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Sein und Streit | Beitrag vom 05.07.2020

Theorie in CoronazeitenBrennglas für gesellschaftliche Missstände

Gundula Ludwig und Martin Voss im Gespräch mit Simone Miller

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Abstrakte Illustration mit Lupe, Auge und farblichen Hervorhebungen in gelb und rot. (Imago / Ikon Images)
Die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas für gesellschaftliche Missstände - vielleicht öffnet sie aber auch den Horizont für mögliche Veränderungen. (Imago / Ikon Images)

Auch wenn für viele bald der Urlaub beginnt: Die Coronakrise geht weiter – nicht nur in Deutschland. Wie reagieren die Sozialwissenschaften? Welche Erkenntnisse haben sie zu bieten? Und wie verändert die Pandemie die Theorie?

Offene Geschäfte, volle Biergärten und sogar in den Urlaub kann man wieder fahren: In Deutschland kann man derzeit den Eindruck gewinnen, die Coronakrise sei im Wesentlichen vorüber. Wie falsch diese Annahme ist, zeigt sich schon hinsichtlich deutscher Corona-Hotspots, spätestens aber mit Blick auf das weltweite Pandemiegeschehen.

Katastrophe oder Vielfachkrise?

"Wenn wir uns anschauen, was weltweit gerade passiert, dann sind wir wahrscheinlich allemal am Anfang und es sterben Hunderttausende, am Ende vermutlich Millionen Menschen", sagt der Berliner Sozialanthropologe und Katastrophenforscher Martin Voss.

Den Begriff "Katastrophe" hält Voss deshalb für angemessener als den der "Krise". Denn letzterer bezeichne eigentlich den "Moment, wo der Kranke noch auf der Kippe steht". Dagegen seien wir längst "zwei Schritte weiter", schließlich geraten "ganze Gesellschaften in existentielle Nöte".

Die Bremer Politologin Gundula Ludwig weist darauf hin, dass die Coronakrise so ein Ausmaß annehmen konnte, weil bereits eine gesellschaftliche Vielfachkrise vorlag:

"Wir haben die ökologische Krise, die Krise der Demokratie, die Krise der sozialen Reproduktion, die Care-Krise und auf diese multiple Krise setzt sich nun auch noch die Coronakrise drauf. Ich würde aber sagen, dass wir es dabei mit einer Verdichtung von krisenhaften Momenten zu tun haben, die eigentlich schon vorher die Normalität in unserer Gesellschaft waren."

Porträt von Gundula Ludwig. (Ben Mönks)Die Bremer Politologin Gundula Ludwig sieht die Gesellschaft in einer multiplen Krise. (Ben Mönks)

Martin Voss und Gundula Ludwig, beide haben die Coronapandemie aus der Perspektive ihrer Disziplinen heraus verfolgt. Voss, der an der Freien Universität die Katastrophenforschungsstelle leitet, hat mit seinem Team schon zu Beginn der Pandemie mehrere umfangreiche Forschungsprogramme aufgesetzt, die die Pandemiebewältigung in verschiedenen Ländern untersuchen. Ludwig, die am Bremer Institut für Interkulturelle und Internationale Studien zu Politischer Theorie forscht, arbeitet an einer digitalen Ausstellung über "Politiken des Lebens in Zeiten der Covid-19-Pandemie".

Beide haben gemeinsam mit Studierenden in eigens konzipierten Lehrveranstaltungen die gesellschaftlichen Bedingungen und Effekte der Pandemie analysiert. Was haben sie dabei herausgefunden? Wie sind sie vorgegangen? Und wie verändert die Pandemie die Theorie?

Das Märchen vom autonomen Individuum

Dass die Coronapandemie nicht nur ein Problem für die Virologie, sondern auch für die Sozial- und Geisteswissenschaften ist, liege schon daran, dass "Seuchen von Beginn an politisch sind", wie Gundula Ludwig betont: "Weil immer auch mitverhandelt wird, welche gesellschaftliche Ordnung eine gute, angemessene ist? Es werden gesellschaftliche Werte verhandelt, wer sind ‚wir‘ und wer sind die ‚anderen‘? Wem soll Schutz gewährt werden und wem nicht?"

