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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 24.07.2007

Thoma: Aufregung um Absetzung zweier Sat.1-Magazine übertrieben

Ehemaliger RTL-Chef über Entwicklungen auf dem privaten Fernsehmarkt

Moderation: Stephan Detjen

Vor einem Gebäude der Kirch-Gruppe in Unterföhring bei München weht die Fahne der ProSiebenSat.1 Media AG im Wind. (AP)
Vor einem Gebäude der Kirch-Gruppe in Unterföhring bei München weht die Fahne der ProSiebenSat.1 Media AG im Wind. (AP)

Die neuen Inhaber von ProSieben-Sat.1 haben der Sendergruppe einen Sparkurs verordnet. Mitarbeiter sollen entlassen und quotenstarke Magazine zugunsten von Serien-Wiederholungen aus dem Programm genommen werden. Es handele sich dabei um Veränderungen, aber nicht das Ende des Privatfernsehens, meint Helmut Thoma.

Stephan Detjen: "Das Ende des privaten Fernsehens" schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über die Pläne der neuen Inhaber der Sendergruppe ProSieben-Sat.1. Im Frühjahr übernahmen die Private-Equity-Firmen Permira und KKR die Mehrheit des Privatsenders. Jetzt steuern die Finanzinvestoren das Unternehmen auf einen rigiden Sparkurs. Seit gestern wird über einen Sozialplan für rund 100 Sat.1-Mitarbeiter verhandelt, die entlassen werden sollen. Quotenstarke Boulevard- und Nachrichtenmagazine wurden aus dem Programm genommen, weil die Wiederholung alter Serien mehr Gewinn verspricht. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die ansonsten ja wenig Liebe zum Boulevardjournalismus zeigt, nennt all das die Vernichtung eines der führenden deutschen Fernsehsender. Der "Spiegel" beklagt eine Misere des Fernsehjournalismus bei den Privatsendern und den Verfall der Fernsehpublizistik. Was ist da dran? Erleben wir wirklich das Ende des Privatfernsehens? Darüber will ich jetzt sprechen mit Helmut Thoma, einem der Gründer des Privatfernsehens in Deutschland. Bis 1998 war er Chef des Privatsenders RTL. Guten Morgen, Herr Thoma!

Helmut Thoma: Ja, guten Morgen!

Detjen: Sie haben RTL 1984 auf den deutschen Fernsehmarkt gebracht. Wie sehen Sie das jetzt? Geht da wirklich eine Erfolgsgeschichte, das ist es ja, die damals begann, zu Ende?

Thoma: Na ja, sie verändert sich. Ich würde noch nicht sagen, zu Ende. Es ist mehr jetzt, sagen wir mal, die wirtschaftlichen Interessen nach vorne getreten, die immer vorhanden waren und vorhanden sein mussten, aber die sozusagen zugunsten von auch publizistischen Interessen etwas zurückgedrängt waren. Sie kommen jetzt natürlich zum Vorschein, das ist aber kein Phänomen allein in Deutschland, sondern das ist etwas, was man fast weltweit feststellen kann, also auch in USA.

Detjen: Und wirklich kein neues Phänomen. Ihnen ging es doch bei RTL auch immer ums Geldverdienen.

Thoma: Na ja, klar. Ich meine, es ist, wir haben nur sozusagen etwas heftiger investiert in, zum Beispiel in Nachrichten, weil ich komme ja aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ich hab immer sozusagen geglaubt, und würde ich bis heute glauben, dass also gute Nachrichten auch für, für jede Art von Sender eine sozusagen Legitimation darstellen, ob das jetzt öffentlich oder privat ist. Ich meine, die Öffentlich-rechtlichen leben von ihrer "Tagesschau" und "heute" und die Privaten müssen, müssten eigentlich was dagegen setzen. Aber die Aufregung, die da jetzt entsteht, weil das "Mittagsmagazin" und das "Nachtmagazin" abgeschafft hat, die ist also bei weitem übertrieben.

