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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.11.2012

Thessaloniki geht mit Kultur gegen Wirtschaftskrise an

Rezept des Bürgermeisters: Niedrige Eintrittspreise, aber gute Namen

Spiros Pengas im Gespräch mit Britta Bürger

Thessalonikis Politiker setzen auf Kultur in der Krise. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Thessalonikis Politiker setzen auf Kultur in der Krise. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

"Thessaloniki hat eine multikulturelle Vergangenheit, und die wollen wir hervorbringen", sagt der stellvertretende Bürgermeister Spiros Pengas. Trotz Finanzkrise veranstaltete die Stadt die Weltmusikmesse "Womex" und ein internationales Filmfestival. Die Hallen sind voll - auch mit Einheimischen.

Britta Bürger: Könnte Thessaloniki inmitten der Krise in Griechenland zu einer Modellstadt werden? Das wollen wir uns im Gespräch mit dem Stellvertretenden Bürgermeister der Stadt ansehen. Spiros Pengas wurde 1968 in Thessaloniki geboren, er hat die deutsche Schule in Thessaloniki besucht, in München Politik studiert, anschließend in Brüssel gearbeitet und ist nun seit einigen Jahren im Team des parteilosen Bürgermeisters Giannis Boutaris. Der 70-jährige ehemalige Winzer Boutaris hat sich den Anfang 40-jährigen Pengas als Stellvertreter geholt und ihn mit den Bereichen Kultur, Bildung und Tourismus betraut. Gemeinsam verkörpern die beiden ein völlig unkonventionelles Politikergespann mit dem Ziel, alte Strukturen aufzubrechen. Herr Pengas, schönen guten Tag!

Spiros Pengas: Guten Tag! Guten Tag, Frau Bürger!

Bürger: Erneut wird Griechenland heute und morgen von gleich zwei Generalstreiks lahmgelegt. Was bedeutet das für eine Stadt wie Thessaloniki, in der derzeit ja auch gerade zum 53. Mal das internationale Filmfestival stattfindet?

Pengas: Ja, die Stadt liegt tatsächlich lahm, wir haben keine Busse, keine Taxis, die Leute sind auf den Straßen und demonstrieren, das ist das eine Bild der Stadt. Aber es gibt, wie Sie sagen, ein anderes Bild, das der Leute, jungen Leute, den Leute der kreativen Gesellschaft sozusagen, die tatsächlich das Filmfestival besuchen und die mit dem Leben weitermachen wollen. Und wir zum Beispiel, wir versuchen auch mit unserem Bürgermeister, das Positive hervorzubringen. Wir bleiben auch aktiv dran und wir versuchen tatsächlich, Thessaloniki als ein anderes Vorbild zu machen, als eine Stadt von Griechenland, die das Griechenland, was kommt, und nicht das Griechenland, das geht.

Bürger: Thessaloniki ist ja eine sehr junge, multikulturelle Stadt. Man spürt, dass die osteuropäischen Länder, auch die Türkei, sehr nahe sind. Zugleich sind das ja auch historisch gewachsene Verbindungen. Gerade hat auch die Weltmusikmesse WOMEX in Thessaloniki stattgefunden.

Pengas: Genau.

Bürger: Und unsere Kollegen hier von Deutschlandradio Kultur, die dort waren, die kamen begeistert zurück und haben gesagt, so gut sei die Messe bislang in keiner anderen Stadt organisiert gewesen. Hat Thessaloniki ein Potential, das bislang noch nicht ausreichend wahrgenommen und ausgeschöpft wurde?

Pengas: Genau, so ist es. Diese WOMEX war ein Riesenerfolg, die Leute waren sehr zufrieden, die hier waren. Wir hatten über 2.500 Leute in Thessaloniki, es war ein herrliches Fest. Thessaloniki hat eine multikulturelle Vergangenheit, und die wollen wir hervorbringen, das ist eine strategische Wahl, die wir gemacht haben. Es gab hier eine sehr starke jüdische Gemeinde, es gab die osmanische Präsenz, und die wollen wir hervorbringen und eben Thessaloniki wieder kosmopolitisch zu machen. Wir wollen diese Vergangenheit nützen sozusagen, um eben die Leute aus dieser Vergangenheit wieder nach Thessaloniki zu bringen. Wir wollen gute Beziehungen zu der Türkei pflegen, zu Israel und zu unseren Nachbarländern in den Balkanregionen. Thessaloniki liegt ungefähr 500 Kilometer von allen Großstädten, von Sofia, von Belgrad, von Athen, von Istanbul - also Thessaloniki könnte eventuell wirklich der Standort sein für alle diese Leute dieser Region hier in Südosteuropa.

