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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.03.2019

Theaterfrau Ariane MnouchkineDie Ängste der Welt in meisterlichen Spektakeln

Von Barbara Kostolnik

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Ariane Mnouchkine, Gründerin des "Théâtre du Soleil", bei einer Veranstaltung in Rennes im November 2018 (dpa / picture alliance / Jean-Christophe Bott)
Ariane Mnouchkine, Gründerin des "Théâtre du Soleil", bei einer Veranstaltung in Rennes (dpa / picture alliance / Jean-Christophe Bott)

Sie ist eine der bekanntesten Figuren des zeitgenössischen Theaters: die Regisseurin Ariane Mnouchkine. Ihr Pariser "Théâtre du Soleil" sprengt alle Konventionen und setzt immer wieder Ausrufezeichen. Nun wird Ariane Mnouchkine 80 Jahre alt.

Sie gibt immer alles. Und sie erwartet, dass auch ihre Schauspieler alles geben.

Ariane Mnouchkine bei einem stage, einem Schauspiel-Kurs in der Munitionsfabrik des Théâtre du Soleil: Sie gestikuliert, mischt sich ein, korrigiert lautstark. Wildes graues Haar wippt, die unvermeidliche Lesebrille baumelt um den Hals.

"Ich suche nie die Schauspieler für mein Theater", sagt sie, "dafür ist die Arbeit zu speziell, auch nicht super bezahlt. Die Leute kommen zu mir, sie müssen Lust haben, motiviert sein, genau das wollen."

Zwei Männer unter der Burka

Ihre Truppe beim Théâtre besteht aus Erfahrenen und Newcomern, 50 Prozent Männer, 50 Prozent Frauen, darauf legt sie Wert. Parität auch bei der Technik und im Büro. Im Stück "Ein Zimmer in Indien" hat sie zwei Männer unter die Burka gesteckt. Mnouchkine-Humor.

"Für das Théâtre du Soleil braucht es Mut, Vorstellungskraft und Humor, oder besser, die Fähigkeit über sich selbst lachen zu können."

Ariane Mnouchkine ist mittlerweile 80 Jahre alt, aber sie sprüht vor Energie, ist und bleibt hochpolitisch. Nichts und niemand wird sie am Theatermachen hindern – auch nicht die Terror-Miliz Islamischer Staat:

"Ich fasse die Islamisten nicht mit Samthandschuhen an, nein, mache ich nicht. Aber bitte verraten Sie ihnen nicht meine Adresse."

Mnouchkine sei genial, präzise und mutig, sagt ihr langjähriger Wegbegleiter François Duplat, als er gebeten wird, die Theater-Regisseurin in drei Adjektiven zu beschreiben. Sie hat Stücke über Aids gemacht, über Migranten, kein Thema war ihr zu heikel. Sie hat das westliche mit dem östlichen Theater verschmolzen. Immer mit vollem Einsatz. Ganz nach dem Motto ihres Lieblings-Autors:

"Sweat sweat and sweat again, comme disait Shakespeare."

Liebesbeziehung mit dem Publikum

Auch ihre Schauspieler müssen schwitzen – und in der Lage sein, Mnouchkine auf ihre vielen Reisen zu begleiten. Auch innerhalb eines Theaterstücks:

"Ich weiß nie, wann eine Szene fertig ist oder ausgereift, meine Schauspieler sagen mir manchmal: Dafür brauchen wir jetzt das Publikum. Ein Regisseur kann nicht alles zeigen, das Publikum macht den Deckel drauf."

Denn bei aller Kunst – für Mnouchkine ist das Publikum das Maß aller Dinge.

"Das ist jeden Abend eine Liebesbeziehung zwischen den 550 Zuschauern und den 38 Schauspielern, fast erotisch, ein Band des Vertrauens."

Im "Sonnentheater" ist das Publikum König, gehen alle gemeinsam auf Reisen, und Mnouchkines Publikum genießt diese Reisen – egal, ob sie nach Indien oder zu Shakespeare führen.

"Ich breche jedes Mal mit Ihnen auf", bedankt sich eine Frau bei einer Veranstaltung in Montpellier. "Ich brauche nach jedem Theaterabend mindestens zwei Tage, um wieder in der Realität anzukommen."

"Ich bin nicht unsterblich"

Ariane Mnouchkine ist das "Sonnentheater", hier kreist alles um die energische Frau. Und doch hat sie jüngst zum allerersten Mal einem Regisseur in der Munitionsfabrik das Kommando übertragen. Zeichen eines langsamen Abschieds?

"Als ich ihn mit meinen Schauspielern gesehen habe, war ich zunächst ein bisschen eifersüchtig, aber er wird mir nicht nachfolgen. Ja, eines Tages werde ich aufhören. Ich bin nicht unsterblich."

Ihr Theater aber ist es wohl. Sie selbst ist sich im Laufe ihrer langen Karriere immer treu geblieben, selbst wenn sie unlängst zugeben musste, dass sie sich verändert hat:

"Ja, ich bin möglicherweise milder geworden. Ich weiß jetzt, was ich am Anfang nicht wusste: Man muss auch mal sagen, wenn etwas schön ist. Ich wollte immer sofort etwas mehr."

Wer alles gibt, darf auch alles erwarten.

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