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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2017

Theaterregisseur Falk RichterRechtspopulistische Bewegung zielt auf Grenzüberschreitung

Moderation: Andrea Gerk

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Falk Richter im Deutschlandradio Kultur-Studio (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)
Regisseur und Autor Falk Richter im Studio von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)

Regisseur Falk Richter schätzt die Grenzüberschreitungen zwischen Politik und Theater. Dieser Ort sei ein Freiraum für Diskussionen über alle gesellschaftspolitisch relevanten Themen, sagt er: Und ganz besonders für die Auseinandersetzung über extreme Haltungen von Rechtspopulisten.

Ob wir tatsächlich wieder Grenzen brauchen, wie es Populisten gerne verbreiten und was Grenzen für unsere Identität bedeuten - darum geht es in den Thementagen von Deutschlandfunk Kultur am 10., 17. und 24. Mai mit dem Titel "Und jetzt? Leben in Zeiten des Populismus".

Der Regisseur und Autor Falk Richter liefert bei in seiner Theaterarbeit häufig  gesellschaftspolitische Analysen und geht dabei auch gerne an Grenzen, etwa in seinem Stück "Fear" an der Berliner Schaubühne oder in seiner neuen Inszenierung "Verräter" am Maxim Gorki Theater.

Richter beschrieb im Deutschlandfunk Kultur seine Vorstellung vom Theater als freiem Diskussions- und Themenraumraum:  

"Am Theater kann man sich mit allen gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen. Das ist auch wichtig, dass das passiert. Das Theater ist ja der Ort, an dem sich eine Gesellschaft auch darüber verständigen kann: Was will sie ? Wo will sie hin? Was sind die schwierigen Themen? Und das ist auch ein Ort, wo man zusammen kommt, gemeinsam was erlebt und anschließend auch diskutieren  kann. Insofern sind alle Sachen, die eine Relevanz haben, auch möglich auf dem Theater."

Eine Szene aus dem Stück "Fear" von Falk Richter, aufgeführt an der Berliner Schaubühne – im Hintergrund ist in einer Videoprojektion Marine Le Pen, Parteivorsitzende der französischen Front National, zu sehen. ( picture alliance / zb)Eine Szene aus dem Stück "Fear" von Falk Richter, aufgeführt an der Berliner Schaubühne – im Hintergrund ist in einer Videoprojektion Marine Le Pen, Parteivorsitzende der französischen Front National, zu sehen. ( picture alliance / zb) 

"Ich wollte einen Diskurs anregen"

Wenn Theater und politischer Diskurs sich sehr nahe kommen, kann das zu einer wichtigen Erfahrung werden, sagt Richter. Es sei falsch, das Theater nur als eine Randerscheinung zu sehen:

"Ich wollte einen Diskurs anregen. Ich wollte die Leute dazu bringen, sich darüber klar zu werden, dass es eine meiner Meinung nach sehr gefährlich, völkisch-nationale, rechtspopulistische Bewegung gibt, auch in Deutschland. Das haben wir jahrelang für unmöglich gehalten, dass Leute wie Björn Höcke auch rechtsradikale Auffassungen einfach so vertreten können und unentwegt Grenzen überschreiten. Ich glaube, die ganze rechtspopulistische Bewegung ist ja eine Bewegung, die darauf zielt, unentwegt Grenzen zu überschreiten. Sie will damit eigentlich alle Tabus fluten, so dass es im Grunde eine entfesselte Gesellschaft gibt."

Mit den Mitteln der Satire gegen die Lächerlichkeit von Rechtspopulisten

Sind solche politischen Grenzüberschreitungen für den Künstler ein überaus brauchbarer Stoff, ein gefundenes Fressen? Sie liefern auf alle Fälle wichtige Erkenntnisse über die Bandbreite von Stimmungen und Haltungen innerhalb einer Gesellschaft, meint Richter:  

"Also die Rechtspopulisten zeigen auf jeden Fall erst mal auf eine bestimmte Weise, was für extreme Haltungen es offenbar in der Gesellschaft gibt. Und es zeigt natürlich - das sieht man jetzt auch zum Beispiel, wenn man sich Trump in den USA anguckt – eine Art von Politik, zu der man dann einfach sagen kann: 'Die wollen wir nicht. Das ist uns zu extrem. Das ist unmenschlich. Das schürt nur den Rassenhass, die Ungerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft.' Also, die zeigen etwas auf.''

Manche Äußerungen der Rechtspopulisten seien lächerlich und selbst schon eine Persiflage, so Richter. Deshalb habe er in seinem Stück "Fear" auch stark mit Mitteln der Satire gearbeitet:

"Und eigentlich habe ich gezeigt, wie lächerlich leer und hohl das Ganze auf der einen Seite das ganze Gerede ist. Aber natürlich auch, wie gefährlich das ist. Es ist ja auch gefährlich, wenn man die ganze Zeit damit spielt, dass man Massen aufhetzt, dass man volksverhetzende Reden hält und letztlich versucht, Menschen, gruppen gegeneinander aufzuhetzen und die Gesellschaft so auseinanderdriften zu lassen." (ue)

Szene im Theaterstück "Fear" über Hass-Sprech an der Berliner Schaubühne (Imago)Szene im Theaterstück "Fear" über Hass-Sprech an der Berliner Schaubühne (Imago)


 
 
    

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