Bürger: Unter den massiven Auswirkungen der Krise stellt sich ja eine Grundfrage in Griechenland: Wer übernimmt in welcher Form Verantwortung für sein Leben? Wie versuchen Sie, die Menschen dafür zu motivieren, sich für Ihre Stadt zu engagieren?

Pengas: Also wir versuchen auf jeden Fall die Leute einzubeziehen so in diese Politik, die wir versuchen zu treiben sozusagen. Wir haben zum Beispiel von Anfang an eine Volontär-Abteilung gemacht, also Freiwillige sozusagen, weil die Leute müssen verstehen, dass die selbst ihr Leben bestimmen oder stimmen können. Und das haben wir von Anfang an gesagt, wir versuchen mehr die Zivilgesellschaft sozusagen einzubeziehen, im Kulturbereich zum Beispiel. Ich habe es immer wieder gesagt, wir wollen diese neuen Gruppierungen, diese NGOs, die jungen Leute, einbeziehen, die wollen alles machen, selbst versuchen, einfach Incentives zu geben, die Leute zu mobilisieren, zu motivieren. Und die Leute sollen selbst Sachen tun und selbst Sachen machen.

Bürger: Was sind das zum Beispiel für Projekte?

Pengas: Projekte, zum Beispiel, wir versuchen eine Wende sozusagen in der kreativen Wirtschaft zu mobilisieren und zu machen. Wir haben am Samstag zum Beispiel eine Konferenz, um irgendwie junge Leute über diese kreative Industrie für Wirtschaft, zu erklären, was das ist, diese europäischen Programme, die öffnen, was das ist - also wirklich den Leuten zu zeigen, dass es ist nicht das Ziel, nur Kultur zu machen und Künstlerisches zu machen, sondern dieses soll auch für diese Leute einen bestimmten Gewinn bringen, den Leuten selbst.

Bürger: Trotz Generalstreik, es bewegt sich einiges in Griechenland, zum Beispiel in Thessaloniki. Deutschlandradio Kultur ist im Gespräch mit dem Stellvertretenden Bürgermeister der Stadt, Spiros Pengas, zuständig für Kultur, Bildung und Tourismus. In dem Moment, in dem die Menschen weniger Geld oder auch gar kein Geld mehr haben, werden sie es kaum für Kultur ausgeben. Welche Möglichkeiten hat die Stadt Thessaloniki, um den Menschen auch kostenlos Kultur- und Bildungsangebote zu machen?

Pengas: Ja, wir führen eine Politik von billigen, sehr billigen Eintrittskarten, zum Beispiel. Wir haben in unseren Festspielen, die finden jeden September, Oktober statt, heißen Dimitria, wir haben dieses Jahr, obwohl wir sehr renommierte Namen haben, auch aus Deutschland, wir hatten Iggy Pop oder die Berliner Symphoniker - wir versuchen immer, sehr billige Tickets zu haben. Und wir haben Tickets für zehn Euro, für fünf Euro, so dass die Leute kein Problem haben, diese Events zu besuchen. Und wir versuchen auch wie gesagt, unsere eigenen Kräfte zu mobilisieren: Wir organisieren Konzerte in unseren Normen mit den lokalen Musikern, da lassen wir die Leute für frei eintreten zum Beispiel. Also wir tun unser Bestes, und nicht mit Geld verschwenden, wir versuchen, das Geld selbst über den Künstler zu geben. Wir haben keine Fotoshootings, wir haben keine Cocktails, wir haben absolut nichts, was das Geld irgendwie verschwendet, sondern wir machen gezielt Kulturpolitik für die Künstler und für die Leute.

Bürger: Sie sind wie Ihr Chef Bürgermeister Giannis Boutaris an keine Partei gebunden. Ist das ein Bonus oder inmitten der alten Klientelwirtschaft doch häufig eher ein Problem? Immerhin war Thessaloniki bis 2011 24 Jahre lang in der Hand der konservativen Nea Dimokratia.

Pengas: Ja, wir haben nach 25 Jahren die lokale Regierung gewechselt, und das schien - dass ich zu keiner Partei gehöre - das schien in meinem ganzen Leben überhaupt kein Problem zu sein. Und ich habe vor, weiterhin so zu leben und weiter so zu machen. Ich glaube, so wird auch die Zukunft sein. Es werden neue Parteien oder neue Gruppierungen kommen in der griechischen Politik, und eventuell wird da was auch für mich da sein. Aber momentan, diese alten Systeme, das kommt zum Ende, und ich bin sehr froh, dass ich kein Teil dieses Systems gewesen bin.

