstück, einem Schauspiel der Eitelkeiten und Unehrlichkeiten im Briefformat.

Thomas Mann und Agnes E. Meyer: "Sie zu lieben, mein Freund, ist eine hohe Kunst"
Gelesen von Udo Wachtveitl und Dagmar Manzel
Der Hörverlag, 2017
2 CDs, 158 Minuten, 14,95 Euro

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