Detjen: Um das zur Erklärung hinzuzufügen: Sie waren einmal Justiziar des österreichischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens ORF. Herr Thoma, die Sendungen, die da bei Sat.1 jetzt eingestellt werden, das muss man ja sagen, das waren keine Nachrichten, wie wir sie aus dem Öffentlich-rechtlichen kennen, das waren knallhart an der Quote orientierte boulevardesk ausgerichtete News, Shows. Sind das nicht Krokodilstränen, wenn die jetzt von Zeitungen wie der "FAZ" zum Beleg für privaten Qualitätsjournalismus hochstilisiert werden?

Thoma: Ja, das sind Krokodilstränen. Also, das ist überhaupt keine Frage. Ich meine, das ist schlicht und einfach so, wir haben, also wir bei RTL, haben diese, diese Form von Magazinen "12 Uhr Mittag" und das "Nachtjournal", wobei das "Nachtjournal" etwas, sagen wir mal, mehr Nachrichten orientierter ist, eingeführt und Sat.1 hat es damals verabsäumt, so etwas dagegenzusetzen oder zumindest gleichzeitig so was zu machen, und das war so nicht erfolgreich, in den ganzen letzten zehn Jahren, dass es eigentlich folgerichtig ist, da zu sagen: Setzen wir das ab, das kostet mehr Geld, als es bringt und versuchen wir was anderes! Das ist ganz legitim.

Detjen: Nun hat sich RTL seinen Ruf ja auch nicht, zumindest nicht nur, durch seine Nachrichtensendungen erworben. Ich hab gelesen, damals in den Gründungsjahren habe es auf den Fluren von RTL geheißen, ein gutes Privatprogramm brauche drei Dinge: Rammeln, Titten, Lallen. Das stand in der "Süddeutschen Zeitung". Stimmt das?

Thoma: Das waren sozusagen liebe Konkurrenten aus dem Öffentlich-rechtlichen und ein paar Feuilleton-Redakteure, denen das eingefallen ist. Aber das war natürlich nie sozusagen ein Motto von RTL. Das ist, mein Gott, das gehört zu dem üblichen unlauteren Wettbewerb, der in dieser Branche ja besteht, aber ich sage mal, das ist alles, ich meine, da wird so viel Verlogenheit betrieben, dass man da abstumpft. Und was jetzt da wieder ist, das muss ich sagen, mein Gott, wenn wir zwei Boulevardmagazine abschaffen, das ist das Ende des Privatfernsehens und das ist eine Katastrophe. Ich meine, das ist ein Unsinn. Ich glaube, dass viel wichtiger ist, dann auch zu sehen, wie entwickelt sich das Ganze. Ich meine, ist eigentlich zum Beispiel die größte Katastrophe hab ich empfunden das Einschreiten dieses Kartellamts gegen die Übernahme von Springer bei ProSieben-Sat.1, weil das, da wäre natürlich dann eine publizistische Garantie bestanden, dass da so was sozusagen vom Grundsatz her nicht passiert. Vielleicht wäre ihm das im Einzelfall auch passiert, aber vom Grundsatz her. Also, und dazu jetzt auch wieder, dass man ein Monopol schafft im Pay-TV, das sind Katastrophen, nicht die Abschaffung von zwei Boulevardmagazinen.

Detjen: Das muss man vielleicht noch mal erklären: Die deutschen Aufsichtsbehörden, die Kartellbehörden haben die Übernahme von ProSieben-Sat.1, die durch den Springerkonzern ja angestrebt war, mit Blick auf die Medienkonzentrationsregelung untersagt ...

Thoma: Nein, nein, nein, Moment, da muss ich sofort eingreifen. Das ist nicht Aufgabe des Kartellamts. Da wäre die KEK zuständig gewesen. Die war auch dagegen, aber die hätte, das hätte nicht die große Rolle gespielt, ...

