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Religionen | Beitrag vom 09.08.2020

Theologe über Jesu zentrale BotschaftDas Reich Gottes ist konkret

Claus Petersen im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Fotografie eines Kindes am Meer, im Gegenlicht der, am Horizont, untergehenden Sonne. (Getty Images / Galen Scorer )
Das Reich Gottes ist hier und jetzt erreichbar, meint Claus Petersen - wie, das könnten wir nicht zuletzt von Kindern lernen. (Getty Images / Galen Scorer )

Auch wenn es im Vaterunser heißt: Dein Reich komme – der evangelische Theologe Claus Petersen ist überzeugt, dass Jesus das Reich Gottes als Gegenwart sah. Die sei für Menschen, die sich mit wenig begnügen, leichter erreichbar.

Anne Françoise Weber: "Dein Reich komme", so beten Christinnen und Christen in ihrem wichtigsten Gebet, dem Vaterunser. Und Jesus sagt dem Lukasevangelium zufolge: "Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch." Ja, kommt es nun, dieses Reich Gottes, oder ist es schon da? Für die ökumenische Initiative "Reich Gottes – jetzt!" ist die Antwort klar. Sie wurde 2002 unter anderem von Claus Petersen gegründet. Er war lange Jahre Pfarrer in Nürnberg, ist mittlerweile im Ruhestand und hat jetzt ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt "21 Entdeckungen: Was Jesus wirklich lehrte", und diese Entdeckungen kreisen in ganz weiten Teilen um genau diesen Ort, das Reich Gottes.

Jesu Lehre neu freigelegt

Herr Petersen, die Fragestellung, wer Jesus wirklich war, woraus seine Lehre nun bestand und was danach von Paulus und anderen ergänzt oder verändert wurde, ist ja nicht neu, und die Bücher über diesen sogenannten historischen Jesus füllen ganze Regale. Warum haben Sie sich jetzt noch einmal auf die Suche nach seiner wirklichen Lehre begeben?

Claus Petersen: Ich war mit den Ergebnissen der historisch-kritischen Jesusforschung noch nicht ganz zufrieden. Ich hatte den Eindruck, dass etwas Wichtiges übersehen worden ist, dass eben mit der Jesusbotschaft vom Reich Gottes zusammenhängt. Das Reich Gottes ist der Zentralbegriff seiner Botschaft, und das Reich Gottes ist eine gegenwärtige Wirklichkeit für Jesus. Es ist das Neue, das er verkündigt hat, dass das Reich Gottes da ist, dass es uns möglich ist, am Reich Gottes teilzuhaben.

Kinder und Arme leben bereits im Reich Gottes

Weber: Und wie sieht diese Teilhabe aus?

Petersen: Wie sie aussieht, das können wir am besten den Jesusworten entnehmen, in denen er bestimmten Menschengruppen das Reich Gottes zuspricht. Er sagt, "den Armen ist das Reich Gottes". Die Armen – damit sind die Menschen gemeint, die nicht mehr besitzen, als sie wirklich brauchen, also nicht die Menschen, die im Elend leben, sondern die nicht mehr haben, als nötig ist –, diesen Menschen spricht Jesus das Reich Gottes zu, das heißt also, sie leben für ihn jetzt schon im Reich Gottes. Genauso spricht er es den Kindern zu, "ihrer ist das Reich Gottes". Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der findet nicht hinein. Das heißt also, für Jesus ist den Menschen prinzipiell das Reich Gottes zugänglich. Es ist also nicht etwas, was noch bevorsteht, was erst kommt, sondern was jetzt da ist.

Eine stimmige Weltbeziehung

Weber: Wie äußert sich das, wie weiß ich, ich bin im Reich Gottes oder ich kann daran teilhaben? Das liegt ja nicht nur daran, dass ich auf Konsum verzichte oder dass ich versuche, vielleicht unbeschwert wie ein Kind zu leben. Wie kann diese Teilhabe am Reich Gottes greifbar werden für uns heute? Darum geht es Ihnen ja in Ihrer Initiative.

