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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.05.2015

Theaterregisseurin Yael RonenTraining für den Herzmuskel

Von Gerd Brendel

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Szene aus dem Stück "Common Ground" von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)
Szene aus dem Stück "Common Ground" von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin (picture alliance / ZB / Claudia Esch-Kenkel)

Die Israelin Yael Ronen hat Mut. In "Dritte Generation" packte sie den Holocaust an. In "Common Ground", eingeladen zum diesjährigen "Theatertreffen", beschäftigte sie sich mit den Wunden der Jugoslawienkriege. Und auch in ihren neuen Stücken zielt sie mitten in die Herzen der Zuschauer.

Das Stück "Comon Ground" beginnt vor dem Stück. Niels Bormann und Orit Nahmias wenden sich direkt an das Publikum.

Yael Ronen: "Mir ist wichtig, mit dem Publikum direkt in Kontakt zu treten, damit sich die Zuschauer emotional mit dem was auf der Bühne passiert verbinden können."

Ist es das, was den Stücken von Yael Ronen immer wieder Preise und begeisterte Kritiken einbringt?

"Keine Ahnung, vielleicht weil ich aus einem anderen Kontext komme."

Der Kontext ist Israel, sein Theater und seine Geschichte: Ihr Vater Ilan Ronen leitet das israelische Nationaltheater. Ihre Mutter ist Schauspielerin. Yaels Großvater gehört zur Gründungsgeneration des Staates Israel. Wie Jerusalems langjähriger Bürgermeister Teddy Kollek war er als überzeugter Zionist vor den Nazis aus Wien nach Palästina geflohen. In ihren Stücken "Plonter" oder "third generation" erzählt sie den Nahost-Konflikt mit den Geschichten ihrer jüdischen, arabischen und deutschen Schauspieler erzählen.

"Ich find es spannend wie jeder von uns mit unseren eigenen Geschichten da drin hängt. Wir bringen alle unsere Biografien und unsere inneren Welten mit auf die Bühne."

Biografische Spuren auf der Bühne

Auch in "common ground" bringen die Schauspieler ihre eigene Biografie mit auf die Bühne. Die spielen diesmal nicht zwischen Ramallah, Tel Aviv und Berlin, sondern zwischen Sarajewo, Belgrad und Deutschland. Das Stück entstand während einer gemeinsamen-Reise nach Sarajewo. Die Schauspielerinnen und Schauspieler folgten den Spuren der eigenen Familiengeschichten. Aber die Grenze zwischen Realität und Fiktion bleibt unscharf. Treffen in Sarajewo wirklich Täter-Tochter und Opfer-Tochter aufeinander? Die Unschärfe ist gewollt.

"Der Schauspieler wird geschützt weil nie klar wird, spielt er jetzt sich selbst oder eine Rolle."

Und die Zuschauer können weder die Rolle des unbeteiligten Nachrichten-Konsumenten einnehmen, noch das, was sie auf der Bühne erleben, als Fantasie-Produkt abwehren.

"Ich lege es immer schamlos darauf an, dass das Theater immer zu einer Art Trainingsraum für die Muskeln des Herzens wird."

Mit ihrer "Trainingsmethode" ist Yael Ronen inzwischen im Berliner Maxim Gorki Theater heimisch geworden. In "erotic crisis" erforscht sie das Beziehungsleben ihrer neuen Nachbarn. Gerade hat die letzte Proben-Phase zu ihrem neuen Stück "Das Kohlhaas-Prinzip" begonnen. "Der rechtschaffenste und furchtbarste" und sehr deutsche Held der Kleist-Novelle trifft auf die Gegenwart. Aber der Konflikt in Israel lässt Ronen auch in ihrer Wahlheimat nicht los:

"In meinem nächstes Stück nach Kohlhaas geht es um Leute aus Nahost während des letzten Gaza-Kriegs in Neukölln. Da standen mit einem Mal Libanesen, Palästinenser und Israelis zusammen beim Imbiss und haben Humus gegessen."

Was sie dabei erzählen? Demnächst im Theater, wenn Yael Ronen wieder einmal die Herzmuskel ihrer Zuschauer trainiert. 

Mehr zum Thema:

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