Montag, 21.09.2020
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.11.2014

Theaterstück über RassismusSo radikal wie du und ich

Uraufführung von "Furcht und Ekel" am Staatstheater Stuttgart

Von Elske Brault

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Die Fenster der Redaktionsräume der Lausitzer Rundschau in Spremberg sind am 5. September 2014 mit Nazi-Parolen, Davidstern und Hakenkreuzen beschmiert. Bereits 2012 wurde die Lokalredaktion mit Tierblut und Innereien besudelt. (picture alliance / dpa)
Autor Dirk Laucke verfolgt die Meldungen von rechtsradikalen Taten, wie etwa am Gebäude der Lausitzer Rundschau in Spremberg, und ergänzt eigene Beobachtungen. (picture alliance / dpa)

Verlustängste und Fremdenfeindlichkeit stehen im Mittelpunkt von "Furcht und Ekel", einem Auftragswerk des Stuttgarter Schauspiels. Der Autor Dirk Laucke drückt in eindringlichen Szenen die Kontinuität des rechtsradikalen Denkens in Deutschland aus.

"Es ist natürlich klar, dass die Namen Kroetz und noch mehr Brecht gewaltige Hausadressen sind, bei denen ich mich zwar sehr wohl fühle, aber mir selber ein Haus zwischen die beiden zu bauen – das kommt mir schon ein bisschen gewagt, um nicht zu sagen anmaßend, vor. Wie wäre es mit einer Parklücke davor?"

So schreibt der Autor Dirk Laucke an seine Dramaturgin, als er die Arbeit an dem Auftragswerk des Schauspiel Stuttgart aufnimmt. Tatsächlich führt sein Text die Bestandsaufnahme deutscher Verhältnisse in der Tradition von Brecht und Kroetz fort, jedoch ohne deren Alleinvertretungsanspruch auf Durchblick und Erklärung. Laucke ist ein Kind der überfütterten Internet-Generation: Er nutzt die Lücken in Zeitungsberichten, zwischen NSU-Prozess und Nazi-Demo in der Uckermark, und füllt sie mit eigenen Beobachtungen.

Schwelender Ehekrieg

Im Wesentlichen sind es drei Erzählstränge: Meret wirft im schwelenden Ehekrieg ihrem weichlichen Mann Karl vor, einen abgeschobenen Afrikaner an die Polizei verraten zu haben, die Tochter der beiden ist in die Neonazi-Szene abgerutscht und womöglich für den Tod eines Menschen verantwortlich. Ganz sicher Mitglied der Neonazi-Szene ist der zart besaitete Danny: Er würde gerne aussteigen und stellt die Rohheit seiner Kumpel infrage, doch gerade diese Zweifel schlagen um in gesteigerte Aggressivität. Dannys Verletztheit sorgt dafür, dass die Folter eines als "Kinderficker" verdächtigten sich steigert bis zum Totschlag.

Den Umgang mit Angst und Aggression, mit Furcht und Ekel in der gehobenen Kulturszene spiegelt die Erzählung über Tomas in Tschechien: Er wird erst auf eine Sonderschule, dann in ein abgelegenes Neubauviertel verbannt, weil er aus einer Roma-Familie stammt. Da Regisseur Jan Gehler diese Szenen als Radiofeature interpretiert, schwingt deutlich mit, dass selbst „anständige" Medien wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk womöglich lieber auf Rassismus im Nachbarland blicken, statt in der eigenen Redaktion zu kehren.

Einer redet vom "Judenpack" und keiner widerspricht

Die drei Erzählebenen – mittelständische Ehe, jugendliche Proll-Szene und gehobenes Intellektuellen-Milieu – grenzt Dirk Laucke sprachlich deutlich gegeneinander ab: Danny und seine Kumpels nennen Frauen "Fotzen" oder "Mülfs" (vom Amerikanischen "Milf – Mother I like to fuck"), Kinder sind "Wänste", und bei Gefühlsaufwallungen gibt es nur ein Gegenmittel: Sich das nächste Bier reinzuschütten. Dieser Geschichtenteppich ist durchsetzt mit Mini-Szenen aus dem deutschen Alltag: Ein Mann sagt in der U-Bahn zu spielenden Kindern "Türkenpack, ab nach Auschwitz", ohne dass jemand widerspricht, eine Lehrerin greift nicht ein, als eines ihrer Schulkinder ein anderes als "Juden" bezeichnet. Wer wollte sich denn über jede Kleinigkeit aufregen? Das wäre viel zu anstrengend.

