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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.03.2017

Theaterregisseur Thomas Ostermeier"Demokratie momentan sehr nah an der Tragödie"

Thomas Ostermeier im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Thomas Ostermeier (Deutschlandradio / Jana Demnitz)
Ostermeier ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. Er inszenierte unter anderem am Deutschen Theater Berlin, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und am Burgtheater Wien. Seit 1999 ist er Intendant der Berliner Schaubühne. (Deutschlandradio / Jana Demnitz)

Schlechte Zeiten für die Demokratie, gute Zeiten für das Theater: So lautet Thomas Ostermeiers Analyse der Gegenwart. Der Intendant der Berliner Schaubühne musste nicht lange nach Stoffen für sein "Festival Internationale Neue Dramatik" suchen.

"Demokratie und Tragödie" - dieses Motto habe sich geradezu angeboten, so Ostermeier, als er auf seinen Reisen Stücke für sein Festival "FIND" sammelte. Er fand Stücke, die politisch hochaktuell unter anderem den US-Wahlkampf und den Rechtspopulismus thematisieren. Nach Auffassung des Theatermachers ist die westliche Demokratie momentan "sehr nah" an der Tragödie - zumindest, was das Verständnis der Wähler anbelange:

"Ich glaube, mit Colin Crouch kann man wirklich von (einem) postdemokratischen Zustand sprechen, das heißt das Vertrauen der Wähler in die Institutionen, in die Regierungen ist geschwunden. Eine Demokratie, die nicht getragen wird von den Bürgern des Landes, hat (...) Schwierigkeiten, sich als eine solche zu bezeichnen."

Starkes Interesse am Theater

So gering das Vertrauen in die Politik, so stark offenbar das Interesse am Theater, wie Ostermeier es erlebt: Das Theater habe im Moment "eine gute Zeit", sagt er: "Wir haben eine politische Situaiton, wo die Zuschauer wieder interessiert Standpunkte verfolgen, auch politische Standpunkte verfolgen, Inhalte, Text, Argumente, die sich mit Sprache ausdrücken und auf der Bühne in Dialogen verhandelt werden." Demnächst wolle er Ödön von Horvaths "Die italienische Nacht" auf den Spielplan setzen, ein Stück von 1930, das den aufkommenden Faschismus behandle. Und mit Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" werde er die Frage behandeln, warum jetzt viele rechtsextrem wählten:

"Furchtbarerweise sind das für mich als Theatermacher Zeiten, in denen es mir sehr leicht fällt, Dinge zu erzählen, weil ich genau weiß, wovon ich erzählen will, und wo viele Leute wieder ins Theater kommen."

(bth)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Politik kann alles sein und auch alles Mögliche, Tragödie, Komödie, Drama, Rührstück, Farce. Dasselbe könnte man auch über Gerichtsverhandlungen sagen und natürlich über das Theater. Ein internationales Theaterfestival, genauer: das Festival Internationale neue Dramatik, mit der schönen Abkürzung FIND, das findet seit gestern bis zum 9. April in Berlin statt an der Schaubühne. Und es hat Demokratie und Tragödie in den Mittelpunkt gestellt.

Es gibt Stücke über den US-amerikanischen Wahlkampf, über Rechtspopulismus bis hin zu einem Wahlexperiment, und es wird auch gekocht. Thomas Ostermeier ist der künstlerische Leiter der Schaubühne und politisch engagierter Theatermacher, Sie kennen ihn von seinen Aufführungen von Shakespeare, Ibsen, aus Venedig, vom BE, aus München, aus Wien, aus Hamburg, er war mit der Baracke des DT mal Theater des Jahres. Und er ist jetzt bei uns im Studio mein Gesprächspartner! Schön, dass Sie da sind!