Detjen: Das ist die Kommission, die die Medienkonzentrationen misst und ermittelt.

Thoma: Genau. Und das Kartellamt hat das rein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten verhindert, weil angeblich die "Bild-Zeitung" damit zu stark sozusagen geworden wäre. Also, mit fadenscheinigen Begründungen. Das ist eigentlich die richtige, wenn man so will, Katastrophe bzw. ein richtiger Skandal, nicht, wie gesagt, die jetzige Abschaffung von zwei Boulevardmagazinen.

Detjen: Ich weiß nicht, ob ich das falsch in Erinnerung habe, aber ich meine, mich daran zu erinnern, dass auch Sie diese Entscheidung damals begrüßt haben.

Thoma: Welche?

Detjen: Haben Sie das... Die Entscheidung, die Übernahme von ProSieben-Sat.1 ...

Thoma: Na, überhaupt nicht. Ich hab in verschiedenen Artikeln, auch in der "Süddeutschen", das also immer dargestellt, dass das ein absoluter Unsinn ist, weil, ich meine, im Grunde genommen man etwas verhindert hat, was man durch jahrelang bei Herrn Kirch geduldet hatte und akzeptiert hat in noch viel größerem Ausmaß. Nein, nein, das hab ich nie begrüßt. Ganz im Gegenteil!

Detjen: Welche Rolle spielt die Tatsache, dass es hier um ausländische Finanzinvestoren geht? Es gibt ja jetzt wieder eine Diskussion darüber, dass es auch in Deutschland, wie in manchen anderen Ländern, in Frankreich, in den USA zum Beispiel, gesetzliche Hürden zum Schutz deutscher Märkte, auch deutscher Medienmarkte vor solchen Investitionen geben sollte.

Thoma: Na ja, aber zum Schutz vor Investitionen, das klingt etwas, sagen wir mal, viel zu negativ. Aber, ich meine, in Amerika können Sie, kann ein ausländisches Unternehmen schlicht und einfach einen Sender nicht übernehmen. Da gibt es Grenzen, die glaub, sie liegt bei 12 oder 20 % und darüber gibt’s überhaupt nichts. Und in Frankreich und in England und überall sind also Schutzmaßnahmen vorhanden. Die gehen jetzt nicht gegen Finanzinvestoren, sondern da geht’s schlicht und einfach darum, dass man sozusagen Ausländer, die beispielsweise in Europa natürlich, die nicht EU sind, und in Amerika die Nichtamerikaner, natürlich keine Ausländer sind, dass man, dass die das halt nicht übernehmen dürfen, weil man das als wichtige Faktoren der Meinungsbildung ansieht.

Detjen: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Medienmanager und langjährigen RTL-Chef Helmut Thoma über die Veränderungen auf dem privaten Fernsehmarkt in Deutschland. Herr Thoma, Sie haben das erwähnt, der Einstieg von Finanzinvestoren bei Medienunternehmen wie ProSieben-Sat.1 ist nur eines von vielen Symptomen für den Umbruch in der Medienlandschaft. Die digitalen Techniken verändern den Markt vielleicht noch stärker. Bis zum Jahr 2010 soll die Digitalisierung der Verbreitungswege für das Fernsehen in Deutschland abgeschlossen sein. Die wirklich mächtigen Player werden dann die Kabelgesellschaften wie Kabel Deutschland oder Unity sein, die auch jetzt schon hinter Programmanbietern wie Arena stehen. Wie wird diese Entwicklung die Veränderung klassischer Fernsehunternehmen beschleunigen, verändern?

