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Fazit | Beitrag vom 24.02.2019

Theologin zum Krisengipfel des Vatikans "Frauen sind in der Kirche nichts wert"

Doris Reisinger im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Papst Franziskus liest die Liturgie während des Krisentreffens im Vatikan (dpa )
Papst Franziskus hat für viele Missbrauchsopfer die Erwartungen an das Krisentreffen im Vatikan nicht erfüllt. (dpa )

Viele Missbrauchsopfer zeigen sich nach der Vatikan-Konferenz enttäuscht. Auch die Theologin Doris Reisinger war sprachlos über die Abschlussrede des Papstes, hat aber in Rom auch einen Stimmungswandel beobachtet.

Die Erwartungen an den Krisengipfel des Vatikans zum sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche waren groß. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 2013 hatte Papst Franziskus noch eine Null-Toleranz-Haltung angekündigt. Um diese Absicht umzusetzen, hätte das Kirchenrecht geändert und verschärft werden müssen, aber dieser Schritt unterblieb. Weil Opferverbände an die Öffentlichkeit gehen und Gläubige die Kirche verlassen, geriet der Vatikan unter Handlungsdruck und hatte zu einer "Kinderschutzkonferenz" nach Rom eingeladen, die am Sonntag zuende ging.

Portraitfoto der ehemaligen Ordensfrau Doris Reisinger  (imago stock&people)Die Theologin Doris Reisinger*) (imago stock&people)

Die Schlussrede des Papstes habe sie sprachlos gemacht, sagte die Theologin und Philosophin Doris Reisinger im Deutschlandfunk Kultur. Sie war selbst acht Jahre Ordensschwester und hatte – nach ihrem Austritt aus dem Orden – einen Pater wegen Vergewaltigung angezeigt. Die Ermittlungen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt, aber Reisinger hat ihre Erfahrungen in zwei Büchern ausführlich beschrieben.

Die Krise der Kirche

Papst Franziskus sei in seiner Rede nach allgemeinen Ausführungen erst sehr spät auf den Missbrauch in der Kirche eingegangen, sagte Reisinger. Sie erinnerte auch an Aussagen des Kirchenoberhauptes vor dem Gipfel, in denen er Menschen, die die Kirche immer nur anklagten, mit  dem Teufel gleichgesetzt habe. Es falle ihr schwer, solche Aussagen als "Unfall" zu werten. "Das ist für mich das endgültige Zeichen, dass dieser Papst nicht verstanden hat, in welcher Krise die Kirche steckt, was Missbrauch damit zu tun hat", sagte Reisinger. Der Papst sei offenbar nicht in der Lage, das Problem wirklich anzugehen.

Proteste von Missbrauchsopfern in Rom während des Krisengipfels im Vatikan. (dpa )Zahlreiche Missbrauchsopfer versammelten sich in Rom zu Protesten und einem parallelen Gipfel. (dpa )

Es habe aber in Rom auch erfreuliche Momente gegeben, sagte die Theologin, die an dem parallel tagenden Gipfel der Betroffenen teilnahm. "Ich habe eine solche Stimmung in Rom noch nicht erlebt", sagte Reisinger über ihre dortigen Begegnungen und Gespräche. "Dieses Selbstbewusstsein, diese Zukunftsgewandtheit, diese fast Freude, die da bei Betroffenen war, aber vor allem diese nachhaltige Entschlossenheit: Wir lassen uns nicht mehr unterkriegen, wir sind hier und wir üben Druck aus."

Neue Forderungen machen Mut

Reisinger sagte, sie habe das Gefühl, dass diese Stimmung auf einige Bischöfe übergeschwappt sei. Man habe auf dem Krisengipfel des Vatikan Äußerungen gehört, die so noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen seien. Als Beispiel nannte sie Kardinal Reinhard Marx, der die Einführung einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit forderte. "Das sind schon wirklich für kirchliche Verhältnisse weitgehende Forderungen, die aufhorchen lassen und die schon Mut machen, dass sich da etwas bewegt."

Aufarbeitung des Missbrauchs an Frauen  

Auch unter den Frauen, die Missbrauch erlebt hätten, habe sie in Rom eine Stimmung und Energie erlebt, die zeige, dass man sich vieles nicht mehr gefallen lassen wolle. Es werde Zeit, dass auch der sexuelle Missbrauch an Frauen in der Kirche aufgearbeitet werde. "Frauen sind in der Kirche nichts wert", so beschrieb Reisinger, warum das Leiden der Frauen lange übergangen worden sei. Sie würden zwar als abstrakte Figuren mystisch überhöht, sei es als Mutter oder als Mutterkirche, aber als konkrete Menschen seien Frauen in der Kirche nichts wert. "Sie haben keine Stimme, weil sie keine Ämter haben." Aber auch das scheine sich zu verändern. 

Eine US-Studie habe schon vor 20 Jahren offengelegt, dass 30 Prozent der befragten Ordensfrauen im Kloster sexuell missbraucht worden seien. "Mein Gefühl ist, da kommt nochmal eine ganz große Welle, nochmal ein ganz neuer Missbrauchsskandal auf uns zu."  

(gem)

*) Aufgrund einer gerichtlich erwirkten Unterlassungverfügung dürfen wir bestimmte Behauptungen derzeit nicht veröffentlichen. Wir haben sie gelöscht.

Doris Wagner (verheiratete Reisinger): Nicht mehr ich. Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau, Knaur Verlag 2014, 9,99 Euro 

Doris Wagner: Spiritueller Missbrauch in der Katholischen Kirche, Herder Verlag 2018, 20 Euro   

Kulturpresseschau

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