Thomas Ostermeier: Ja, hallo!

von Billerbeck: Heute Abend feiert beim FIND-Festival Richard Nelsons Stück "The Gabriels" Premiere, ein Stück, das sich von März bis November 2016 sozusagen in Echtzeit den US-Wahlen gewidmet hat. Am Küchentisch der Familie des verstorbenen Thomas Gabriel wird über Gott, die Welt, vor allem Politik geredet, die Familie hat in New York sozusagen live den Wahlkampf bis zum Wahltag begleitet. Nun ist das ja alles vorbei. Funktioniert das denn so im Nachhinein?

Ostermeier: Na ja, furchtbarerweise funktioniert das besonders deshalb, weil die Hoffnungen der Beteiligten in dem Stück ja alle enttäuscht wurden. Da es sich um eine weiße Ostküstenfamilie mit bürgerlichem und auch halb akademischen Hintergrund handelt, sind das alles demokratische Wähler, die mit den Enttäuschungen der Partei der Demokraten konfrontiert waren, aber jetzt auch mit der Frage natürlich konfrontiert sind: Wie kann es denn sein, dass Trump kommt? Und deswegen ist das eine Ursachenforschung und deswegen funktioniert es.

von Billerbeck: Wie ist denn diese doppelte Ebene dann? Wir werden jeden Tag mit Trumps Tweets befeuert und dann gibt es dieses Stück, was sozusagen noch mal einen Schritt zurückgeht.

Ostermeier: Ja, das Stück ist ja davor und, wie ich schon erwähnte, eine Ursachenforschung. Das heißt, wo ist das Selbstverständnis der Demokraten, wo ist das Selbstverständnis der weißen amerikanischen Mittelschicht, die nicht ins andere Lager gewechselt ist, was haben sie für Ideen zu der Frage, was haben die Demokraten falsch gemacht? Man scheut sich ja ein bisschen davor sozusagen, mit den Demokraten und Amerika zu sagen: Was hat die Linke falsch gemacht? Wobei das ja eine Frage ist, die in Europa glaube ich an erster Stelle steht für das, was wir gerade mit dem Rechtspopulismus zu gewärtigen haben.

"Postdemokratischer Zustand"

von Billerbeck: Diese Variante, sich mit Theater sehr direkt und sehr aktuell politisch einzumischen, die ist ja ungewöhnlich. Musste das sein? Konnten die beteiligten Theatermacher gar nicht anders?

Ostermeier: Na ja, das Motto, Demokratie und Tragödie, haben wir uns nicht ausgedacht und gesagt, so, und jetzt gehen wir unter dieser Überschrift los und suchen Stoffe. Sondern wir haben auf unseren vielfältigen Reisen verschiedene Stoffe gesehen und haben gesagt: Mensch, das lässt sich eigentlich relativ gut subsumieren unter diesem Titel.

Das heißt, viele Theatermacher bis hin zu diesem Kunstästheten, Kunst als Religionsersatz, Romeo Castellucci macht ein Stück, das heißt "Democracy in America". Und Romeo ist ja eigentlich ein Künstler, der sich überhaupt nicht interventionistisch mit seiner Kunst für Politik interessiert, aber auch bei ihm ist so eine Ursachenforschung. Allerdings geht er sehr weit zurück, Alexis de Tocqueville, der sowohl die Französische Revolution als auch die Amerikanische erlebt hat … Also, als wir dann die vielen Stücke gesehen haben, haben wir uns gesagt, das könnte das Motto sein.

von Billerbeck: Das passt irgendwie auch, wenn wir gerade diese Austrittsorgie Großbritanniens aus der EU erleben. Wie nah ist denn die westliche Demokratie gerade an einer Tragödie?

Ostermeier: Oh, sehr nahe. Nach meinem Gefühl sehr, sehr nah. Vielleicht gar nicht so sehr, was die Institution Demokratie anbelangt, sondern vielmehr was das Verständnis der Wähler anbelangt. Also, ich glaube, mit Colin Crouch kann man wirklich von einem postdemokratischen Zustand sprechen, das heißt, das Vertrauen der Wähler in die Institutionen, in die Regierungen ist geschwunden, und eine Demokratie, die nicht getragen wird von den Bürgern des Landes, hat glaube ich Schwierigkeiten, sich als eine solche zu bezeichnen. Und ja, ich glaube, Brexit ist nur ein Phänomen, auch Le Pen in Frankreich und der französische Wahlkampf, was da verhandelt wird, ist ja auch nur ein Phänomen.