Petersen: Es hat aber durchaus mit dieser Lebensweise zu tun, dass wir wieder das Kind in uns finden, dass wir Kinder beobachten und an ihnen lernen oder wieder wahrnehmen, wie sie mit ihrer Mitwelt verbunden sind – dass sie nicht der Mitwelt gegenüberstehen, sie beurteilen, bewerten, beschreiben, sondern mit ihr kooperieren.

Ein älterer Herr mit Brille steht auf einem Balkon und schaut milde lächelnd in die Kamera - hinter ihm sind der Himmel und ein Spielplatz zu erkennen. (privat)Der evangelische Theologe Claus Petersen. (privat)

Dasselbe gilt für die Menschen, die nicht mehr haben, als sie brauchen. Sie entnehmen ihrer Welt, ihrer Mitwelt genau das, was für sie nötig ist, aber nicht mehr, das heißt, der Weltkontakt, ihre Weltbeziehung ist stimmig. Das ist das Entscheidende, um am Reich Gottes teilzuhaben, dass wir der Welt nicht gegenüberstehen, die gebrauchen oder missbrauchen, ausnützen, sondern dass wir als ein Teil von ihr leben.

Wenn das der Fall ist, dann wird uns diese Seligkeit der Weltverbundenheit, dieses Existieren im Reich Gottes klar, dann erleben wir sie. Jesus sagt: "Selig sind die Armen, weil ihnen das Reich Gottes gehört". Das spürt man dann, dass das Leben jetzt plötzlich richtig ist, gut ist, so wie es im Zusammenhang mit der Welt sich jetzt gestaltet und gestaltet wird von uns.

Aussteigen ist möglich

Weber: Da sagen Sie anders als der Philosoph Theodor W. Adorno, es gibt also ein richtiges Leben im falschen. Da frage ich mich aber doch: Wir sind hier in einer kapitalistischen Gesellschaft, diese Weltverbundenheit wird ja eigentlich schon dadurch aufgelöst, dass wir komplett entfremdet sind von den Produktionsbedingungen unserer Nahrung, dass wir eben jetzt nicht alle als Selbstversorger aus unserem kleinen Gärtchen leben, dass wir Dinge konsumieren, die sonst wo unter was weiß ich für Bedingungen hergestellt werden – das kann doch keine Weltverbundenheit sein. Selbst wenn man es will und danach strebt, ist es doch eigentlich gar nicht möglich, oder?

Petersen: Ja, das ist eben die Frage, die ich mit Ja beantworte. Es war auch zur Zeit Jesu keine heile Welt, es war eine Welt voller Ungerechtigkeit, Gewalt, Unterdrückung, und Jesus hat trotzdem gesagt, wir Menschen sind diesem Reich der Dämonen, wie ich jetzt einmal sagen will, nicht ausgeliefert. Wir sind ihr nicht bedingungslos unterworfen, sondern wir können aus diesem Reich der Dämonen aussteigen oder aus ihm befreit werden und dann tatsächlich eine andere Lebensweise führen. Wir können unsere Besitzverhältnisse durchaus ändern.

Leben ohne Überfluss

Wir können, wenn wir merken, wie wichtig es für unser Glück ist, für unsere Seligkeit, allen Überfluss, auch den Reichtum sein zu lassen, dann können wir diese Lebensweise der Verbundenheit ja sofort beginnen. Wenn man diesen Schatz des Reiches Gottes findet, dann wird man wie derjenige, der diesen Schatz gefunden hat, ihn entdeckt hat, einfach den Besitz drangeben, weil sich eine andere Lebensweise aus dieser Entdeckung selbstverständlich ergibt.

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Wir können auch unsere Konsumgewohnheiten auf das Reich Gottes abstimmen. Dadurch ist die Welt noch nicht gerecht und gut, aber wir zeigen dadurch, dass wir diesem Falschen nicht mehr angehören, auch wenn wir sicherlich hier und da nicht allem ausweichen können, aber wir wollen und werden uns dem nicht mehr beugen und unterwerfen.

Reich Gottes für alle erreichbar

Es beginnt tatsächlich mit der Entdeckung des Reiches Gottes eine neue Zeit, ein ganz neues Leben, und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern für uns alle. Jesus war der Meinung, dass alle Menschen hier auf dieser Erde in der Lage sind, diese Seligkeit des Reiches Gottes zu finden. Wenn sie sie entdecken, wenn sie spüren, wie wichtig die Beziehung zu ihrer Mitwelt ist und dass sie nur im Zusammenhang mit ihrer Mitwelt richtig leben können, dann werden wir das tun.

