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Fazit | Beitrag vom 04.06.2021

Theologin zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx"Es geht nicht weiter mit den ewiggestrigen Lösungen"

Johanna Rahner im Gespräch mit Eckhard Roelcke

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor der Presse. Marx hat zuvor Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. (dpa / picture alliance / Peter Kneffel)
Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement. Marx hat zuvor Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. (dpa / picture alliance / Peter Kneffel)

Die Kirche steckt in einer Sackgasse, das zeigt das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx, sagt die Theologin Johanna Rahner. Es brauche eine Umkehr, um die strukturellen Probleme in der Kirche zu lösen. Da helfe kein einzelner Rücktritt.

"Ich halte es wirklich für einen Donnerschlag. Das sagt die Professorin für Dogmatik und Ökonomische Theologie Johanna Rahner von der Eberhard Karls Universität Tübingen zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx, Erzbischof des Bistums München und Freising. Es sei ein Zeichen, dem man durchaus Respekt zollen könne, aber es stehe nicht nur für die Person Marx, sondern vielmehr für die Situation der gesamten römisch-katholischen Kirche – sowohl in Deutschland als auch weltweit. Das sei der Verweis auf ein tiefer liegendes Problem.

Die Kirche befände sich an einem "toten Punkt" - Zitat von Marx in seinem Schreiben an Papst Franziskus. Gleichzeitig könne dieser auch zu einem "Wendepunkt" werden. 

Neue Wege statt Wände durchbrechen

Die Frage sei, wie sie nun aus dieser "Sackgasse" wieder herauskomme. "Eigentlich hilft da nur Umkehr", sagt Rahner. "Wir können ständig gegen Wände laufen", sagt Rahner, "ob das dann die Wände auflöst, das wage ich zu bezweifeln." Die Professorin plädiert für "einen grundlegenden Neuanfang".

  (picture-alliance / Ulmer ) (picture-alliance / Ulmer )Unerwarteter Paukenschlag [AUDIO]
Der Rücktritt von Kardinal Marx hebe auf grundsätzliche Fragen in der katholischen Kirche ab, sagt Thomas Bremer, Theologieprofessor an der Universität Münster. "Er hat sehr deutlich gemacht, dass er Teil eines Systems ist, das sehr deutliche Eigenschaften hat, die schädlich sind und die dazu beitragen, dass es zu diesen Fällen kommen konnte." Dagegen wolle Marx ein Zeichen setzen. "Das ist doch sehr bemerkenswert", so Bremer. Marx habe gesagt, dass er durch diesen Rücktritt nicht etwa von seiner persönlichen Verantwortung freigesprochen sei, wenn es sie gebe, sondern es gehe um die strukturelle Frage der katholischen Kirche. 

"Hier sollten wir tatsächlich ins Eingemachte gehen", sagt sie. "Es geht um Macht und Machtmissbrauch in der Kirche, um Beteiligungsgerechtigkeit, insbesondere für Frauen. Es geht um Sexualität." Außerdem gehe es auch darum, wie die katholische Kirche ihre Ämter und Sakramente strukturiere. "Es geht nicht mehr weiter mit den ewiggestrigen Lösungen."

"Gutes unterlassen haben alle Bischöfe"

Rahner sieht ein strukturelles Problem, das nicht durch die individuelle Entscheidung eines Kardinals oder Bischofs gelöst werden könne. "Gutes unterlassen haben alle Bischöfe." Wenn es also um die persönlichen Konsequenzen gehen würde, müsste jeder einzelne Bischof zurücktreten. Darum gehe es aber nicht. 

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"Wir sind eigentlich in einer Situation, wo dieses Erdbeben, das durch dieses Rücktrittsgesuch ausgelöst wurde, vor einen tiefer liegenden, plattentektonischen Verschiebung steht." Nun sei es Zeit, zu entscheiden, "wie wir in Zukunft die katholische Kirche aufstellen wollen und was wir verändern müssen", so die Theologin. Denn es sei immer wieder die Rede von den systemischen Faktoren, die Missbrauch in der Kirche begünstigten und noch nicht wirklich bearbeitet worden seien.

Der Seelsorger für den Seelsorger

Rahner glaubt, der Papst werde dem Rücktrittsgesuch stattgeben und Marx ziehen lassen. Er habe seinen Abschiedsbrief sehr persönlich verfasst. "Der Papst nimmt die persönliche Betroffenheit von Marx durchaus ernst. Da ist der Pastor der Seelsorger schlechthin."

Johanna Rahner ist seit 2014 Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie ist unter anderem Mitglied der Euopäischen Gesellschaft für Katholische Theologie, Deutsche Sektion e.V.

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