Ich war gerade wieder in Frankreich, und wenn man dann im Hotelfoyer sitzt und der Ton ist ausgedreht und man guckt den Politikern zu: Politik wird auf Überschriften reduziert, es geht um die Performance der Politiker, Inhalte sind in den Hintergrund gedrängt, die Unterscheidbarkeit der Programme ist relativ gering geworden. Und vor allen Dingen müssen wir uns immer wieder mit einer Frage konfrontiert sehen: Was bringt das alles, wenn wir sagen, ihr dürft wählen, aber ihr werdet nicht an dem Reichtum einer Gesellschaft und der gerechten Verteilung dieses Reichtums beteiligt? Auch das ist, glaube ich, eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

"Im Moment sehr leicht, Stoffe zu finden"

von Billerbeck: Nun haben Sie davon gesprochen, dass die Politik, die Institutionen kein Vertrauen mehr genießen bei denen, die ja wählen gehen. Wie ist denn das Vertrauen der Zuschauer zum Theater?

Ostermeier: Das Theater ist eine gute Zeit im Moment. Das ist traurig, aber wahr.

von Billerbeck: Wenn es kracht, ist immer gut für's Theater.

Ostermeier: Nein, wir haben eine politische Situation, wo die Zuschauer wieder interessiert Standpunkte verfolgen, auch politische Standpunkte verfolgen, Inhalte, Text, Argumente, die sich mit Sprache ausdrücken und auf der Bühne in Dialogen verhandelt werden. Das erleben wir gerade mit "Professor Bernhardi", ein Stück, wo ich Scheu hatte, es auf den Spielplan zu setzen, weil es überhaupt nicht bekannt ist, weil 16 Ärzte sich darüber streiten, ob der Protagonist richtig oder falsch gehandelt hat. Und es hat einen unwahrscheinlichen Erfolg und viele Leute sind sehr zufrieden darüber, dass sie die Standpunkte verfolgen können und das mit ihren eigenen Standpunkten in ihrem Leben und in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe abgleichen können.

Und auch bei der Suche nach den Stoffen merke ich, mir fällt es im Moment sehr leicht, Stoffe zu finden, furchtbarerweise. Ja, Schnitzler war ein Stoff Anfang des 19. Jahrhunderts zum Antisemitismus, der nächste Stoff, den ich mache, ist Ödön von Horváth, "Italienische Nacht", ein Stück, was er 1930 geschrieben hat über den aufkommenden Faschismus. Ich behandele mit Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" die Frage nach Populismus in Europa und warum viele jetzt rechtsextrem wählen. Furchtbarerweise sind das für mich als Theatermacher Zeiten, in denen es a) mir sehr leicht fällt, Dinge zu erzählen, und ich sehr genau weiß, wovon ich erzählen will, und wo viele Leute wieder ins Theater kommen, habe ich fast das Gefühl.

von Billerbeck: Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, über das Festival Internationale Neue Dramatik, das bis zum 9. April dort selbst läuft. Ich danke fürs Kommen!

Ostermeier: Danke schön!

von Billerbeck: Und die spannendsten internationalen Theaterproduktionen werden dort gezeigt, aus Belgien, Chile, Deutschland, Iran, Irland, Italien, Kolumbien, Mexiko, Spanien, den USA und Wales. Und alles eben unter dem Motto: Demokratie und Tragödie. Und mehr dazu auch bei uns in der Sendung "Rang eins" in unserem Theatermagazin am Samstag, da wird nämlich der Regisseur Richard Nelson zu Gast sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das "Festival Internationale Neue Dramatik", kurz FIND, läuft noch bis zum 9. April 2017 an der Schaubühne Berlin.

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