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Fazit | Beitrag vom 12.06.2019

Theaterperformance "Patrol" von "Machina Ex"Ereignislose Schnitzeljagd in Berlin

Von André Mumot

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lila Menschen-Silhouetten laufen durch die Stadt, durch Kreise sind hin und wieder Geischter zu erkennen (HAU/ machina eX)
Gesellschaftskritisch, auf Dauer aber etwas ermüdend: "Patrol" von "Machina Ex" (HAU/ machina eX)

Die Performances der Theatergruppe "Machina Ex" glichen schon immer einem Computerspiel. Mit "Patrol" geht es jetzt an die frische Luft. Die Zuschauer werden zu freien Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma und bekommen ihre Aufträge per SMS.

Seit vielen Jahren ist es ihre Spezialität: Die Performer von "Machina Ex" laden ihr Publikum in penibel konstruierte Räume – zum Rätsellösen. Theater als Live-Computerspiele, mit Darstellerinnen und Darstellern, die mechanische Bewegungen vollführen und darauf warten, von ihren Besuchern die richtigen Fragen gestellt zu bekommen oder rechtzeitig gerettet zu werden, bevor die tickende Zeitbombe unter dem Schreibtisch in die Luft fliegt.

Digital-interaktives Theater an der frischen Luft

Eine Grundidee, die die Gruppe oft variiert hat, die man inzwischen allerdings – wenn auch weniger kunstvoll und ironisch – ebenso aus den überall aus den Boden schießenden Escape Rooms kennt. Nun gehen die Vorreiter des digital-interaktiven Theaters einen Schritt weiter und wagen sich zum ersten Mal an die frische Luft.

"Patrol" heißt die neueste Produktion, die jetzt am Berliner Theater Hebbel am Ufer Premiere hatte – oder besser gesagt: rund ums Haus, in den angrenzenden Straßen, Parks, auf Parkplätzen und in Hinterhöfen, zwischen Geschäftszeilen und unter S-Bahn-Brücken.

Die Zuschauer sind auch diesmal Mitspieler, die allerdings nicht in Gruppen unterwegs sind, sondern vereinzelt, ausgestattet nur mit ihrem eigenen Handy. Zu freien Mitarbeitern der ominösen Sicherheitsfirma "Patrol" werden sie ernannt und in der Mitte Berlins auf Patrouille geschickt, als effizient anonyme Bürgerwehrvorhut.

Wieviele Messerstechereien gibt es vor dem Einkaufszentrum?

Die Aufträge kommen per SMS und stammen von besorgten Einzelpersonen, die zum Beispiel wissen möchten, wie viele Menschen eine bestimmte Ampel bei Rot überqueren, wie viele Messerstechereien vor dem Einkaufszentrum innerhalb von vier Minuten passieren, oder ob der Abstand zwischen Dönerbude und Taubenkot auch die vorgeschriebenen zehn Mindestmeter beträgt.

eine SMS aus dem Stück "Patrol" von Machina eX (André Mumot)Die Zuschauer werden per SMS gelenkt (André Mumot)

Gute zwei Stunden bewegt man sich so vor und zurück, wird getestet und belobigt, steigt in einem ausgeklügelten Punktesystem auf oder ab, während man sich im Sinne einer vorgeblichen Sicherheit zum Spitzel machen lässt.

Der gesellschaftskritische Ansatz jedoch verpufft schnell bei der erstaunlich ereignislosen Schnitzeljagd, in der man den Performern so gut wie gar nicht begegnet. Natürlich soll es darum gehen zu erkennen, wie sehr wir bereits daran gewöhnt sind, über digitale Kontaktwege zu funktionieren, wie wir uns fernsteuern und fremdbestimmen lassen, wie sehr wir auch in einem kapitalistischen Selbstvermarktungs- und Optimierungswahn feststecken und uns von vergebenen Sternchen und Schmeicheleien bauchpinseln lassen.

Irgendwann ist einfach alles vorbei

Trotzdem enttäuscht diese Arbeit, zumal sie sich zu keinerlei inhaltlicher Verschärfung oder Zuspitzung durchringen kann. Nach einer langen Reihe äußerst redundanter Aufgaben und Ortswechsel ist dann irgendwann alles einfach vorbei. Per SMS oder Anrufbeantworternachricht wird sich artig bedankt und der Zuschauer als freier Mitarbeiter in den gewittrigen Abend entlassen. Weder sicherer noch unsicherer fühlt man sich, höchstens etwas müde gelaufen – und ist froh, das Handy endlich mal wieder ausstellen zu können.

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