Bürger: Aber vermutlich gibt es auch Probleme, diese alte Klientelwirtschaft zu beenden. Indem Sie angetreten sind, ist damit ja noch nicht alles neu. Was sind die größten Schwierigkeiten?

Pengas: Ja, es ist nicht leicht. Das Problem liegt nicht immer bei den Politikern. Es liegt auch bei der Mentalität der Menschen. Also es gibt jetzt eine Generation, meine Generation oder die jüngere Generation, die ist daran gewöhnt, immer an den Politiker zu wenden, an den Abgeordneten, um einen Job zu finden, und so weiter und so fort. Seitdem das Geld nicht mehr da ist und der Staat kein Geld hat und diese Möglichkeit nicht mehr anbietet, dann können diese Leute nicht an den Abgeordneten und den Politiker sich wenden. Und das ist eine positive Entwicklung. Das ist nicht so leicht in diesem Moment, das ist ein bisschen dauern, bis die Mentalität der Menschen sich wieder ändert, aber das wird den Menschen wieder innovativ, intelligenter und aktiver machen, und das ist eine positive Entwicklung meiner Meinung nach.

Bürger: Wir haben eingangs über das internationale Filmfestival gesprochen, das gerade stattfindet. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Ist das dennoch ein abgespeckter Jahrgang 2012?

Pengas: Also es ist tatsächlich - wir haben weniger Filme dieses Jahr. Wir versuchen, nach wie vor bei diesem Filmfestival zu sparen, wir haben 150 Filme. Wir haben auch Filme, die über diese Krise erzählen, wir haben den neuen Film von Costa-Gavras, "Le Capital", der zum ersten Mal hier in Thessaloniki vorgeführt wird. Es ist so, dass wir weniger tun, aber das geht mehr Substanz, sozusagen, um das, was wir machen. Und die Leute reagieren in einer sehr positiven Art. Wie Sie gesagt haben, die Vorstellungen sind ausverkauft, und es gibt eine sehr, sehr positive Entwicklung.

Bürger: Für Thessaloniki ist das vielleicht jetzt auch die Gunst der Stunde, weil Athen im Chaos versinkt. Ich habe viele Freunde in Athen, die die Stadt nur noch als Hölle bezeichnen. Von Thessaloniki hört man jetzt nicht gerade Paradies, aber eben doch, dass dort alles viel besser sei. Inwieweit könnte Thessaloniki also tatsächlich ein Modell für ganz Griechenland sein? Was könnten andere Stadtverwaltungen von Ihnen lernen?

Pengas: Zu sparen. Tatsächlich, das macht mich nicht froh, also dass Athen, dass die Situation in Athen schlimm ist, das macht mich gar nicht froh. Die Hauptstadt ist immer die Hauptstadt, und wir wären froh, wenn die Situation da auch nicht so schlimm wäre. Tatsächlich wollen wir, Thessaloniki, ein Modell für die Zukunft machen. Diese innovative Denkweise und diese Weise, wie wir Politik treiben, wollen wir ein Beispiel fürs ganze Griechenland sein. Es ist, wie Sie gesagt haben, nicht sehr leicht, das durchzusetzen. Wir haben auch in unserer Stadt nicht die Zustimmung von allem. Das ist ein bisschen schwierig, diese neue Öffnung, dieser kosmopolitische Approach, dass wir Thessaloniki wieder international machen wollen und wieder der Welt öffnen wollen, das geht nicht immer leicht. Aber wir sind sicher, dass wir das bis zum Ende machen können, und wenn wir das mit Gewinn für die Leute auch - wie heißt das? -, mit Geldgewinn, verbinden könnten, wenn wir hier so einen Riesenzuwachs haben, dann merken die Leute, dass das eine positive Entwicklung in ihrem Leben haben kann, und dann werden die auch positiv reagieren. Wir haben einen langen Weg, bis wir zum Ende kommen, wir haben noch ungefähr zwei Jahre, bis wir mit unserer Zeit der Regierung zu Ende sind. Wir werden sehen, wie wir das schaffen, aber wir haben auf jeden Fall die Stimmung in der Stadt geändert. Wir haben eventuell nicht das Leben von allen Menschen gewechselt schon nach einem Jahr und sieben Monaten, aber ich glaube, dass wir die Luft, sozusagen die Laune, die Stimmung gewechselt haben, und das ist schon eine positive Tendenz.

Bürger: Sagt Spiros Pengas, der Stellvertretende Bürgermeister von Thessaloniki, über die Aufbruchsstimmung inmitten der Krise in Griechenland. Haben Sie vielen Dank fürs Gespräch, Herr Pengas!

Pengas: Ich danke Ihnen, danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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