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Religionen | Beitrag vom 09.02.2020

Theologe Joachim Negel über FreundschaftEchte Seelenfreunde sind selten

Joachim Negel im Gespräch mit Christopher Ricke

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Illustration überlappender mehrfarbiger ausgestreckter Hände. (imago images / Ikon Images)
Freundschaft, ein Lebensschatz: In vielen Religionen findet Joachim Negel Zeugnisse für das elementare Bedürfnis, mit anderen verbunden zu sein. (imago images / Ikon Images)

Vertrauen, Hingabe, Erotik - was verstehen wir unter Freundschaft? Der Theologe Joachim Negel hat ein Buch über die Vielfalt dieser Lebensform geschrieben und ist sicher: Der Wunsch nach Verbundenheit gehört zur menschlichen Natur.

Christopher Ricke: Wenn man sich eine Liste schreibt, was wirklich wichtig ist, dürfte in vielen Fällen "eine gute Freundschaft" mit auf dem Zettel stehen. Wir beschäftigen uns jetzt mit Freundschaft, und ich spreche mit Joachim Negel, er ist Fundamentaltheologe und Autor des gerade erschienenen Buchs "Freundschaft – Von der Vielfalt und Tiefe einer Lebensform". Herr Negel, in einem Lied der Comedian Harmonists heißt es: "Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn die ganze Welt zusammenfällt." Und doch kann es passieren, dass Freundschaft endet. Schlimm, oder?

Joachim Negel: Natürlich weiß jeder, dass es Freundschaften gibt, die nicht halten, dass Freundschaften kaputtgehen können, dass man mit Menschen, mit denen man einmal sehr, sehr vertraut war, in eine Entfremdung hineingeraten kann, dass das, was man sich erträumte, womöglich einen Lebensbund, zerbricht. Natürlich. Vermutlich ist der Schmerz, den gerade das uns zufügt, Zeichen dafür, wie emotional und wie sehnsuchtsbehaftet Freundschaften sind.

Aristoteles hatte nur wenige Freunde

Ricke: Wenn ich mich selbstkritisch frage, stelle ich fest, die Zahl echter Freunde, die ist im niedrigen einstelligen Bereich. Das war zu Schul- und zu Studienzeiten noch anders. Wie unterscheidet sich denn Freundschaft aufs Leben gesehen in Jugend und Alter?

Negel: Dass man immer nur mit wenigen Leuten, mit wenigen Freunden wirklich intensiv befreundet sein kann, das wussten schon die Alten. Den Satz finden Sie schon bei Aristoteles. Freundschaft im echten Sinne des Wortes, die sogenannte filia honesti, also die Freundschaft unter edlen Menschen, die sich gegenseitig in die Seele blicken lassen, im echten tiefen Sinn des Wortes, das ist immer nur mit wenigen möglich. Daneben gibt es andere, es gibt den Sportskameraden, den Vereinskameraden, es gibt Geschäftsfreundschaften. Das sind ja alles völlig legitime Arten menschlicher Beziehungen, aber der wirklich intime Freund oder die intime Freundin, davon hat man ein, zwei oder drei, mehr nicht.

Ricke: Die Freundschaft definiert man so, die Liebe definiert man anders oder definiert man es doch gleich?

Negel: Man definiert es gleich und anders zugleich, wenn ich so sagen darf. Vielleicht gehen wir ganz kurz vom Sprachbefund aus. Die Griechen unterscheiden zwischen Eros, Filia und Agape. Eros, das Wort klingt ja auch im Deutschen nach, ist die erotische Liebe. Filia ist die Freundesliebe. Agape - ja, was ist Agape? Agape ist die wohltuende, freundliche, sich zurücknehmende, milde Liebe, vielleicht vergleichbar ein wenig mit der Liebe, die Eltern zu ihrem Neugeborenen haben, dem sie vor allem eins wollen, nämlich gut sein und sich selber da in ihrem Bedürfnissen zurücknehmen. Weil sie merken, der andere, das Kind in diesem Falle, braucht unsere Fürsorge, und wenn ich dann zurücktrete, ist das völlig legitim, weil das Kind jetzt groß und stark werden muss und daher unserer Zeit und Hingabe bedarf. Es ist vor allem das Wohl des anderen, das man da im Blick hat.