Regisseur Jan Gehler lässt die Regieanweisungen mitsprechen, um dem Zuschauer stets die Orientierung zu geben. Er setzt auf klare Zeichen und zurückhaltende Abstraktion. Die alle sechs in schwarz, jedoch unterschiedlich gekleideten Darsteller, Hanna Plaß im massgeschneiderten Kleid, ihre Kollegin Caroline Junghans in schmaler Hose und Hemd, wechseln mühelos die Charaktere, Junghans beispielsweise zwischen dem prügelnden Skinhead "Rille" und der Feature-Autorin.

Sami Bill hat eine Bühne gebaut mit kitschig gemaltem Sonnenaufgang als Rückwand, einem Fabrikschornstein aus Backsteinen davor und einem Wall aus Pappschnitzeln oder womöglich auch Streichhölzern: Sie lassen sich zu einem Berg aufschaufeln oder als Requisit in die Hand nehmen und werden dort zum Döner, den Danny und seine Kumpel in ihrer Stammkneipe verspeisen. Zwar muss mal wieder Richard Wagners Walkürenritt herhalten, um die Szenen akustisch zu trennen und das deutsche Erbe zu beschwören, doch im Übrigen hält die Inszenierung stets die Balance: So wie der Schornstein in Auschwitz stehen kann oder im Ruhrgebiet, sind auch die Figuren auf der Bühne Gegenwarts-Menschen mit einer spezifischen persönlichen Geschichte und nachvollziehbaren Gefühlen.

Ist alles Politisieren nur eine Maske?

Selbst die Döner-mampfenden Prolls in der ostdeutschen Trinkhalle kommen uns nahe, weil Florian Rummel alias Danny mit seinen großen blauen Augen sehnsuchtsvoll von einem anderen Leben schwärmt, von der Begegnung mit einer Musikstudentin im Zug. Er wird brutal aus Angst, außerhalb seiner Gruppe keine Akzeptanz zu finden.

Sind wir nicht alle ein bisschen wie die auf der Bühne? Am Ende erzählt Hanna Plaß eine bewegende Geschichte von einem Bademeister, der ein Findelkind aufliest und durch die unerwartete Begegnung wieder hinausfindet aus der Starre, in die ihn zehn Jahre zuvor der Tod seiner Frau gestürzt hat. Plaß hängt am Backstein-Schornstein im Bühnenhintergrund, sie spricht quasi mit Sicherheitsabstand zum Publikum, und dennoch rührt sie zu Tränen. Doch Vorsicht: Die Geschichte spielt im Gaza-Streifen. Also fällt die intellektuelle Entourage, fallen die übrigen fünf Darsteller im Anschluss über die junge Schauspielerin her und fordern, der Nahost-Konflikt müsse deutlich heraus- oder doch eher in die bestehende Erzählung eingearbeitet werden.

Dieser Schluss führt das Stück zurück zu seinen Auftraggebern, er wirkt, als sei er einer Theaterprobe oder der Diskussion im Büro eines Dramaturgen abgelauscht. Ist alles Politisieren nur eine Maske, mit der wir die eigenen Empfindungen bedecken, drücken wir uns, geschützt von allgemein gehaltenen politischen Argumenten, vor der Begegnung mit unserem Mitmenschen? Wie weit sind unsere hehren politischen Ideale entfernt von unserem Verhalten in der U-Bahn, wenn wir eingreifen könnten und es nicht tun? "Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute" verweist den Zuschauer gekonnt auf dessen eigenes Privatleben. Und endet entsprechend mit dem Satz: "Wer soll das sein, wir?"

Mehr zum Thema:

NSU-Prozess - Warum wirkt Beate Zschäpe glücklich?
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 22.01.2014)

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(Deutschlandradio Kultur, Reportage, 17.10.2013)

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