Weber: Für Sie ist das die zentrale Lehre, und gleichzeitig kommt zwar das Reich Gottes hier und da vor in der, sagen wir jetzt mal, geläufigen Lehre der Kirche, aber es ist kein zentraler Begriff. Wie erklären Sie sich das, dass das so untergegangen ist?

Petersen: Ja, weil man die Gegenwart des Reiches Gottes, die Jesus verkündigt hat, einfach nicht verstehen konnte. Es ist auch für uns heute sehr schwierig. Wenn wir das Reich Gottes beschreiben wollen, dann würden wir sagen müssen, das Reich Gottes ist die heile Welt, die wir aber nicht haben, also kann das Reich Gottes noch gar nicht da sein. Das ist dieses objektivierende Denken, das uns vollkommen in Beschlag gelegt hat.

Jesusworte wurden verfremdet

Jesus möchte, dass wir die Welt nicht als einen Gegenstand, als ein Objekt vor uns haben, sondern dass wir wieder spüren, dass wir nur in Verbundenheit richtig existieren. Deswegen, kann schon diese Vaterunser-Bitte, die Sie angesprochen haben, nicht von Jesus stammen. Jesus hat ja gerade die Gegenwart des Reiches Gottes angesagt, und jetzt sieht es wieder so aus, als ob das Reich Gottes eine zukünftige Größe ist.

Wenn wir darunter die heile Welt verstehen, dann gibt es auch keine andere Antwort, dann kann sie entweder einmal von Gott uns hier geschenkt werden, oder wir müssen sie halt mit aller Kraft aufbauen, was uns ja wahrscheinlich nie gelingen wird, oder wir müssen das Reich Gottes ins Jenseits verlegen. Aber dass es hier und jetzt möglich ist, am Reich Gottes teilzuhaben, das ist vollkommen untergegangen, schon zur Zeit der Bibel.

Das habe ich ja in meinem Buch zeigen können, dass die Jesusworte praktisch alle schon im Neuen Testament überarbeitet, verfremdet worden sind, sodass diese ursprüngliche Botschaft, auf die Jesus alles ankam, zugedeckt worden ist und auch im Glaubensbekenntnis nicht vorkommt und im Vaterunser eben in einer völlig nichtjesuanischen Akzentuierung.

Die Schrift steht über der Kirchentradition

Weber: Wie nahe können Sie damit aber noch an der Amtskirche sein, also auch an der evangelischen Kirche, deren Pfarrer Sie ja sehr lange waren? Das sind ja ganz zentrale Texte, von denen Sie jetzt sagen, die haben nichts oder sehr wenig mit Jesu Lehre zu tun, die ist für Sie zentral. Wie passt das zusammen?

Petersen: Erst mal stelle ich fest, dass für Jesus dieser Gedanke, dass das Reich Gottes Gegenwart ist - dass das Gastmahl, das Festmahl bereitsteht, dass wir dazu eingeladen sind - dass das im Zentrum steht. Und das können wir doch nicht einfach abtun, nachdem es uns jetzt durch die historisch-kritische Bibelexegese möglich geworden ist sozusagen, hinter den Text des Neuen Testaments zurückzufragen und diese Jesusworte zu erschließen, so wie ich es in meinem Buch getan habe. In der evangelischen Kirche steht die Schrift, das Wort der Bibel letztlich über dem Bekenntnis, also über der Tradition der Kirche.

Jesu Botschaft statt Paulus‘ Theologie

Weber: Aber die Schrift lautet trotzdem anders als das, was Sie daraus lesen. Also Sie reduzieren die Schrift ja noch mal auf etwas, was Sie als wahre Lehre herausdestillieren – aber das ist ja nicht die Schrift, die Sola scriptura, auf die sich Martin Luther oder andere beziehen.

