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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

Theaterfestival "Impulse"Zwischen elektrisierend und total banal

Von Christiane Enkeler

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Situation mit Doppelgänger (Julian Warner & Oliver Zahn) (©Oliver Zahn)
Auch die Newcomer Julian Warner & Oliver Zahn sind bei "Impulse" mit dabei (©Oliver Zahn)

In Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr wird das Theaterfestival "Impulse" ausgetragen. Die Leitfrage an allen drei Orten: Wie Theater politisch sein kann - das erforschen die Macher in ganz unterschiedlichen Formaten.

Halbzeit beim Theater-Festival "Impulse" in Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr. Es will in jeder Ausgabe die jeweils "wichtigsten freien Theaterproduktionen aus dem deutschsprachigen Raum" zeigen, diesmal mit Schwerpunkt auf Düsseldorf. Trotzdem ist in den anderen beiden Städten auch was los, denn das Festival hat drei internationale Auftragsproduktionen vergeben. In Köln dreht das Nature Theater of Oklahoma aus New York einen Science Fiction über ein dystopisches "Germany Year 2071": Deutschland zerfällt in Krisen und Revolutionen, Außerirdische wurden erst begrüßt und nun gezüchtet und gegessen. Es wird rückwärts gedreht und später vorwärts abgespielt. Zu den nächsten Impulsen soll der Film fertig sein. Über Facebook kann sich jeder über aktuelle Drehtermine informieren und einfach hinkommen und mitmachen; durch eine Kooperation mit dem Festival "Foreign Affairs" geht es anschließend in Berlin weiter.

Auch Düsseldorf zeigt eine internationale Produktion: Die israelische Künstlergruppe Public Movement initiiert eine politische Debatte mit echten Politikern im echten Düsseldorfer Rathaus und legt Wert darauf, dass auch die AfD vertreten ist. Es kommt zu Buh-Rufen, aber nicht zum Eklat. Vor dem Rathaus stehen ein paar Demonstranten mit Transparenten, innen gibt es kurz einen Sprechchor: "Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda", aber Helmut Seifen von der AfD sagt nichts Skandalöses – zumindest nach dem, was man sich immer noch im Internet ansehen kann. Denn die Theatersite nachtkritik.de hat live gestreamt und der Stream steht an diversen Stellen noch im Netz.

Es geht um Sex und Scham und um Körper und Teile

Wer allerdings am selben Tag noch zu She She Pops "50 Grades of Shame" wollte, hatte das Rathaus vor dem AfD-Beitrag schon verlassen in Richtung Düsseldorfer Tanzhaus. She She Pop haben sich dort als Urgesteine der freien Szene, diesmal mit den Münchner Kammerspielen zusammen, mit dem jungen oder auch alternden, nackten oder angezogenen, begehrten oder abgelehnten Körper auseinander gesetzt und Seitenblicke auf den ähnlich benannten Sadomaso-Bestseller und Wedekinds "Frühlings Erwachen" geworfen. Es geht um Sex und Scham und um Körper und Teile, um Zuschreibungen und Besetzungen, um freie Gefühle und schamhafte Verwirrungen. Durch Videocollage teilen sich die Darsteller ihre Körper: Wie bei einem Klapp-Buch spricht oben ein Kopf, dessen Hals auf dem Rumpf einer Kollegin sitzt, deren Beine wiederum einem anderen Kollegen gehören, und am Ende skelettiert das Ganze auch noch.

Es ist nicht der einzige Beitrag, der den Körper als Feld der Politik ausmacht. Völlig anders gehen die Newcomer Julian Warner & Oliver Zahn damit um. Der eine ist Regisseur, der andere promoviert in Kulturanthropologie. Beide zusammen haben einen nüchtern-klaren Tanz-Essay entworfen, eine Art Lecture mit beschreibendem Text: "Situation mit Doppelgänger". Es geht um Tänze und darum, wem sie "gehören", wessen Ausdruck sie sind, wie sie missverstanden werden und parodiert. Und was das mit Machtverhältnissen, Über- und Unterlegenheit und Vereinnahmung von Körpern und Körpersprache zu tun hat. Weiße imitieren Schwarze. Schwarze imitieren Weiße. Schwarze und Weiße lachen über dieselben Tänzer – und verstehen jeweils etwas völlig Anderes und doch Ähnliches: ihre eigene Überlegenheit. Rahmen für das Ganze ist die Nachstellung eines Minstrel-Wettbewerbs. Die beiden Darsteller tanzen auf nackter Bühne nur zum sparsamen Licht, zu ein paar Musikbeispielen und dem kurzen Text, der die verschiedenen Beispiele schlicht vorstellt und dem Publikum das Denken nach der Recherche überlässt.

Komplizierte dramaturgische Konstruktion

Wie Theater politisch sein kann, ist die Leitfrage des Festivals. Deshalb spielt es viele Themen und fast noch mehr Formen durch. Rimini-Protokoll hat ein interaktives Hörspiel entworfen, in dem junge Flüchtlinge zu Wort kommen, die in Griechenland festsitzen. In "Evros Walk Water" geben sie dem Publikum über Kopfhörer Anweisungen, was es zu tun hat, um ein Drei-Minuten-Konzert von John Cage nachzustellen. Dabei erzählen sie allerdings ihre Geschichte. Statt zum Beispiel der Badewanne von Cage steht dafür ein Schlauchboot auf der Bühne, an dem sich verdeutlichen lässt, wie eng es wird, wenn 50 Menschen eine gefährliche Reise wagen.

Hier wie bei der Rathausdebatte geht auch viel Inhalt in der komplizierten dramaturgischen und technischen Konstruktion unter.  Erkennbar bleiben trotzdem die richtungweisenden Ideen und zu Grunde liegenden Gedanken.

Vollkommen unaufwändig dagegen sind solche Veranstaltungen wie die so genannten "Talks". Sie gehören zum internationalen Programm in Mülheim an der Ruhr, wo neben Akademikern der Flüchtlingsplattform "Silent University" drei Künstlergruppen eingeladen wurden, in Workshops je 20 ausgewählten internationalen Teilnehmern ihre Methoden und Strategien zu vermitteln, die Talks sind der offene Teil.

Die offene Runde ist international

Eine der Gruppen ist PAF, das Performing Arts Forum, eigentlich eher ein Ort in der französischen Pampa, wo man zusammen und nebeneinander in einem Haus an Projekten arbeitet. Im Ringlokschuppen Mülheim sitzen wir für den Talk zu 15 bis 20 Menschen mit einem Schweden, einer Deutschen und einer Italienerin von PAF zusammen im Kreis und diskutieren den utopischen Moment, der im Begriff des "Präfigurativen" liegt, fast zwei Stunden lang, auf Englisch, denn auch die offene Runde ist international.

Das Präfigurative unterläuft uns in Kontingenz; wenn wir feststellen, dass sich hier eine politische Möglichkeit manifestiert hat, ist sie schon zu konkret geworden, um noch präfigurativ zu sein. Die ganze Sache liegt irgendwo zwischen elektrisierend und total banal, und am Ende hat man vielleicht festgestellt, dass gerade im Zusammensitzen in dieser Runde, bei der ein Kind in aller Ruhe, umarmt, gehalten und beschmust, während der ganzen Diskussion eingeschlafen ist, etwas Präfiguratives gelegen haben mag.

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