Thoma: Na ja, ich glaube nicht, also, ich glaube erst mal, man kann jetzt nur noch das Kabel schauen, sondern es werden vor allem also die, dies sogenannte IPTV, also Fernsehen über Internetprotokoll, oder schlicht und einfach Fernsehen im Internet, auch eine gewaltige Rolle spielen. Zum Beispiel also in Frankreich hat es schon eine durchaus respektable Marktbedeutung bekommen und in der Schweiz ist es schon ziemlich, ja, entwickelt und wird weiterentwickelt. In Deutschland hängt man noch nach. Aber da kommen viele, viele Angebote und man wird sehen, was das für die etablierten Programme bedeutet. Ich glaube, dass die nicht untergehen werden, aber sie werden halt in ihrer Bedeutung zurückgehen. Also, die Reichweiten sind so und so schon in den letzten Jahren ziemlich verfallen. Also, man kann heute mit 13 % Marktführer sein in Deutschland, was früher also undenkbar war. Da musste man über 20 % oder bis zu 30 haben. Und das wird also sozusagen dazu führen, dass die großen Sender vielleicht Marktanteile unter 10 % haben und daneben eine Fülle von kleinen und Spezialprogrammen, also für alle möglichen Interessenbereiche vom Fischer, Jäger bis zu Hausarbeit u.ä. kommen wird und Kinderbetreuung und Tierfernsehen und Kochfernsehen usw. Das heißt dann eine Aufsplitterung der Fernsehlandschaft, die vor uns steht.

Detjen: Das ist ja ein vollkommener Paradigmenwechsel für die Medienunternehmen, die sich bisher immer am Maßstab der Quoten, an der Quotensteigerung orientiert haben. Wie können Fernseh-, wie können Medienunternehmen in einer so zersplitterten Medienlandschaft überhaupt noch Wachstum erreichen? Geht das nur noch so wie Sat.1, ProSieben das jetzt vormacht, indem Ausgaben für Mitarbeiter und Inhalte gekürzt werden?

Thoma: Ja gut, das kommt so und so auf die Großen zu. Wobei man dazu sagen muss auch, dass das ja in der Branche immer bekannt war, dass ProSieben-Sat.1 eigentlich mit sehr viel Mitarbeitern, wesentlich mehr, als wie RTL je hatte, agiert hat. Also, dass dort ein, ein jemand, der auf Rendite das Unternehmen dringend einschneiden wird, war klar. Der Herr Saban hat da in seiner Zeit da relativ wenig gemacht, höchstwahrscheinlich war es auch nicht notwendig von seinem Standpunkt aus, aber da sind noch erhebliche Rationalisierungseffekte drin und dann ist auch die Frage, dass die zwei Standorte haben, also Berlin und München, das ist ja auch nicht gerade etwas, was besonders für ökonomische sozusagen Effizienz zielt. Vielleicht werden die einen der beiden Standorte auch aufgeben usw. Also, da sind schon verschiedene Möglichkeiten. Und ansonsten haben sie natürlich die Möglichkeit, dass sie mehr, selber ein paar Programme noch auf den Markt bringen. Das machen ja beide Großen. Allerdings, na wenn man, ziemlich unentschlossen. Also, das ist so, so, weil man’s halt gerade tut. Aber da liegt, da läge die Chance. Das ist, wenn man nach USA schaut, die ein bisschen so ein Fenster in die Zukunft darstellen, dann sieht man, dass die großen Networks, also ABC, CBS, NBC, die früher sagen wir die ganze Landschaft beherrscht haben, die haben heute zusammen knapp 30 % Marktanteil. Aber daneben gibt es eben viele, viele, viele kleine Kanäle, die insgesamt auch wieder sozusagen auch Reichweite zusammenbringen und auch Werbeeinnahmen natürlich gerieren.

Detjen: Also, tiefgreifende Veränderungen, aber längst nicht das Ende des privaten Fernsehens in Deutschland, sagt Helmut Thoma, Medienberater und langjähriger Chef des privaten Fernsehsenders RTL. Vielen Dank, Herr Thoma, für das Gespräch!

Thoma: Danke schön!

Sie können das Interview mit Helmut Thoma mindestens bis zum 24.12.07 in unserem Audio-on-Demand-Angebot hören.
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