In der Pandemie sieht Ludwig auch eine Herausforderung für ihre eigene Disziplin – zumindest für die "liberale politische Theorie", die großen Einfluss auf das Selbstverständnis unserer Gesellschaft habe. Denn ihre theoretischen Grundannahmen, "die Vorstellung des autonomen, souveränen Individuums, das eine abgeschlossene Einheit bildet, keine Sorgearbeit braucht, keine Abhängigkeiten kennt", gerieten durch die CoronaKrise ins Wanken. "In der gegenwärtigen Pandemie sehen wir durch die Infektionsketten derart deutlich, dass das ein Phantasma ist: dass Menschen immer in Beziehungen miteinander stehen, dass es immer ‚Netzwerke des Lebens‘ sind, die uns miteinander verbinden."

Neue alte Unsicherheit

Voss weist auf verschiedene "Katastrophenkulturen" hin, die "ganz unterschiedliche Antworten auf existentielle Herausforderungen finden und immer schon gefunden haben: Das reicht von ‚wir bauen einen Schutzdamm‘ bis hin zu ‚ich isoliere mich von meinem physischen Körper und befreie mich ins Nirwana‘." Im Vergleich dieser verschiedenen Kulturen geht es Voss nicht darum, "was richtig und was falsch ist", sondern darum, überhaupt erst einmal anzuerkennen: "Da ist ein Spektrum, das wir uns erschließen müssen".

Porträt von Martin Voss. (privat)Spricht vom Ende des Vesprechens der Berechenbarkeit: der Soziologe und Katastrophenforscher Martin Voss. (privat)

Im Westen habe im Umgang mit Bedrohungen seit Beginn der Moderne mehr und mehr ein Versprechen der Berechenbarkeit Einzug gehalten, wie es sich etwa im Begriff des Risikos ausdrücke. Demgegenüber sieht Voss in der Coronapandemie Anzeichen einer "Zeitenwende": "Mir scheint, als seien wir im 21. Jahrhundert so weit, dass uns diese Kalkulierbarkeit grundlegend abhandenkommt, also eine Unsicherheit in den Vordergrund tritt, die wir bis ins Mittelalter eben auch als Grunderfahrung hatten."

Sichtbarkeit allein reicht nicht

Einig sind sich Voss und Ludwig darin, dass die Coronapandemie wie ein "Brennglas" wirke, das bereits bestehende Missstände und Ungleichheiten verstärke. Sie mache aber auch blinde Flecken unserer Weltwahrnehmung sichtbarer – etwa die Abhängigkeiten, in denen wir uns gegenüber dem globalen Süden oder China befänden.

Ob aus dieser neuen Sichtbarkeit positive Veränderungen folgen, sei noch nicht abzusehen: Es komme darauf an, welche gesellschaftlichen Kräfte in den Debatten über mögliche Transformationen die Oberhand gewinnen, wie Voss betont. Aber auch, so Ludwig, ob wir bereit sind, auf bestimmte Privilegien zu verzichten: Denn bei den globalen Abhängigkeiten handele es sich auch um globale Herrschaftsverhältnisse, "wo der globale Norden von der Ausbeutung des globalen Südens profitiert".

Wir haben es in der Hand

Zudem sollten wir die Coronakrise nutzen, um darüber nachzudenken, "welche Vorstellungen von Individualität, Gesellschaft, Fürsorge, Solidarität es bräuchte, damit sich die multiplen Krisen nicht dauernd wiederholen", meint Ludwig. Reichlich Anregungen dafür sieht sie in queerfeministischen, postkolonialen oder ability-kritischen Perspektiven, die sich bereits seit Jahren mit solchen Fragen befassen: "Dort gibt es ein riesiges Wissensarchiv. Diese kritischen politischen Theorieansätze können jetzt auch genutzt werden, um in einer neuen Form darüber nachzudenken, wie wir miteinander leben wollen."

Auch für Voss ist die weitere Entwicklung alles andere als ausgemacht. Eins aber sei bereits klar: "Wir haben es offensichtlich in der Hand. Das sollten wir als Lehre mitnehmen: Gesellschaft ist gestaltbar und im Globalen gestaltungsbedürftiger denn je."

(chu)

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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