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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.10.2014

Theaterstück "Vorhaut"Derber Griff zwischen die Beine

Beschneidungsdebatte hat türkischstämmige Theatermacher zu einer Komödie inspiriert

Von Igal Avidan

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Von links: Miraz Bezar, Tuncay Kulaoğlu, Eray Eğilmez, Necat Öziri (Deutschlandradio / Igal Avidan)
Von links: Miraz Bezar, Tuncay Kulaoğlu, Eray Eğilmez, Necat Öziri (Deutschlandradio / Igal Avidan)

Sie alle haben unterm Messer gelegen, um zum Mann zu werden. Eine Gruppe türkischstämmiger Theatermacher tauschte sich über ihre Erfahrungen mit der Beschneidung aus. Das Ergebnis ist ein politisch unkorrektes Theaterstück, das in Berlin uraufgeführt wird.

Ein Abend im Café des Theaters Ballhaus Naunynstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg im Herbst 2010: Die Vorstellung ist gerade zu Ende im Theater, das auf "postmigrantische Kulturproduktionen" spezialisiert ist, wie es so schön heißt. Eine Handvoll Theatermacher kommen ins Plaudern. Irgendwie rutschen sie langsam in ein Thema, das sehr privat ist und zugleich auf ein antikes religiöses Ritual zurückgeht. Bei allen Theatermachern berührt es einen gemeinsamen Nenner: die Beschneidung. Niemand ahnt damals, dass sie aus dem aufgeregten Gespräch später mal ein Theaterstück machen.

Der aus Bremen stammende Regisseur Mıraz Bezar, Sohn türkischer Einwanderer, erinnert sich an den Abend. 

"Faktisch können über die Beschneidung... keine deutschen christlich sozialisierten Menschen erzählen, sondern die Beschneidung hat sehr viel in unserem Fall mit der Türkei zu tun und mit der Tradition zu tun. Und Fakt ist, dass wir nicht darüber jeden Tag sprechen."

Auch der Schauspieler Eray Eğilmez war an jenem Gespräch beteiligt. Er wuchs in der Türkei auf, wo er mit elf Jahren beschnitten wurde:

Eray Eğilmez: "Ich war bei vollem Bewusstsein, es war meinem Opa auch sehr wichtig, dass ich bei vollem Bewusstsein bin, weil es für... ein Ritual ist, wo man alles wahrnehmen soll.... Und da gab's halt ein großes Fest und es war ein ganz normaler Tisch... Das war so ein großer Festsaal und da waren Gäste geladen und ich legte mich auf diesen Tisch und wurde dann vor den Augen der Gäste, die Lust hatten, das sich anzuschauen, beschnitten."

Eray Eğilmez lag im Bett mit Schmerzen während die Gäste um ihn herum tanzten und jubelten.

Der türkischstämmige Autor des Stückes Necati Öziri wuchs in Recklinghausen auf. Als 10-Jähriger wollte er unbedingt beschnitten werden:

Necati Öziri: "Bei mir war es damals so, dass ich mitbekommen habe, wie alle meine Freunde so nach und nach beschnitten wurden und meine Mutter hat sich darum überhaupt nicht gekümmert ... Es war dann so, dass ich irgendwann gedrängt habe: ‚Hei, alle anderen waren cool, alle anderen waren schon Männer und die türkischen Papas haben ihnen auf die Schultern geklopft. Ich hatte irgendwann das Gefühl: Ich will auch endlich!"

An seine "sehr saubere Beschneidung", wie er sagt, hat Necati Öziri gar keine Erinnerungen:

"Wir sind ins Krankenhaus gefahren, dann habe ich eine Vollnarkose bekommen, dann bin ich aufgewacht und habe festgestellt: Jetzt bin ich ein Mann."

