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Studio 9 | Beitrag vom 02.08.2017

Thomas Gsella: "Nachdenken über Oma"Das Lieblingsgedicht von Nico Semsrott

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Satiriker und Poetry Slammer Nico Semsrott  (©Andreas hopfgarten)
Satiriker und Poetry Slammer Nico Semsrott (©Andreas hopfgarten)

Nico Semsrott ist Satiriker, Poetry Slammer, Spitzenkandidat der Partei "Die Partei" und bezeichnet sich selbst als Demotivationstrainer. An "Nachdenken über Oma" gefällt ihm sehr, dass Thomas Gsella die "moralische Norm etwas beiseite packt".

Gsella sage in dem Text ehrlich, was er über das verstorbene Familienmitglied denke. Semsrott fügt hinzu: "Ich mag es, dass er über die tote Oma im Nachhinein herzieht. Das ist ein sehr schöner, feiner Move".

Thomas Gsellas "Nachdenken über Oma" erschien 2001 in dem Satiremagazin Titanic, in der Rubrik "Vom Fachmann für Kenner".  

Thomas Gsella: Nachdenken über Oma

Meine Oma starb vor sieben Jahren oder zwölf an irgendwas mit Hirnzerfall, war aber zeit ihres Lebens eine dumme Sau. Große Angst vor Teufel und ewiger Verdammnis hatte der debilen Katholikenkuh schon schätzungsweise 90 Hirnprozent zerfressen, bevor die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs die dreifache Mutter zusätzlich erschreckten und vollends verblödeten, sie zu jenem Einzeller zusammenhauten, als welcher sie dann später Kohlenklau und Wiederaufbau und Kiesinger und Carstens wortlos mittat und käferdumpf durchkroch; aber eben auch charakterlich war sie eine regionale Katastrophe, als Mensch quasi beschissen, als Mensch und grade Oma scheiße, immer saß sie auf ihrer Kücheneckbank, hielt die Ärmchen vor der Brust verschränkt und warnte vor Todsünden und verwandtem Christengelump, wollte von uns Enkeln immer das liebe Händchen für ihre verfickten Riegel Billigschokolade, kriegte es freilich selten und versank dann stets und sichtlich suchtbefohlen in ihrer höchstpersönlichen Melange aus eminenter Dummheit, Blödheit und Beleidigtsein, sie war, meine Oma, Gott habe sie selig, wahrhaft zum Kotzen.

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