Petersen: Ja, aber es ist doch ein Teil dieser Schrift, und ich denke: Ist das nicht der wichtigste Teil der Schrift, die Botschaft Jesu von Nazareth, mit der doch einmal alles begonnen hat? Wir können doch nicht die Verfremdungen zur Grundlage machen oder gar die Theologie des Paulus, der sich überhaupt nicht mehr auf die Jesusbotschaft bezieht. Das können wir meines Erachtens nicht mehr machen, wenn es uns jetzt gelungen ist – viele bestreiten es, dass das möglich ist, ich glaube, es ist uns noch möglich –, aus den synoptischen Evangelien, also aus den ersten drei Evangelien die Botschaft Jesu herauszudestillieren.

Tischgemeinschaft statt Abendmahl

Weber: Das heißt für Sie ganz konkret aber auch, Sie können eigentlich nicht das Abendmahl im traditionell-kirchlichen Sinne feiern, sondern Sie halten es mit der Tischgemeinschaft. Erklären Sie uns da doch mal den Unterschied.

Petersen: Das Abendmahl, das in den Kirchen gefeiert wird, deutet ja im christlichen Glauben zentral auf das Sühnegeschehen, also auf die Deutung der Hinrichtung Jesu am Kreuz als ein Heilsgeschehen, als ein letztlich im Willen Gottes entsprechendes Opfer, das Jesus gebracht habe, um uns von der Sündenschuld zu erlösen.

Das hat mit der Botschaft Jesu überhaupt nichts zu tun, es ist ein ganz anderes Thema, das Paulus angeschlagen hat und das sich in der Kirche schon sehr früh durchgesetzt hat. Aber es gibt eben die Spuren des jesuanischen Evangeliums, und da müsste man das Abendmahl, die Mahlfeier, die Tischgemeinschaft auf die Praxis Jesu beziehen, wie sie uns zum Beispiel in dem Ereignis vom großen Festmahl vorliegt – die Tischgemeinschaft als ein Zeichen unserer Verbundenheit mit all unseren Mitmenschen, die alle unsere Schwestern und Brüder sind und die alle an diesem Tisch einen Platz haben. Wenn auch leider nicht alle bereit sind oder in der Lage sind im Augenblick, diese Einladung anzunehmen, weil die Entfremdungen ihres Lebens so stark sind, dass sie einfach keine Möglichkeit sehen, diejenigen, die eben durch ihren Reichtum oder durch familiäre Bindungen, die sie von allem anderen fernhalten, im Wege sind.

Eigentlich eine einfache Botschaft

Weber: Wenn wir ganz zum Schluss auf die hohen Kirchenaustrittszahlen schauen, die jetzt gerade noch mal bekannt wurden, glauben Sie denn, dass die Lehre, auf die Sie hinweisen, diese Lehre vom Reich Gottes die Menschen eher dazu bringen würde, in dieser Kirche zu bleiben? Oder ist das nicht etwas so Anspruchsvolles – Sie sagen ja gerade selbst, es ist nicht allen möglich, diesen Weg zu gehen –, dass das im Grunde noch mehr nur eine kleine Herde sein kann, die sich dem öffnen kann?

Petersen: Ich glaube tatsächlich, dass es darauf ankäme, dass die Kirche in die Lage kommt, sich dieser Jesusbotschaft endlich nach 2000 Jahren zu öffnen, und durch die Methoden der Bibelwissenschaft, die letztlich auf die Reformation zurückgehen, ist es uns aber möglich, diese Botschaft Jesu wieder wahrzunehmen. Sie ist eigentlich gar nicht kompliziert.

Letztlich sagt Jesus das, was wir im Grunde genommen alle wissen, es ist bloß durch die Entfremdungen, denen wir ausgeliefert sind oder uns haben ausliefern lassen, einfach verloren gegangen. Aber wenn Sie sich die Jesusworte anschauen, dann kann man eigentlich bei jeder Geschichte, bei jedem Wort eigentlich nur zustimmen und sagen: Ja, so ist es eigentlich, warum machen wir es nicht, fangen wir doch endlich damit an.

Das ist die Botschaft, auf die meines Erachtens die Welt heute wartet, und es wäre so schön, wenn die Kirche ihr wieder Ausdruck verleihen könnte – oder überhaupt Ausdruck verleihen könnte, was sie bisher gar nicht getan hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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