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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.01.2020

Theaterstück "Der Bundesbürger" in MünsterLiberaler als Wegbereiter der AfD

Von Dorothea Marcus

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Die Schauspieler Ilja Harjes, Thomas Mehlhorn und Rose Lohmann stehen vor einem Plakat mit Wolken auf einer Bühne (Theater Münster / Witte Wattendorff)
Das Szenenbild in "Der Bundesbürger" am Theater Münster symbolisiert Jürgen Möllemanns Leidenschaft für das Fallschirmspringen. (Theater Münster / Witte Wattendorff)

16 Jahre nach dem Tod des FDP-Politikers Jürgen Möllemann: Die Theaterautoren Annalena und Konstantin Küspert analysieren nicht nur dessen Geschichte als Meister der Selbstinszenierung. Sie zeigen ihn auch als Vorläufer des Rechtspopulismus.

Im Juni 2003 sprang der FDP-Politiker und passionierte Fallschirmspringer Jürgen Möllemann aus 4000 Meter Höhe in den Tod. Selbstmord oder Unfall? Im Wahlkampf 2002 hatte er, auf eigene Kosten gedruckte, anti-israelische Flugblätter an Haushalte in NRW verteilen lassen. Diese Aktion führte dazu, dass er seine Parteiämter verlor, aus der Bundestagsfraktion der FDP ausgeschlossen wurde und aus der Partei austrat.

Der FDP Politiker Jürgen F.Möllemann winkt  und blickt nach oben. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)Jürgen Möllemann war in den 1990er Jahren Vizekanzler und Bundesminister der Regierung Kohl. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Das Autorenpaar Annalena und Konstantin Küspert – beide gehören zu den erfolgreichsten Theaterautoren der Gegenwart – verdichtet die damaligen Ereignisse um Jürgen Möllemann zu einem neuen Stück für das Theater Münster. "Der Bundesbürger" beginnt heiter und schrammt bisweilen sogar am politischen Kabarett vorbei, etwa wenn Möllemann beim Neujahrsempfang der FDP ein flottes Liedchen performt:

"Liebe Nutten, liebe Nonnen, Wahlen werden in der Mitte gewonnen. 
Wo die Mitte ist, bin ich, wo ich bin ist die Mitte, 
also kommt mal von den Rändern weg und wählt mich bitte! 
Ich bin der Kandidat und komm langsam in Fahrt…"

Affären und Absurditäten der Möllemannschen Biografie

Trotz aller Heiterkeit stellt "Der Bundesbürger" eine - mit großem Anmerkungsapparat - akribisch recherchierte These auf: Die Möllemann-FDP war ein Wegbereiter der AfD, hat mit dem schillernden wie tragischen Spaßpolitiker Möllemann den Populismus in Deutschland salonfähig gemacht. Befeuert wurde dies von den Altnazis, ehemaligen SS-Größen und Kriegsverbrechern, von denen besonders die NRW-FDP stark unterwandert war – Stichwort Naumann-Kreis. 

Die Küsperts nutzen einen cleveren Kunstgriff, um die Erzählhaltung nicht zu pädagogisch wirken zu lassen: Drei Drehbuchautoren eines hippen Writer‘s Room wollen Möllemanns Leben als Pitching für eine neue fünfteilige Serie an den Mann bringen.

In fünf Teilen deklinieren sie vor dem Publikum die Möllemann-Briefbogenaffäre aus dem Jahr 1992/93, seine politischen Machtkämpfe mit Guido Westerwelle, der babyhaft grinsend im grünen Bobby-Car um die Bühne fährt, und weitere Affären und Absurditäten der Möllemannschen-Politikerbiografie durch.

Aufklärerisches Stadttheater im besten Sinne

Regisseurin Ruth Messing, die mit dem Autorenpaar zusammengearbeitet hat, lässt einzelne dieser Teile als Computerspiel oder Fußballmatch nachspielen, mit viel ironisch eingesetzter 90er-Jahre-Musik zwischen Rolling Stones und Hermann van Veen. Zwischendurch werden zudem aktuelle, in Münster durchgeführte Straßenbefragungen projiziert ("Möllemann? Wo liegt das?" oder "Damals war es noch ungewöhnlich, dass Politiker inhaltlich so wenig sagten").

Und so wird der Abend zum aufklärerischen und unterhaltsamen Stadttheater im besten Sinne: Beispielhaft geht es hier um die Platzierung eines frühen Populisten, zudem noch Sohn der Stadt Münster, der den Spaßfaktor vor die Inhalte setzte und somit Grundlagen legte für die heutige gesellschaftliche Spaltung und den Rechtsruck Deutschlands.

"Der Bundesbürger" am Theater Münster
von Annalena und Konstantin Küspert
Inszenierung: Ruth Messing  
Mit Ilja Harjes, Rose Lohmann und Thomas Mehlhorn

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