Trotzdem sind diese drei Dimensionen, wenn man älter wird, nicht voneinander zu trennen. Auch einen Menschen, den ich liebe, weil er in einem intensiven seelischen Sinne ein intimer Freund ist - ein Intimus, wie man im Deutschen auch sagt -, ist einer, den ich im echten Sinne des Wortes liebe. Da mögen auch erotische Momente dabei sein, wobei das Erotische überhaupt nicht zu reduzieren ist auf das Sexuelle, sondern ein echter Eros ist eine Anziehungskraft. Ich fühle mich zu jemandem hingezogen. Genau das scheint mir das Spezifische von Freundschaft im echten Sinne des Wortes auszumachen. Sie ist ein Mittelmedium zwischen Eros und Agape oder im Lateinischen zwischen Amor und Caritas.

Krumme Geschäfte unter Amigos

Ricke: Manchmal hat die Freundschaft, hat der Begriff Freundschaft ja auch einen bitteren Beigeschmack. Wenn sich zum Beispiel ein Paar trennt und man sich dann gegenseitig versichert, wir wollen Freunde bleiben. Was klingt da mit?

Negel: Genau. Na ja, das ist, wie soll ich formulieren: "Aber wir bleiben doch Freunde". Wer anfängt, eine Liebesbeziehung so ausgleiten zu lassen, hat eigentlich signalisiert, es ist vorbei. Das Wort Freundschaft hat sowieso eine große schillernde Bedeutungsvielfalt. Also im Lateinischen "amicus". Wir kenne auch die sogenannten Amigos. Amigos sind Leute, mit denen man Geschäfte macht und nicht selten krumme Geschäfte. Der eine weiß vom anderen genauso viel wie der andere vom einen. Von daher ist man voneinander abhängig, und so schummelt man sich durch das Leben durch. Solche Amigos haben natürlich nichts gemein mit der "amicitia honestorum", der tiefen Seelenfreundschaft, von der Aristoteles oder Cicero oder Platon oder Augustinus oder Thomas von Aquin oder Montaigne oder Hannah Arendt, und wie sie sonst alle noch heißen mögen, sprechen.

Ricke: Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch, das über 500 Seiten dick ist, mit dem Alten und dem Neuen Testament, mit Platon, mit Augustinus, es taucht sogar die islamische Mystik auf. Gibt es denn bei diesen verschiedenen Blicken auf die Freundschaft auch Bruchlinien? Gibt es Punkte, wo man sagt, die einen haben Freundschaft ganz anders definiert als die anderen?

Porträt des Theologen Joachim Negel. (privat)Von einer guten Macht getragen: Joachim Negel erkundet die Facetten der Freundschaft. (privat)

Negel: Das ist merkwürdig, eigentlich nicht. Also scheinen wir es hier tatsächlich mit so etwas wie mit einem kulturellen Grundphänomen zu tun zu haben, dass Freundschaft elementar mit Vertrauen zu tun hat, mit Interesse an gemeinsamen Themen, mit Hilfsbereitschaft, mit Zuneigung, mit Freude am anderen. Das scheint so etwas wie ein menschliches Urphänomen zu sein. Wenn man mal genau hinschaut, die Texte, die das Alte Testament, die das Neue Testament oder auch mystische Texte, Texte der muslimischen, der islamischen Sufi, miteinander vergleicht, aber auch Texte, wie sie sich bei Montaigne oder bei Hannah Arendt finden. Es ist doch merkwürdig, wie nah uns diese Phänomene sind.

Also, der unendliche Schmerz, den der biblische David über den Tod seines Freundes Jonathan empfindet, den können wir unmittelbar nachempfinden, genauso wie wir den Zorn von Wolf Biermann über den Verrat seiner Freunde nachempfinden können. Es scheint so zu sein, dass durch die Jahrhunderte hindurch vielleicht doch so etwas wie eine sich durchhaltende menschliche Natur existiert, die hochgradig liebesaffin und freundschaftsbedürftig ist.

Jesus schließt die Jünger in seinen Bund mit dem Vater ein

Ricke: Wir sprechen ja gerade in einer Sendung, die sich mit Religionen beschäftigt, und die große christliche Freundschaftserzählung ist die Jesu und seiner Jünger. Ist da alles drin, was Freundschaft bedeutet?

Negel: Ob alles drin ist, wage ich zu bezweifeln, denn kein einziges Buch schöpft vollständig das Leben des Menschen aus, und auch das Neue Testament ist natürlich ein Buch, das in einer sehr spezifischen, auch kulturell bedingten Zeit entstanden ist, aber es werden dort unter bestimmten perspektivischen Brechungen eben doch Grundphänomene des Lebens beschrieben. Also, ich nenne euch nicht mehr Knechte, sagt der Herr, ich nenne euch Freunde, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater erfahren habe.