Debatte durch Islamophobie getrieben

Bei Juden erfolgt die Beschneidung von Jungs am achten Tag nach der Geburt - als sichtbares Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel. Muslime hingegen lassen ihre Söhne in der Regel bis zum Alter von 14 Jahren beschneiden. Die Beschneidung gilt als einer der bedeutendsten Bräuche im Islam, obwohl sie im Koran nicht explizit erwähnt wird. Sie lässt sich lediglich aus der Anweisung ableiten, der Religion Abrahams zu folgen.

2010 führte ein Kölner Arzt die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Kindes auf Wunsch von dessen Eltern durch, ohne dass für die Operation eine medizinische Indikation vorlag. Zwei Tage später wurde das Kind von seiner Mutter ins Krankenhaus gebracht, um Nachblutungen behandeln zu lassen. Der Arzt wurde wegen Körperverletzung angeklagt und in erster Instanz freigesprochen. In zweiter Instanz sprach ihn das Landgericht Köln 2012 schuldig und stufte die rituelle Beschneidung als Körperverletzung ein.

Das Urteil löste eine Debatte über Legitimität und Legalität der rituellen Beschneidung Minderjähriger aus.

Für den leitenden Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu war diese durch Islamophobie getrieben:

Tunçay Kulaoğlu: "Und dann kommt irgendein Gericht, fällt irgendein Urteil und schon redet man über 'die Anderen'. Ob das jetzt in der Kopftuch-Geschichte... ist oder 'Ehrenmord' oder Pisa-Studie - es ist jedes Mal nach diesem Schema: Wir hier, ihr da."

Den Kritikern ging es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um eine generelle Abrechnung mit dem angeblich rückständigen Islam, sagt Regisseur Mıraz Bezar:

"Dass wir daraus eine Komödie gemacht haben kommt nicht von ungefähr. Dass diskutiert wird, aber nicht mit uns, sondern über uns und über uns hinweg."

Niemand in der Runde sagt das explizit, aber der Eindruck wird vermittelt, dass die deutsche Öffentlichkeit generell mehr Rücksicht auf die Juden im Lande nimmt als auf die Muslime.

Regisseur Mıraz Bezar: "Als dann die jüdische Gemeinde diese Thematik anbetrifft den Finger erhoben hat und gefragt: 'Was ist mit uns?' Da fing erst einmal der Rückschritt der deutschen Gesellschaft an, die sagte, 'ok, scheiße, wir können nicht so einfach über die muslimische Gesellschaft reden, weil dann fühlt sich ja auch zurecht die jüdische Gemeinde auf den Schlips getreten', sagt man?"

Christen in der Minderheit

Die türkischstämmigen Theatermacher sind sich da weitgehend einig: Das vorübergehende Verbot der Beschneidung durch ein Kölner Gericht wurde erst dann ein Thema der Politik, als klar wurde, dass dies nicht nur Muslime, sondern auch Juden essentiell betreffen würde. Aus diesem konfliktreichen Stoff entstand eine Komödie.

Auf der Bühne tritt eine ungewöhnliche Patchwork-Großfamilie auf, die dem Motto folgt: Neukölln ist überall. Ausgerechnet am Silvesterabend liefert Clan-Führerin Elif ihre hochschwangere Tochter ins Krankenhaus ein und plant bereits die Beschneidung ihres Enkelsohnes, der gleich zur Welt kommen soll. Aber Elifs drei leibliche und verschwägerte Söhne Abraham, Christian und Mohammed wollen da vorher noch ein Wörtchen mitreden.

Necati Öziri: "Und dann wird angefangen, darüber zu sprechen: Ist das jetzt richtig? Soll das Kind eigentlich beschnitten werden und wenn ja, wann? Und alle haben, weil es eine Patchwork-Family ist, eine Position dazu. Das ganze eskaliert also."

Genauso wie im realen Leben einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, die neue Regeln für sich finden muss. Nur dass in dieser ideal-verrückten Welt die Christen in der Minderheit sind.

Necati Öziri: "Ob es das Ideal ist, weiß ich nicht, aber schauen wir mal, was mit dem männlichen Glied so passiert, wenn Deutschland sich irgendwann abgeschafft hat."

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 07.10.2014)

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