Dieser berühmte Satz aus dem Johannes-Evangelium, da wird deutlich: Jesus lässt seine Freunde Anteil haben an dem ihm Intimsten. Das ist seine Gottesbeziehung. Das, was Jesus an im Grunde nicht mehr artikulierbarer, intimer Nähe zu seinem Gott und Vater im Gebet erfährt, das teilt er seinen Freunden mit und lässt sie daran Anteil haben. Gerade dadurch wird deutlich, wie nahe er seinen Freunden ist und wie sehr er sie in den Rang der Gleichheit erhebt, und zugleich wird er doch noch einmal in seinem Herrsein unterstrichen.

Also, Identität und Differenz, genau dieses merkwürdige Phänomen findet man im Neuen Testament in den Freundschaftsbeziehungen Jesu immer wieder aufs Neue unterstrichen. Dann haben Sie den drastischsten Fall natürlich, dass der, der sich als der größte Freund Jesu bezeichnete, nämlich Petrus, derjenige ist, der die Klappe ganz weit aufmacht, aber in dem Moment, wo es Spitz auf Knopf ist, von einer Magd sich dumm machen lässt: Du gehörst doch auch zu denen da, und er sagt: Nein, auf keinen Fall. Das heißt, die ganze Frage von Feigheit, von Freundschaftsverrat bis hin zu Judas Ischariot: Freund, dazu bist du gekommen? fragt Jesus ihn. Diese ganzen Abgründe und die ganzen jubelnden Hoheiten von Freundschaftserleben sind im Neuen Testament beieinander. Von daher sagt dieses Buch sehr, sehr viel über das, was Freundschaft ist.

Religion und Eros sind eins

Ricke: Was mich in Ihrem Buch etwas überrascht hat, ist das Kapitel "Eros als Quell der Gottesbegegnung, die Ekstase der Heiligen Theresa". Da habe ich ein bisschen gestutzt und frage jetzt, wie stark sind denn Religion und Eros, ich sage mal: befreundet?

Negel: Sie sind nicht nur befreundet, sie sind, ich glaube, in ihrem tiefsten Grund sogar eins. Also, was lockt mich eigentlich, darauf zu setzen, dass in meinem Liebesbegehren und Freundschaftsbegehren etwas aufleuchtet, was noch einmal von mehr spricht als nur meinem Begehren? Denn das ist ja das Merkwürdige des Begehrens, dass ich eigentlich mit ihm nie zu einem Ende komme.

Ich will es mal an einer wunderbaren kleinen Liedstrophe von Paul Gerhardt deutlich machen. Das Lied ist bekannt: "Ich stehe an deiner Krippe hier", ein Weihnachtslied. In der dritten Strophe heißt es: "Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen, und weil ich nun nichts weiter kann, bleibe ich anbetend stehen. Ach, dass mein Sinn ein Abgrund wäre und meine Seele ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen."

Also, man schaut den Geliebten an, den Freund, und kommt an kein Ende, weil ein echtes Liebeserleben so etwas wie In-eins-Fall von Hunger und Sättigung ist. Das ist eine wunderbare Definition dessen, was das Paradies sei. Diese Definition stammt von keinem Geringeren als dem Heiligen Augustinus.

Getragen von der Macht Gottes

Ricke: Freundschaft ist also auch Resonanz, spirituelle Erfahrung, kann Hingabe zu Gott bedeuten oder durch sie ausgelöst werden. Also wenn Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel in der Gestapohaft schreibt, "von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar", oder wenn Margot Käßmann vor fast genau zehn Jahren ihre Rücktrittserklärung mit den Worten beendet: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand", haben wir dann da den Kern einer Gottesfreundschaft?

Negel: Ja, ich glaube schon. Also, vielleicht kann man es mal so formulieren: Wer an Gott glaubt oder wer darauf vertraut, dass es Gott gibt, vertraut darauf, dass der Grund der Welt nicht ein eisiges Schweigen ist, sondern eine Anrede, dass also bei all dem, was an Merkwürdigkeiten, Absurditäten, Zufälligkeiten und so weiter mir widerfährt, ich im Letzten doch getragen und gehalten bin von einer Kraft, von einer Liebe, die dann auch personal in irgendeiner Weise konnotiert wird, die mich kennt und will und meint und die mich nicht fallen lässt.

Also, dieser Satz von Margot Käßmann ist natürlich ein ganz wunderbarer Satz, und was bei Bonhoeffer im Lied "von guten Mächten treu und still umgeben" artikuliert, ist ein seltenes Zeugnis von einem tiefen Getragensein, von einer Macht, gegen die alle Mächte dieser Welt wehrlos sind, weil sie Gott ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Joachim Negel: Freundschaft. Von der Vielfalt und Tiefe einer Lebensform
Herder, München 2020
536 Seiten, 45 Euro

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